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Der Israelit · 1902-11-06 · Heft 88 (6.11.1902) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 88 (6.11.1902)
Date
1902-11-06
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1860 gewissen Stunden. Wohl weisen die Rabbinen ln eindringlichen und scharfen Worten auf diese Gleichgültigkeit hin. die in gewaltigem Widerspruche steht mit dem Kirchenbesuche an Sonntagen; aber diejenigen die es angeht und. hören-sollen, sie glänzen durch ihre Abwesenheit. Und wer sind die regelmäßigen Gottesdienstbesucher? Solche Leute, die in ihrer Jugend noch ein edles Vorbild an ihren Eltern und Großeltern gehabt. Die Pietät, die sie tief im Herzen tragen, läßt alle an sie herantretenden Fragen des „modernen Zeitgeistes" unbeantwortet. Wie stehts aber mit ihren Kindern? Unter den Augen der Eltern thun die Kinder all' das, was erstere nicht gethan haben und nicht thun. Die Kinder kennen nicht nur keine Pietät, auch die Eltern haben dagegen kein mahnendes Wort. Jst's da zu verwundern, wenn ein Geschlecht heranwächst, von dem man mit Recht sagen kann non nosnn m- '2 Und nun die Schule! Zur Ehre des Lehrerstandes sei es gesagt, daß derselbe sich seiner schweren, verantwortungsvollen Stellung bewußt ist. Aber er mag noch so gründlich und gewissenhaft seine Pflicht erfüllen, es besteht eine entsetzliche Kluft zwischen Schule und Leben. Wo eine innige Verbindung statthaben soll, finden wir ein Auseinandergehen, ein gegenseitiges Abstoßen. Wenn die Schule durch gründlichen, gewissenhaften Unterricht eine herrliche Blüthe hervorgebracht hat, wird dieselbe durch den eisigen Hauch der Gleichgültigkeit von Seiten der Eltern an der Weitercntwickelung zur Frucht vernichtet,' und wahrlich, mit traurigem Empfinden muß der Lehrer unwillkürlich an die Worte Jesaia's denken: ,12 wy rrtu 'o^ my imh no o'VU2 wyi o'2jy mpy^ wp yno? Tritt ein Todesfall ein und der Junge kann nicht so^geläufig das Kaddischgebet sprechen, wie es die Alten thun können, dann wird über den Lehrer hergesallen. Fragt man aber die Eltern, wie oft der Junge, seitdem er die Schule verlassen, den Gottesdienst besucht oder gebetet hab< dann, ja dann — „schweigt des Sängers Höflichkeit." Es kann nicht oft genug solchen „räsonnikenden" Eltern gesagt werden, daß die Religion nicht gelehrt, sondern gelebt werden müsse. Und wollen wir vom „Leben der Religion" sprechen, so müssen wir unsere.Schritte in das Haus lenken. Hier könnten wir, einmal angefangen, nicht aufhören, wenn wir die Zustände beschreiben wollten, die hier ein religiöses Leben nicht aufkommen lassen wollen. Hier wird, die Axt geschmiedet, die ihre wuchtigen, vernichtenden Hiebe gegen die Wurzel des Erziehungsobjektes führt. Doch die düsteren Bilder.sind schon gar oft entrollt worden und ich müßte nur Bekanntes, sich täglich Wiederholendes wiedergeben. Aber ei ne Seite möchte ich hervorheben, die meines Erachtens bis jetzt unberücksichtigt blieb und die mir wichtig erscheint, um in einem besonderen Artikel behandelt zu werden. Ich meine die Bibel frage.; Wenn je der heidnische Prophet Worte gesprochen, die auch für die Gegenwart vollkommen zutrefsen, so ist es der Schlußsatz des VerseS: ,2py «v ns brrnp' Wie herrlich sind deine „Wohnungen", 'besser vielleicht „Paläste" Israel! Da ist alles „stilvoll" eingerichtet. Alles paßt zu einander: Möbel und Flügel, Tapeten und Teppiche, Bilder und Spiegel. Auch eine Bibliothek darf nicht fehlem Wir wollen diese einmal genauer betrachten. Deutsche Klassiker? natürlich; Konversationslexikon? gewiß; ausländische Litteratur? selbstverständlich! Wozu lernte man denn sonst so lange französisch und englisch! Hebräische Bücher und jüdische Litteratur? Ach, das ist nicht germanisch! Das ist zu — jüdisch! Tefillah? Chumesch? die gehören in's — Kinderzimmer oder gatr wenn die Kinder dieselben nicht mehr brauchen, auf den Speicher. Dort findet alles, was „alt" ist,, seine Stätte. In der That hat mir gelegentlich einer Ferienreise ein Papierfabrikant erzählt, daß unter einzustampfendem Papier er sehr oft n&sn ,mn^D ,D^no die noch sehr gut erhalten waren, gefunden habe. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Lesern gerne von einem reizenden Gedichte Kenntniß geben, das einen sehr früh verstorbenen genialen Frankfurter zum Verfasser hat und die Gegenwart so wahr illustrirend, hier ein Plätzchen finden möge. Einem Freund zum Geburtstage! (Mit einer T'fille.) Du hast ein liebes Weibchen, > - Hast Geld, was Menschenbegehr, Du hast einen reichen Onkel, O Karlchen, was willst Du noch mehr? Du hast die schönste Wohnung, Mit Aussicht auf die Zeil, Du gibst oft Lesekränzchen Mit Thee und Langerweil. Du liebst ein gutes Essen, . Süperb ist stets Dein Trank, Gewürzt durch heitere Laune, Durch manchen tollen Schwank. Du hast auch viele Bücher In Prosa, manch' Gedicht, Jedoch das Buch der Bücher, . Ich fand es bei Dir nicht., j- .,. . So. fand' ich Dir die Perle Im schlichten Pappgewand, Sie lehret Lebensweisheit, Trotz Leibnitz und trotz Kant... l I ■! I ■ v i--.-

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