Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1902)
- Date
- 1902-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1975 Feuilleton. M Stil Ritscii tiiicS MMMkii. Nach dem Hebräischen von M. E Eiserrstadt. 81 15. Ab. Lieber Freund! Nicht nur siebenmal, sondern hundertmal stürzt der Jude und erhebt sich doch immer wieder von neuem. Freilich steht er auch dann noch gebückt und gekrümmt, und nimmer ganz aufrecht, aber immerhin .... Wir. sind ja ein genügsames Volk und das Wenigste macht uns glücklich. Als die Noth am höchsten war. wie hätte ich da zu hoffen gewagt, einen, wenn auch höchst unbequemen Ausweg zu finden? Ich danke Gott aus vollem Herzen, daß ich jetzt in Ehren mein bescheidenes tägliches Brod finde. Ich bin jetzt.... weißt Du was? .... Briefträger bin ich. Du wunderst Dich gewiß, daß jetzt, in der Zeit, da das Verbot, Juden die „Würde" eines Briefträgers zu übertragen, in aller Strenge aufrecht erhalten wird, ich so hoch auf die hierarchische Stufenleiter steigen konnte. Aber die Sache liegt so: Chajim, dem ich, wie Du weist, noch immer fünfundsiebzig Rubel schulde, und dem sein Geld lieber ist, als sein Leben, fing in der letzten Zeit an, mit mir freundlich zu thun, mir zu schmeicheln und förmlich den Hof zu machen. Vor ein paar Tagen kam er und theilte mir mit, daß er für mich eine sehr ehrenhafte Nahrungsquelle ausfindig gemacht habe, bei der ich auch, noch etwas ersparen könnte, nur müßte ich mich verpflichten, ihm rasch meine Schuld zu tilgen. Natürlich willigte ich ein und versprach ihm. Alles zurückzuerstatten, wenn er mich nur von dem Müßiggang rettet. Da eröffnete er mir, daß, als er jüngst beim. Postdirektor war, um ihm ein Sümmchen zu leihen, dieser ihm versichert habe, er wolle ihm zu Liebe, aus Anerkennung und Dankbarkeit für seine treuen Dienste, sich den Juden günstig erweisen und wieder einmal einen von ihnen zu dem Range eines Briefträgers erheben. wenn nur die Stadtbewohner ihre Verwandten, Freunde und Bekannten von Auswärts, die mit ihnen korrespondiren, ersuchen würden, ihnen die Briefe immer nur auf die Adresse des Briefträgers zu senden, jedoch niit dem Vermerk: „Für T. Dieser Einfall des Postdirektors war sehr einfach und leicht zu bewerkstelligen. Noch an demselben Tage lies ich von Haus zu Haus, von Hof zu Hof und von Gosse zu Gasse, und bat alle unsere Stadtleute, in dem angedeuteten Sinne an ihre Bekannten zu schreiben. Die Angehörigen der armen und ungebildeten Volksklassen begrüßten meinen Vorschlag mit aufrichtiger Zufriedenheit und sind sehr erfreut, wieder einmal einen i Glaubensgenossen zum Briefträger zu haben; alle ohne Ausnahme willfahrten meinem Wunsche. Doch die Gebildeten und Aufgeklärten machten Schwierigkeiten, indem sie betonten, sie möchten nicht gerne dem jüdischen Briefträger unterworfen sein. So theilte sich unsere Stadt in zwei Parteien. Doch will ich Dir nur gestehen, daß es mir weit lieber ist, der Erwählte der armen, als der reichen und „gebildeten" Klasse zu sein. Die Erstere blickt nämlich zu dem Briefträger wie zu einem höheren Wesen empor; freilich lassen auch die Reickien und Gebildeten es an Ehrenbezeugungen für den Repräsentanten der Staatsgewalt nicht ermangeln, doch sind sie bereits hinter das Geheimniß gekommen, daß die Entlohnung des Briefträgers keine vom Staate geforderte, sondern nur eine freiwillige ist., Daher lassen sie es bei den Ehrenbezeugungen bewenden und zahlen dem Briefträger meist gar nichts oder nur von Zeit zu Zeit. Die Armen dagegen geben für jeden überbrachtcn Brief den üblichen Vringerlohn. - 7. Ellul. . Lieber Freund! Bisher sind noch verhältnißmäßig wenige Briefe auf meine Adresse eingelaufen. Aber ich gehe'gleichwohl jeden Tag zur Post, wo ich zusammen mit meinen christlichen Kollegen. Arbeiten erledige. Gestern ließen der Direktor und andere Postbeamten mir eine große Ehre zu Theil werden. Sie luden mich nämlich in ein Frühstückszimmer, wo wir eine Orgie feierten. Wir — das heißt natürlich sie — tranken Schnaps und aßen Bretzel, Käse, Kräpfchen und gefüllte Fische; am Ende bezahlte ich die Zeche mit fünf Rubeln — den letzten, die mein Schwiegervater mir gab. Ich that es gerne. Weiß ich ja nur zu gut, daß man . bei uns mit den „Großen" nicht Verkehren kann, wenn man knauserig ist. 4. Tischri 6651. •- Lieber Freund! Seit zwei Wochen übe ich meine neue Berufs-, thätigkeit aus, der ich vom frühesten'Morgen bis svät in die Nachmittagsstunden hinein obliege. Zweimal in der Woche, wenn Briefe aus den entfernter gelegenen Provinzen des Reichs anlangen, trage ich sie auch am Abend aus und vertheile sie. Mein Kollege, der christliche Briefträger. haßt mich bitterlich und blickt auf mich, wie auf einen, der ihm das Brod aus dem Munde wegnimmt. Ich kaufe mich von ihm los, indem ich ihm jedesmal Zigarren und von dem'ihm so heiß geliebten Schnaps anbiete. Und so läßt-er mich ungeschoren. Um sechs Uhr jeden Morgen gehe ich in die Synagoge beten. Dann verzehre ich ein kleines Frühstück und eile: sofort in das Postgebäude, wo ich die anlangenden. Briefe in Empfang nehme und sortire. Das dauert^- eine ziemlich geraume Weile. So oft.ich zur Post' komme, bin ich nicht allein. Alle Morgen Helagerk Me " Menge unserer jugendlicher „Maßkilim" den Schalter. Du kennst doch wohl noch diese Sorte von Weltver-