Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1902)
- Date
- 1902-11-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449876--56996-2519760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I-;;j j l il j(l I :jj; J j l V . 1871 oder sich ohne Bezahlung entfernen. Lieber Freund, die Armuth ist schwer, schwerer noch ist der Beruf eines Melamed — aber das Schwerste wohl scheint mir, ein Schankwirth zu sein. Male Dir, bitte, folgendes Bild aus: Eine große Stube, angefüllt mit Tischen und. Bänken, betrunkene Bauern sitzen da, qualmen aus den Pfeifen und unterhalten sich miteinander so laut, daß es sich anhört, als schrieen sie alle um Hilfe. Der Hausherr gibt . seiner Frau, den Kindern und mir mH schreiender Stimme Weisungen, auf die Ordnung zu achten, ein Bauer, der am Schanktisch nebendem Hausherrn steht und aus seiner Hand das gefüllte Glas entgegennimmt, schimpft laut über -den verfl. . . Juden, der ihm kein Tröpfchen mehr, als vorgeschrieben ist, einschenken will. Plötzlich stürzt der Urjadnik*) in die Stube, nimmt den Ehrensitz ein und fordert mit gebieterischer, lauter Stimme, „Mosechko" solle ihm sein Glas, natürlich unentgeltlich, einschenken. Mein Herr heißt gar nicht Moses, sondern Kaßriel, aber der Ur- .jädnik, der sich als oberster Herr im Dorfe fühlt, nennt hochmüthig keinen Juden anders als „Mosechko". Unter den Tischen liegen eine Menge Hunde, die ihre Herren hierher begleitet haben, alle Augenblick tritt man einem andern auf den Schwanz, wobei das betroffene Thier ein lautes Geheul erhebt. Aber im Vorflur der Stube befindet sich auch noch ein junges Kalb, welches soeben von der Mutter abgesetzt wurde und nun von Zeit zu Zeit ergreifende Klagelaute ausstößt. Anfangs unterhalten sich die Bauern mit ihren ohrenzerreißenden Stimmen ganz friedlich über „Väterchen Iwan", ihren-Popen, und über den neuen Jsprawnik, aber eh man sich's versieht, entsteht Streit, eine schöne Prügelei beginnt, und es kann zum Blutvergießen kommen. Die Bäuerinnen, die vor der Thüre schwatzen und den Augenblick erwarten, da ihre betrunkenen Männer hinaustaumeln, um. sie nach Hause zu begleiten, stürzen eilig herein, eine jede beginnt, ihren Ehegemahl zu beschützen und für ihn Partei zu nehmen, und die saftigsten Flüche schwirren durch die Luft. Der Herr Urjadnik, dessen Aufgabe es ist, . Frieden unter den Zankenden zu stiften, theilt rechts und links Prügel aus und flucht, so viel das Zeug hält. Dort steht ein Bauer, der den Schqnkwirth mit Schimpfworten überhäuft, weil er ihm keinen Branntwein borgen will; er bittet, schimpft und droht; da alles vergebens ist, stürzt er wüthend den Tisch um und droht dem Wirth, diesem elenden Juden, der den , Bauern das Blut aussaugt, mit der geballten Faust, die Gläser fallen klirrend zu Boden, die betrunkenen Bauern erheben ein lautes Jauchzen und bejubeln den Saufbold, der ein solches Meisterstück vollbracht und dem Juden gezeigt hat, daß er hier im Gruyhe.yux^ein., ungebetener Gast sei.. - ' - 7 ' > “ Der Wirth thut indessen, als ginge ihn das ganz und gar nichts an.... *) Der Repräsentant der Polizeibehörde im Dorfe. Solche Bilder sehe ich an jedem Sonntag, und gleichwohl ist mein Vrodgeber mit seinem Schicksal höchst zufrieden, und alle Juden im Dorfe neiden ihm ein „Glück". - ••""--7-' Die ganze Woche hindurch erwarte ich mit Spannung den Sonntag, um nur die tödtende Gesellschaft meiner Zöglinge los zu sein, und am Sonntag beneide ich den Melamed, der in irgend einem kleinen Städtchen des Ansiedelungsrayons in einem engen, niedrigen Zimmer, aber mitten unter seinem Volke, zwischen seinen Brüdern sitzt. -; -V r : ‘“V- Die Frau des Hauses, die ein Gemengsel von Jüdisch und Kleinrussisch spricht, . blickt, mich scheel an. Offenbar muß ihr der Mann hinterbracht haben, was ich ihm unter vier Augen über seine Söhne und deren Fleiß zum Studium anvertraut. Doch zuweilen vergißt sie ihren Groll, dann knüpft sie mit mir ein Gespräch an und erzählt mir von ihrer edlen Abstammung. Ihren Stammbaum von väterlicher und mütterlicher Seite kenne ich schon ganz auswendig. Nichts betrauert sie so sehr, wie daß der liebe Gott sie nicht als Mann hat zur Welt kommen lassen, sie würde dann, wie sie versichert, den Rabbinersitz in einer der größten Städte einnehmen. „Auch mein Mann," fügt sie stets hinzu, „hat ein scharfes Gedächtniß, aber kann er sich mit mir vergleichen? Ich kann'weder schreiben noch lesen, aber mit meinen zehn Fingern berechne ich Euch auf's Haar, wieviel Gläser Stephan der Wächter, Iwan, der Gemeindeschreiber und alle" anderen Bauern vertilgt haben." •'/; Heute gab mir mein Herr zwanzig Rubel, die ich sofort an meine Frau schickte. Ich kann" mir denken, wie unbeschreiblich glücklich sie über den Empfang sein wird. Natürlich werde ich mich hüten, ihr die Freude zu vergällen durch Bekanntgabe des hohen' Preises, den ich für das elende Geld bezahlt.. ' > : - ."3/ Thamüs7 . Lieber Freund! - In meiner trostlosen Einsamkeit, da ch keinen Menschen hatte, mit dem ich. ein vernünftiges Gespräch anknüpfen konnte, machte ich die Bekanntschaft ddn „Väterchen Iwan," dem. Popen des 'Dorfes; der hier der einzige Repräsentant der „Intelligenz".- ist-.. Ich besuchte ihn zuweilen und er nahm mich freudig auf, denn auch er lebt einsam, da er unverheiratet ist. Die Bauern des Dorfes sagen ihm, wie gewöhnlich/alles Ueble nach, er ist ihnen nicht „heilig" genug, manchmal thut er einen tieferen Zug, als nöthig. aus der Flasche. Von Zeit zu Zeit läßt er sich herab und kommt zu. uns in die Schenke.. Mein Hausherr versteht natürlich, aus den Wink, was der geistliche Herr wünscht und ^räumt ihm« khhhetzHdereS Zimmer ein, wy er^Wert/DUtst nach'Herzenslust löschen kann. Mein Brodgeber ist zu mir freilich nicht, besonders freundlich, aber' vor dem Popen rühmt er sich, daß sein Hauslehrer furchtbar gelehrt sei. Die Unterhaltung mit Väterchen Iwan