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Der Israelit · 1902-11-06 · Heft 88 (6.11.1902) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 88 (6.11.1902)
Date
1902-11-06
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1859 Er dreht sich nicht um; er scheint zu wissen, von wo und wem die Flüche kommen. Er eilt, eilt, wie von Furien gejagt. Mittlerweile senkt sich immer mehr die Nacht auf die Erde. Der Tempel erstrahlt im Schimmer seines Lichtmeeres und eine festlich gekleidete, in weiße Sterbegewänder gehüllte, andächtig gestimmte, .voll-, zählige Gemeinde erfüllt den weiten, heiligen Raum. Nur Mirjam Holländer fehlt, es wurde aber nicht bemerkt. Eine weihevolle Stille, der ehrwürdige Rabbiner betritt die Kanzel und mit thränenerstickter Stimme zitirt er unter anderem den Talmudspruch: „Für Sünden, die ein Mensch gegen Menschen begangen hat, bringt der Jom Kippur keine Versühnung, bis diese nicht vom Mitmenschen vergeben werden." Er ermahnt und beschwört die bußfertige Versammlung, Haß und Neid aus ihren Herzen zu bannen und etwaige begangene Verschulden gegen Mitmenschen noch schleunigst gutzumachen. Auch der Wucherer Goldner ist bereits imLempel; auch er hat sich in Sterbekleider gehüllt; auch er hört die Worte des Rabbiners; auch er will bereuen und beten, aber er kann nicht. Vor seinen Augen steht Mirjam Holländer mit ihrem verzweifelt wilden Gesichte. In den Ohren klingen ihm ihre. Flüche. .. Nun beginnt der Gottesdienst mit dem uralten, traditionellen, tief ethischen „Kol nidre"-Gesang. Alles lauscht bewegt und erhebt sich im Geiste hoch empor auf den Flügeln der sanften, gleich der Rebe sich dahin windenden Melodie des Kol nidre. , Alle, nur. Goldner nicht. Sein Geist ist von der Prosa , des Lebens zu sehr umschlungen und an die grobe Erde gefesselt. Mirjam Holländer schwebt ihm vor Augen.- „Ein Licht dämmert den Gerechten und den Redlichen Herzensfreude," wieder und wieder erschallt dieser Satz mit Begeisterung von der ganzen Gemeinde bei der geöffneten Bundeslade. Da übermannt ihn das Gewissen, es Lberkommt ihn eine Furcht. „Nur dem Gerechten dämmert ein Licht, nur dem Redlichen Herzensfreude." Er lehnt sich mit dem Kopfe an den Betpult, er sucht sich zu beruhigen. Da schlagen die ihn verwirrenden Lieder und Gebete wieder an sein Ohr, die Gewiyens-Würmer nagen an feinem Herz. Er sieht sich an der Schwelle. seines Hauses und blickt in die Stube, wo die Wuchergelder und die versetzten und verfallenen Pfänder sind. : Da, o Wunder? In die Kleider kommt mit'einemmäl Leben, in die sonstigen Objekten Geist.' Sie erheben sich alle wie bekleidete Seelen, wie angethane Geister. Vor ihnen steht hoch aufgerichtet Mirjam Holländers Feiertagskleid, wie eine Führerin, wie eine Vorsprecherin. Da rollen auch die Geld- und Goldstücke aus der Kasse, roth wie Blut — und leuchten , und beleuchten die grausenhafte Auferstehung. Und er vernimmt eine Stimme wie das Rollen des Donners: „Wo ist Mirjam Holländer? Warum fehlt sie im Gotteshause?" Da wenden sie sich alle zur Thüre. die Gestalten, undweisen niederschmetternd, vernichtend auf ihn. Er will schreien, will Alles schenken, doch er kann nicht. „Der Ewige macht nieder die Hochmüthigen und erhebt die Gefallenen," singen sie im Chor und bewegen sich im Reigen. Und die Stimme wird wieder wie furchtbares Getöse laut und verkündet: „Une szane tokef", „der werde reich und dieser arm." Da plötzlich, was ist das? Eine Bewegung kommt in die Menge. Ein Gemurmel wird laut. Alles blickt erschrocken auf die Fenster. Kinder laufen, Frauen jammern; entsetzt werfen Manchebic ©ebetobjcltc bon; sich und rennen aus der Synagoge. Ein rother Schein dringt durch die Fenster des Tempels. Es brennt in der Judengasse? ' ' - '•; Auch Goldner fährt äüs seiner Erstarrung auf. Viele kommen auf ihn zugelaufen mit den WortE „Bei Ihnen brennt's! Bei Ihnen brennt's!" ■ - Aus Leibeskräften schreiend: „Das Kleid, das Kleid! ich muß es noch retten und kostet es auch Körper und Seele," stürzt er wie wahnsinnig aus dem Tempel.' Der Brand ist ein vernichtender. Im Hauftiwaic' die „Kerze" umgefallen und hatte das ganze Haus von. innen in Flammen gesetzt. Furchtbar lodert die züngelnde Flamme und trotzdem stürzt sich selbstvergessend Goldner hinein, und was brachte der engherzige Wucherer aus dem brennenden, dem Untergänge geweihten Hause heraus? Ein kleines, fast werthloses./ Päckchen, Mirjam Holländers . Feiertagskleid. Von seinem ganzen Reichthum hatte Goldner selbst nichts gerettet, er war zum Bettler geworden. ' ' zennien gar Manches geändert. Wenden wir uns zuerst dem Gotteshause zu. Monumentale Synagogen, „eine Zierde unserer Stadt", sind entstanden. und darin walten hervorragende Kanzelredner und konservatorisch gebildete Kantoren ihres Amtes, aber die Synagoge ist an Werktagen und Sabbaten — leer, nur die Höchsten Feiertage füllen sie, aber auch nur zu

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