Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1902)
- Date
- 1902-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1887 mehr gerechtfertigt, als der Berliner Vertrag den Signatarmächten die Pflicht auferlegt, für die Durchführung des Artikels 44 des Vertrages zu sorgen. eniUetoit. AnS hfft 5?rii>fi>ii «BfS IlfMiiFüfun Nach dem Hebräischen von M. E. Eisenstadt. .. . . a\ - r . .. - ' ' ' 4. Ab. Lieber Freund! „Kommt der Monat Ab, muß man zurückhaltend sein in den Aeußerungen der Freude," lehren unsere Weisen. Mir fällt es wahrlich nicht schwer, diese Lehre zu befolgen. Seit drei Wochen sitze ich in der Gouvernementsstadt, und gehe müßig umher, ohne Beschäftigung finden zu können. Als ich aus dem Dorfe nachder Stadt kam, ging ich mit meinem Vrodgeber zum Rabbiner und dieser bewog ihn, mir noch zwei Rubel zuzulegen. Das war alles.. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß ich einen Landsmann traf, der hier schon seit zehn Jahren als Krämer ansäffig ist. Dieser nahm mich bei sich auf und räumte mir einen Winkel in seiner engen Wohnung ein. Ich aß nun sein Brod, trank seinen Thee und schlief auf seiner Bank, ich gab ihm dafür die aus dem Dorfe mitgebrachten Mundvorräthe und die. mir geschenkte Leinwand. Der Krämer führte mich zu einem andern Landsmanne und dieser stellte mich einem dritten vor. der mich in das Haus eines hiesigen Bürgers brachte, welcher mir die Aussicht eröffnete, mich zum Lehrer des Hebräischen für seine Kinder zu bestellen. Wann dies sein werde, weiß ich noch immer nicht. Meiner Frau spiegelte ich vor, daß mein Herr gemäß den neuen Gesetzen aus dem Dorfe ausgewiesen wurde und in die Stadt übersiedeln mußte. Aber was werde ich anfangen, wenn die Zeit kommt, meiner Frau den Rest des Geldes zu schicken, welches sie mit Sehnsucht erwartet? ' V?'. > 21. Ab. Lieber Freund! Mein Geldvorrath ist zu Ende. Ich fühle, daß ich meinem Gastgeber zur schweren Last geworden bin. Ich war öei dem Manne, der mir versprach, mich als Lehrer des Hebräischen anzustellen, er aber sagte, er wolle schon lieber bis zum nächsten Semester .warten, vielleicht werde er auch einen besseren. Lehrer finden, als 'ich ieiner bin. 'Wieso .Wse^UM , ''HiMÄ'kMensch'mein^'Kenntniffe abschätzen rfonüte, ift mir ein Räthsel. Als ich sah/ daß ich keinen Ausweg übrig hatte, schilderte ich gestern meiner Frau in einem Briefe die ganze'Wahrheit. Wenn ich in dxr nächsten Zeit keine Arbeit finde, verkaufe ich meine besseren Kleider und. kehre nach Hause zurück. Der langweilige Müßiggang tödtet mich. , - -V 4/Ellul. . Lreber Freund! Heute erhielt ich von meiner Frau zehn Rubel, die sie sich geliehen hat; das Geld soll mir als Reisespesen dienen, um nach Hause zu fahren. Ich weinte vor Rührung über diesen Beweis der Liebe und der Treue meiner Lebensgefährtin, die ich nie vergessen werde. In ihrem Brief bat sie mich, ich möchte in der Woche vor Rosch Haschana nach Hause kommen,-damit die Leute es natürlich finden, daß ich nach Semesterschluß wieder . heimkomme, wie dies alle Melamdim thun, die in der Ferne eine Anstellung gefunden. ' Meinen nächsten Brief, erhältst Du also aus unserem Heimathstädtchen. Ich werde Dir nebenbei auch verschiedene Neuigkeiten mittheilen, die Dich vielleicht dort in der großen Welt, in der Du lebst, immer noch interessiren dürften. Zom Gedaljahu 6630. Lieber Freund! Seit einer Woche weile ich im Kreise meiner Lieben und genieße die Freude ihrer Gesellschaft. Meine Frau begreift meinen Herzenskummer, und tröstet mich noch in meiner Bedrängniß. Wenn Bekannte mich zu besuchen kommen, zeigt sie ein heiteres Gesicht, und empfiehlt auch mir, ein Gleiches zu thun und ein wenig den Stolzen zu spielen, wie alle Melamdim, die ^aus der Ferne" zu den Feiertagen zurückkommen. Indessen kommen alle meine Bekannten und Freunde, um mich zu begrüßen, auch im Beth Hamidrasch umgibt man mich mit allerhand über die Vorgänge „in der Ferne" und wie es dort unseren Brüdern ergeht. In dem Beth Hamidrasch beten mit mir noch zwei andere Melamdim, die gleichfalls aus dem Süden zurückgekommen sind; jeden Morgen nach dem Beten bilden sich Gruppen, ein jeder von uns dreien bildet den Mittelpunkt je einersolchen Gruppe, der er „Weltneuigkeiten" erzählt/ Unter den Betern befinden sich natürlich viele Melamdim aus unserer Stadt, und diese blicken uns neidvoll an,: ob der großen Ehre, die uns zu Theil wird. . Gleich wie es sonst die zu den Ferien „aus .der Ferne" heimkommenden Melamdim thun, habe auch ich einige Pfund Weintrauben mitgebracht, die ich unter Verwandte und Freunde vertheilte, auch an den Rabbiner schickte ich davon eine Gabe, zur „Schehechejönu-- Bröcho". Zum Unglück vergaß ich in der Eile mich mit gehört; auf der letzten Station vor unserer Stadt kaufte ich demnach ein wenig von unserem gewöhnlichen heimischen Kraut; wenn ich nun einem Bekannten eine