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Der Israelit · 1902-11-13 · Heft 90 (13.11.1902) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 90 (13.11.1902)
Date
1902-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1884 immer von Neuem anzufeuern verstand, wenn Widerwillen oder -Flauheit unter ihnen Platz greifen wollte. Aber nicht blos zu treiben verstand Rickert den Nachen, sondern auch ihn zu lenken. Von welcher Seite ihm immerwohlgemeinte Rathschläge kamen, den Verein in das Fahrwasser irgend einer Parteirichtung zu leiten oder, von einer solchen fernzuhalten — immer betonte Rickert dann feinen politischen Standpunkt, nach dem er völlige Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz fordere, und seinen christlichen, der ihm gebiete, jedem wegen seiner-ehrlichen Ueberzeugung Bedrängten Schutz zu gewähren. Denn mehr oder weniger könne und dürfe unser Verein nicht erstreben, vor allen Dingen aber müsse er jeder Einmischung in die inneren Beziehungen irgend welcher Konfession fernbleiben. Unverrückt an diesen wahrhaft freiheitlichen Grundsätzen festhaltend, ist unser Freund dahingegangen. Noch lange werden einsichtige Beurtheiler der Zustände unseres Vaterlandes vielfache und segensreiche Spuren von Rickert's Lebensarbeit finden. Sein Name aber wird bei allen Unterdrückten und in ihren staatsbürgerlichen Rechten Bedrohten in dankbarer . Erinnerung bleiben-, < : - Nachruf des Herrn Charles L. Hallgarten. 'Bei der von den politischen Freunden des Verstorbenen veranstalteten Gedächtnißfeier im Künstler- Hause am 5. November widmete Herrn Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M. dem dahingeschiedenen Begründer und ersten.Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus folgende Worte: „Im Namen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus bin ich hierhergekommen, um einen Kranz an der Bahre des treuen und unvergeßlichen Freundes niederzulegen. Tausende und Abertausende trauern mit uns um den Mann, dessen Thatkraft jetzt gebrochen ist, dessen Thaten aber weiter leben. Was er für diesen Verein gethan hat, den er gegründet, das entsprang seiner idealen Natur, seinem Sinn für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Seine edle Natur bäumte sich auf gegen jede Unterdrückung, ' gegen jede ungerechte Zurücksetzung ünd deßhalb auch gegen den Antisemitismus. Er wandte sich deßhalb an seinen greisen Freund Gneist, an einen Kreis gleichgesinnter Freunde und gründete einen. Verein, der einen durch und durch idealen Zweck hatte. Er, der sonst so Kampfbereite, wünschte auf diesem Gebiete womöglich den eigentlichen Kampf zu vermeiden; er wollte-die Ungerechtigkeit nur und die Schatten zerstreuen, die.sich, auf die Seele des Volkes'- gÄeZt hatten. Sein ideales Wirken, seine eiserne Arbeitskraft ist nie erlahmt; er ist vorangegangen auf-diesem Wege und wenn er auch den ganzen Erfolg noch nicht erlebt hat — er hat doch wenigstens die Befriedigung mitgenommen, daß wir auf dem Wege sind, diese düstere Zeit zu überwinden. Ich habe ihm den Dank von Vielen auszusprechen. Er hat hier für Unterdrückte und Bedrängte gewirkt und in deren Namen ist es mir Bedürfniß, heißen innigen Dank auszusprechen. Aber wenn ich als Jude diesen Dank ausspreche, so weiß ich, daß ich ihn auch ausspreche im Namen aller der Christen, die von den reinsten Impulsen ihrer Religion geleitet sind. Rickert's tiefe Liebe zur Wahrheit, die nie den Schatten eines Unrechts dulden wollte, befähigte ihn auch, die vielen Angriffe und Unannehmlichkeiten leichten Herzens zu überwinden. Ost wurde ihm vorgeworfen, daß er bloß eine „Judenschutztruppe" gebildet habe, aber es war ihm nicht darum zu thun, eine Konfession zu schützen; er wollte Recht und Gerechtigkeit für einen jeden Mitbürger. Nicht den Juden, sondern den in seinem Rechte gekränkten Staatsbürger wollte er schützen. Wohl erinnere ich mich des rauhen Dezembertages, wo er seine Freunde um sich versammelte, um diesen Verein, zu gründen. Schlicht und einfach trug er die Zwecke vor, die verfolgt werden sollten. Er überzeugte Jeden. > . Wir sind zusammen an diese schwere Arbeit gegangen, und heute vermissen wir den Leiter und: Führer. Aber er hat uns beseelt mit den Gedanken, die uns zum Siege führen werden — nicht ein Sieg 'n einem Kampf; denn Kampf wollen wir nicht, wir wollen nur das abwehren, was uns bedräut, und wir wollen auf die Stunde hoffnungsvoll warten, bis die Wahrheit durchdringt. Er ist dahingegangen, sein Stern steht heute schon am Himmelsgewölbe, möge dieser Stern uns auf unseren Pfaden leiten, hell und klar." . Berlin, 9. Nov. Vor einigen Tagen starb hier im Alter von 85 Jahren Ferdinand Reichenheim, der als Mitinhaber eines angesehenen Handlungshauses und Mitglied einer um die Wohlfahrts- und Wohlthätigkeitspflege in Berlin verdienten Familie bekannt geworden ist. Der Verstorbene-war Mitinhaber der Firma N. Reichenheim & Sohn. Dieses Handlungshaus erwarb 1848 von der preußischen Regierung Kattunsabriken in Wüstegiersdorf. Es war damals eine Strömung in der öffentlichen Meinung gegen vom Staate betriebene Fabriken und die damit vielfach ver- . bundenen Monopole. Dazu kam, daß die Fabriken ..unter perviS.tstatsleitung^niW recht?:gedeihen-.wollten. Es gelang den Reichenheim, die Fabrik itt die Höhe zu bringen und dort die Kattunproduktion so zu steigern,! daß Preußen von der englischen Einfuhr auf. diesem

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