Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1902)
- Date
- 1902-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zur freien und unentgeltlichen Benutzung, sondern stattete dasselbe auch auf ihre Kosten in allen seinen Räumen mit den nothwendigen Erfordernissen aus. Zur Begründung eines Kapitalstockes überwies die hochherzige Geberin im Sinne ihres am 29. April 1876 entschlafenen Gatten, Herrn Philipp Speyer und zur bleibenden ehrenden Erinnerung an denselben, außerdem als Geschenk die Summe von Ml. 30,000. Um nun unserem jungen Verein eine möglichst große Anzahl von Mitgliedern zu gewinnen, wurde in Form eines Rundschreibens vom Vorstand eine Aufforderung zum Beitritt erlassen, welche das erfreuliche Ergebniß zur Folge hatte, daß wir in Kurzem die Zahl unserer Mitglieder auf 632 anwachsen sahen. Am 1. Mai. 1877 wurde das, Mädchenstift mit 6 Zöglingen eröffnet, deren Zahl bis zum Schluß des Jahres auf 12 stieg. 1878 betrug die Zahl bereits 18, Ende 1879 schon 24. In den ersten 10 Jahren war die Gesammtzahl 72, jetzt nach 26 Jahren 167, die in unserer Anstalt den Schutz eines geordneten Hauswesens und mannigfache Gelegenheit zu ihrer Fortbildung auf den verschiedensten Gebieten gefunden haben. Im Großen und Ganzen dürfen wir mit Befriedigung auf das zurückgelegte Vierteljahrhundert unserer Thätigkeit zurückblicken. Die meisten Zöglinge haben das vorgesteckte Ziel erreicht und sind nützliche Glieder der Gesellschaft geworden. Am Schlüsse des Jahres 1901 betrug die Zahl unserer Pfleglinge 22; von denselben waren die meisten theils Vater- oder mutterlos, theils ganz verwaist. Vom Rhein, 31. Olt. (Noch ein Wort über jüdischen Katholizismus.) Man braucht nicht „orthodox" zu sein, ja man braucht nicht einmal „Jude" zu fein* um die Vorwürfe, welche gegen die Bestrebungen der Gesetzes treuen gerichtet werden, durchaus zu verurtheilen. Man braucht nur Mensch, redlich denkend und billig fühlend zu sein, um durchaus für die Orthodoxie dabei Partei zu ergreifen. Auch in äußer-jüdischen Kreisen hegt man Achtung vor der Ueberzeugungstreue und Opferfreudigkeit der jüdischen Orthodoxie, und soviel ich mit ziemlicher Sicherbeit verrathen kann, würden die Regierungskreise die jüdischen Angelegenheiten viel entgegenkommender behandeln, als sie es thun, wenn sie nur mit Leuten zu thun hätten, die für ihre jüdischen Interessen mit Wärme cinzutreten vermöchten, die ihr Judenthum in seinem ethischen Gehalte selbst besser kennen würden, als es der Fall ist. Das ist eine bekannte Thatsache, daß in kultivierten Staaten jede Idee, die zur Förderung der Kultur und Sitte beitragen kann, mit Ernst und gutem Willen behandelf-w.!rh.,i^s..Abe'r ^dL-^.sind denn die Beziehungen höherer Kreise meistens nur zu der Haute- Finance vorhanden, und von der kann man, was religiösen Sinn und Charakter anbelangt, nicht sonderlich großen sittlichen Einfluß merken, den ihr Bekenntniß auf sie geübt hat. Leute, die ihre eigene Religion verachten, von denen man weiß, sie dürfen nicht mitspeisen, und sie thun es doch — die können freilich bei der nichtjüdischen Welt keine Achtung fordern und bringen ihr Bekenntniß mit in schlechten Ruf. Das ist es ja, was der nichtjüdischen Welt an den Juden so sehr mißfällt, der Charaktermangel. Glaube Niemand, daß es nicht bemerkt würde, wie der Glaubensgenosse sehr häufig weniger entgegenkommend behandelt wird, als der geringste Nichtjude; wie die Religion in fremden Augen, nicht gelobt, sondern heruntergesetzt wird, weil man im Wahn befangen ist, man imponire so mehr. Das Gegentheil ist selbstverständlich der Fall. Weiland der Kölner Erzbischof Dr. Simar erklärte ja der Abordnung der Kölner Synagogen-Gcmeinde — ich glaube, es handelte sich um die Geistlichkeit der jüdischen Gemeinde — daß das Volk Israel das Volk des Bundes sei, das seinen Halt und seine Macht in den Heilesoffenbarungen zu suchen habe und finden könne. Mir däuchte damals, der sel. Herr Erzbischof habe die Bibel besser und mehr im Geiste des Alten Testaments aufgefaßt, als die jüdische Abordnung es gethan. Oder meinen die Juden, die Nachahmung christlicher Gebräuche — Orgel und Talar — berühre außerjüdische Kreise angenehm? Von Einsegnung der Leichen — also einer geistlichen Funktion — bei Beerdigungen ist meines Wissens nach im Judenthum' nichts bekannt. Es ist wohl nur zur Einnahmequelle für die Geistlichkeit, vielleicht auch in Nachahmung der protestantischen Kirche eingeführt worden. Ich erinnere mich, daß bei einem orthodoxen Vegräbniß. bei dem ich zugegen war, die ganze Gemeinde die Gebete sprach. Ich bekam Achtung vor einer Religion, die so sehr in das Volk eingedrungen ist. Seitdem begann ich mich für die Orthodoxie zu interessircn. Sie hat niemals Andere angegriffen, stets ihre Rechte, die Sache der Thora gegen den Freigeist zu vertheidigen gesucht. „Katholizismus" könnte man doch füglich eher nennen, wenn in der jüdischen Neologie die Geistlichen sich in den Mittelpunkt stellen, wenn sie für sich Funktionen in Anspruch nehmen, die nur mit dem Begriffe eines „Geistlichen" sich verbinden lassen — aber, nicht mit dem Lehrberufe eines „Rabbiners". Denn wie ich aus den hebräischen Studien erfahren habe, heißt „Rabbiner" ja nichts anders als „Lehrer". Das schien mir immer der Kern der Ethik des Judenthums zu .sein, daß seine Führer die Pflicht der Belehrung Haben und jeder Jude die Thora kennen müsse. In anderen Kreisen darf ja das Volk nichts — oder.doch sehr wenig — von seinen Religionsschriften erfahren,' und da^steht.die Geistlichkeitals maßgebend im Volke, da daß' Vo(f?sie nicht kritisiren kann. Das war vielleicht nicht immer gut. Im Judenthume ist das anders. " Da hat jeder Rabbiner — das weiß eben Jeder im Volke — gleich verwirkt, wenn er nicht lehrt. Das wäre eigentlich der