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Der Israelit · 1902-11-10 · Heft 89 (10.11.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 89 (10.11.1902)
Date
1902-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1866 den Dank der.Freizügigkeit und Aufhebung aller Schranken und Hindernisse, die ganze Welt offen. Wenn auch die Zahl der Bewerber größer ist, so hat sich doch unverh'ältnißmäßig mehr das Arbeitsfeld ver- . größert, auf dem Alle in regem Wetteifer ihre Kräfte entfalten können. Die größte Energie und Tüchtigkeit findet daher in diesem Wettbewerb auch die entsprechende Anerkennung' und Belohnung. Aber in den Zeiten der Großväter konnte die vollendetste Virtuosität kein Steinchen an den Felsblöcken lockern, mit welchem religiöse, soziale und politische Unduldsamkeit den Lebensweg der Juden verlegt hatten und ihn auf sein . Ghetto oder seine Bannmeile verwiesen. Was unsere Geschäftsverhältnisse allerdings heutzutage schwieriger macht, das ist die verloren gegangene Anspruchslosigkeit, Bedürfnißlosigkeit und Einfachheit der Altvordern und die ungemein gesteigerten wirklichen und vermeintlichen Bedürfnisse der Jetztzeit. Um diese zu befriedigen, erfordert es eine rastlos angespannte geschäftliche Thätigkeit. vri& mx *70jr Die ganze menschliche Thätigkeit geht, im. Dienste des Mundes auf, während das Gemüth leer ausgeht iA. »Bin Qü wie der Weiseste der Weisen es nennt. Noch präziser spricht diese Wahrheit unser Sündenbekenntniß aus, indem es durch seine bloße Zusammenstellung den Gedanken nahe legt, wie unser fnoi xb>o durch unfere .wm ^3x0 beeinflußt wird, wie es mit unserem snm xpb ganz anders stünde, wenn er nicht so fest in den Dienst des nnewi ^rxv gejocht wäre, daß für sonstige höhere Ansprüche von Geist und . Gemüth nur wenig Zeit und Muße übrig bleibt. Gewöhnlich denkt man jedoch bei der Sünde in Speise und Trank an die Uebertretung der göttlichen Speisegesetze; auch nach dieser Seite hin ist die Zusammenstellung mit unserem/ in? x»d ungemein vielsagend. Wenn man. den Fortschritt erwägt, den unser Geschäftsleben durch unsere bürgerliche Gleichstellung, durch die Freizügigkeit, durch die raschere Kommunikation aller Verkehrsmittel und durch eine ganze Reihe anderer moderner Errungenschaften thatsächlich erfahren hat, so hätte Niemand mehr Grund, Gott für diese-Wendung zum Besseren zu danken, als wir Juden. Wir handeln kurzsichtig und undankbar, wenn wir: angesichts dieser offenkundigen Besserung über die schlechten Zeiten noch klagen. Uns hat Gott die Hin- - dernisse hinweggeräumt, welche unsere Großväter in ihrem Erwerb beschränkt haben, uns speziell stehen diese .Klagen schlecht an. Wir müssen, mit gesteigertem Ernst ' , und doppelter Hingebung in dieser freieren, lichteren ...Zeit, an Gott unb seinem Gesetze festhalien, das heute tatsächlich weyigä;'schlv^..Opfex;Mlapg^x. j Zeit unserer Väter.- .; ...- \ Was soll man aber angesichts dieser Thatsachen y über diejenigen sagen, die sich über unsere heiligsten Gesetze hinwegsetzen und als Entschuldigung oder Beschönigung die Zeit und ihre veränderten Verhältnisse vorschützen? Provoziren dieselben nicht das göttliche Berhängniß, wenn sie die veränderte Zeit als Vorwand ür ihren religiösen Leichtsinn ausgeben und speziell ihre Verfehlungen gegen die Satzungen über Speise und Trank mit den Ansprüchen des Geschäftslebens Uausibel zu machen suchen?. * : -; Und die Zahl derer ist groß, die in ihrem trv> uv» einen Freibrief für ihr niapfii taxa erblicken! Ich denke dabei in erster Reihe nicht einmal an diejenigen unserer abgefallenen Brüder, die leichtsinniger Weise .iviv leben und seit Jahr und Tag keinen koscheren Bissen mehr über die Lippen brachten. Sondern diejenigen habe ich im Sinne, die zu Hause einen streng koscheren Haushalt führen, die auch aus der Reise den Vorschriften über koscher und trepha Rechnung tragen möchten, aber sich füglich selber mit ihrem [nei xtc Dispens für die laxe Erfüllung der nnrai. baxv-Satzungen ertheilen. Sie bringen von Hause die erforderliche religiöse Gewissenhaftigkeit mit, aber schließlich finden sie sich damit ab. wenn sie die drei Buchstaben ^2 auf irgend einem Firmenschild oder über der Geschäftsempfehlung eines jüdischen Restaurants sehen. Der tpnpn n'bm findetdas Kriterium wahrer Frömmigkeit bei denjenigen, die sie auch auf dem Wege bewahren und preist sie als die a'a^inn in ’o'an 71 rnuv glücklich, die auch auf der Reise nicht von Gottes Thora lassen. In unserer Zeit erblicken Viele, auch diejenigen, die für fromm gelten möchten, in der Ge-' schäftsreise einen Freibrief für die skrupellose Erfüllung der Vorschriften über koscher und trepha. Sie glauben oder geben zu glauben vor, sie hätten koscher gelebt, wenn sie jüdische Speisehäuser frequentiren, an welchen oft nichts koscher ist, als diese Etiquette. Da ist nun die Scheidung von koscher und streng koscher entstanden. Streng koscher leben sie zu Hause, während es ihnen auf der Reise genügt, nur koscher ohne weiteres zu leben. Und doch ist diese ganze Scheidung eine wahrheitswidrige, die wir auch sonst im Leben nicht machen. Wenn ein Hundertmarkschein nicht ganz ächt ist, so ist er ganz falsch, auch wenn es nur ein kleines Wasserzeichen wäre, das ihm fehlt oder das er zu viel hat. Wer hätte je zwischen einer streng richtigen und einer nur einfach richtigen Banknote unterschieden? Und bei Gottes Gesetz über Speise und Trank,' dürften wir zwischen streng koscher und nicht streng koscher unterscheiden, könnten wir uns der Wahrheit verschließen, daß alles streng trepha ist, was nicht streng koscher ist? Schwerer als sonst sielen mir am jüngsten Jom ,.Kipvpr diese..Exwägungen auf die Seele, und ich habe mir m heiliger Stünde gelobt, sie nicht für. mich zu behalten, sondern ihnen öffentlich Ausdruck zu geben. Ich möchte damit gewiß keine Steine auf diejenigen

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