Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1902)
- Date
- 1902-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1978 eines Fonds zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen vorschlugen, legten die anderen den Nachdruck darauf, mit dem Heim sofort eine Werkstätte zu verbinden, deren Arbeiten unschwer abzusetzen sein werden. Ein sehr beachtenwerthes Moment brachte der ebenfalls dem Kuratorium angehörende Herr Theodor Löwenbcrg vor. Er berichtete, daß es den Andersgläubigen bereits mehrfach gelungen sei, die israelitischen Taubstummen ihrem Glauben abwendig zu machen, die sich um so eher zur Taufe entschlössen, als in der That ungemein viel für christliche, besonders katholische Taubstumme gethan würde. So finden z. B. allwöchentlich in Berlin Vorträge von evangelischen und katholischen Geistlichen statt, zu denen sämmtliche ln' Berlin befindliche Taubstumme eingeladen werden. Der Redner verlangte mit vollem Recht nicht nur ein Gleiches für die jüdischen Taubstummen anzustreben, sondern auch der Taubstummen sich seelsorgerisch anzunehmen durch Einrichtung eines Gottesdienstes. Er erwähnte, daß die Gemeinde Breslau, wo seit zwei Jahren ein Zweigverein mit achtzehn ordentlichen Mitgliedern besteht, alljährlich einen Beitrag von 300 Mark dem Vereine bewilligt, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auf das jetzige, wiederholte Gesuch sich endlich auch die Berliner Gemeinde entschließen werde, mit einer größeren Summe dem löblichen Beispiele Breslaus zu folgen. Der Direktor der israelitischen Taubpummen- Anstalt zu Neu-Weißensee, Herr M. Reich, bezeichnete die Schwierigkeiten zur Errichtung einer Heimstätte als gar nicht so groß, da allein durch die Beiträge der Angehörigen der Taubstummen ein beträchtlicher Fonds für die lebenslängliche Unterbringung derselben zusammengebracht werden würde. Mannigfache Vorschläge wurden in der Diskussion noch vorgebracht, um die Mittel zur Förderung des Vereins zu beschaffen. Es wurde u, a. angerathen, zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit eine Verbindung mit dem Verein selbstständiger jüdischer Handwerker, wie auch mit dem von den Logen errichteten jüdischen Arbeitsnachweis anzubahnen. Nach dem Vorschläge Eschelbachers wurde beschlossen, alle Wünsche und Anregungen dem neu zu bildenden Komitee zu überweisen, in welches bereits namhafte Persönlichkeiten eingetreten sind und als dessen "Grundstock das augenblicklich bestehende Kuratorium gelten soll. Dem aus diesem Komitee zu wählenden gcschäftsführenden Ausschüsse soll es dann obliegen, die gegebenen Anregungen möglichst bald in die That umzusetzen. — So weit der Versammlungsbericht. — Die Ziele, die der Verein sich gesteckt hat, sind, wie ersichtlich, nicht unerreichbar, und alle diejenigen, die sich des Besitzes ihrer Sinne erfreuen, haben in der That die ganz besondere Aufgabe, denjenigen beizustehen, die, vom Schicksal zurückgeseht, nur mit schwerster Mühe sich vorwärts kämpfen. Wenn man bedenkt. daß in den letzten Jahren bedeutende Summen für unsere Altersschwachen und Kranken gespendet wurden, und bisweilen Summen an Institutionen gegeben werden, die dieses enormen Zuschusses gar'nicht bedürfen, so eröffnet sich hier der Wohlthätigkeit ein ' Feld, das bisher vollständig brach gelegen hat, aber der wärmsten Theilnahme empfohlen zu werden verdient. ‘ Allein das Moment, daß unsere unglücklichen Taub-'' stummen in Folge der .Vernachlässigung,, die ihneM seitens unserer vollsinnigen Glaubensgenossen zu Theil ■ wird, der Mission in die Arme getrieben werden, sollte ' denen, die noch jüdisch fühlen und denken, in weitestem Maße Herz und Hand öffnen. Und deßhalb ergeht an alle Glaubensgenossen auch von uns ein kräftiger Appell, Mitglieder für den segensreichen Verein zu werben und Hände zu gewinnen, die dasjenige, was die Taubstummen in anerkennenswerther Leistung aus eigner Kraft geschaffen haben, weiter führen und in vollstem Maße verwirklichen. Frankfurt a. M. In dem in vielfacher Beziehung bemerkenswerthen Artikel „Die Welt im Zeichen des Verkehrs" in Nr. 89 des „Israelit" ist. mit Recht auf die große Wichtigkeit der Förderung ritueller Speise- Häuser für unser religiöses Leben hingewiesen worden. Interessant dürfte die Thatsache sein, daß bereits im Jahre 1864 Rabbiner Samson Raphael Hirsch s. A. in ernstester Weise diesem Zwecke das Wort geredet hat. In seinen damals veröffentlichten vortrefflichen Skizzen „Aus der Mappe eines wandernden Juden" — welche auch in dem vor Kurzem erschienenen ersten Bande seiner „Gesammelten Schriften" enthalten sind — läßt er einen der Reisenden, deren Unterhaltung er mittheilt, in beredten Worten nachdrücklichst auf dieses Bedürfniß Hinweisen: ...... „Daß von frommer Seite nicht für g u t e. a n st 8 n d i g e, gewissenhaft koschere Hotels und Speisewirthschaften möglichst gesorgt wird, ist in meinen Augen eine der größten Gedankenlosigkeiten und Versündigungen, die sich unsere Zeit zu Schulden kommen läßt, und schwer lastet die Verantwortung auf uns allen, auf jeder Gemeinde, jedem Kreis, die durch diese Vernachlässigung die schwachen Söhne unserer Zeit einer so großen Versuchung ausgesetzt sein lassen; denn es gehört schon in der Thai Festigkeit dazu, Wochenja mondenlang entweder mit. der precairsten Kost sich zu begnügen, oder an einem Tisch zu speisen, wo der Appetit schon vergeht, ehe die Mahlzeit begonnen. Ich bin überzeugt, fänden die Reisenden in den meisten Städten eine anständige, jüdische, koschere Table d'hote, mehr als die Hälfte von denen, die jetzt die Speisegesetze übertreten, würde an diesen koscheren Tischen speisen, und dann auch gerne einmal den gehörigen Tisch entbehren, wo sie ausnahmsweise —• wie wir heute — ihn nicht haben können. Mehr als Synagogenbau ist meines Bedünkens heutigen Tages die Gründung anständiger,