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Der Israelit · 1902-11-06 · Heft 88 (6.11.1902) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 88 (6.11.1902)
Date
1902-11-06
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1858 Auch das Gotteshaus ist bereits von Hunderten non Kerzen erleuchtet und harrt der Andächtigen, die üch bereits langsam sammeln. Ein verspäteter Spender läuft noch schnell mit einer Jom Kippur-Kerze- Da begegnen einander Freunde und drücken sich glückwünschend,, dort frühere Feinde versöhnend die Hände. Aller Haß scheint vergessen, aller Hader verdrängt zu sein. Man sieht nur, zwar beklommene, aber dennoch hoffnungsvolle Gesichter, und es scheint sich zu bewahrheiten, daß die Menschen heute den Engeln gleichen. Während aber dies alles läuft und geht, sich fürchtet und freut, hofft und harrt, segnet und wünscht, sitzt eine betrübte Frau mit zwei vaterlosen Waisen in ärmlichen Alltagskleidern, in ihrer noch ärmlicheren Stube und weint,, und schluchzt und klagt die bösen Menschen an. Bei ihr gibt es keine hastige Geschäftigkeit. Sie will ja nicht in den Tempel, wie die klebrigen; sie kann ja nicht, wie sie sagt. „Auch in meiner Stube wird mich Gott erhören," sagt sie leidenschaftlich, „um Fluch auf das Haupt meines Beleidigers herabzubeschwören." '. ' Immer später wird's; immer mehr eilen die Leute an ihrem Fenster vorüber zum Tempel und immer mehr steigt, ihre Erregung, immer intensiver wird ihre Verbitterung. - Wer ist sie? Was hat sie vor? Einst die Gattin des frommen . und steinreichen Philantropen Moses Holländer, kam sie während ihres Wittwenstandes durch ungünstige Schicksalsschläge um ihr ganzes Vermögen. Vor einigen Monaten war es nun, da wandte sie sich in ihrer äußersten Noth — um Bettelbrot zu vermeiden— an den reichen Salomon Goldner — der Wucherer genannt und bekannt — wegen eines bescheidenen Darlehens von zehn Gulden. Dieser — die einzige Hlllfsquelle der verschämten Armen — war nach langem Hin und Her endlich dazu bereit, jedoch mit der unabänderlichen Bedingung, sie müsse ein Pfand zur Deckung geben. Die Unglückliche, die nichts Werthvolles, als ihr noch von den guten Tagen herstammendes Feiertagskleid im Hause hatte, gab dieses, ihr letztes Kleinod, schweren Herzens dem Wucherer. Dieser entfaltete es, prüfte es sorgfältig und fand, mit geringschätzender und spottender Miene, daß diese „Familien-Reliquie", wie er sagte, die hohe Summe nicht werth sei und borgte ihr nur acht Gulden. Nun war sie all ihres Vermögens bar und für MirjaM Holländer kam eine gar traurige Zeit. Die hohen Feiertage rückten immer näher, und während Alles sich freute, zerschnitt es ihr das Herz, daß sie ihr Kleid nicht haben wird, um in Schul gehen zu können. Sie konnte sich mit dem Gedanken nicht befreunden, in dem abgenutzten Alltagsgewande. das Gotteshaus an diesen hehren Tagen zu besuchen. Sie muhte und plagte sich ab, mit dem Obsthandel — denn das war ihr Erwerb — etwas mehr zu verdienen, damit es ihr möglich werde, wieder in den Besitz ihres Feiertags-Gewandes zu gelangen. 7 7;• - Aber es gelang ihr nicht, die Summe zusammenzubringen. Nicht nur, daß sie kaum das Allernöthigste zur Ernährung der Kinder verdiente, sondern sie hatte auch noch das Unglück, eine Sendung Obst per Nachnahme zu erhalten, die gänzlich verdorben war. Nun war sie erst recht in Noth. Die Feiertage kamen und für das wenige Geld, das sie noch besaß, mußte sie doch den Kindern etwas zum Essen kaufen. Aber das Kleid! Das Kleid! Da — es war ein Tag vor dem Neujahrsfeste — faßte sie sich Muth. Sie wollte zu Goldner gehen. Ist er auch ein Wucherer, er ist doch Jude. Sie wollte ihn bitten, unter Thränen bitten, daß er ihr doch das Kleid bis über die Feiertage gebe. Befiehlt es doch auch die Bibel so, zur Bedürfnißzeit das Pfand zurückzüerstatten. Sie wollte ihm betheuern, ihn beschwören, daß sie es nach den Feiertagen zurückbringe. Aber sie hatte sich getäuscht. Wucherer kümmern sich nicht um Vibelbefehle, Wucherer haben kein Herz; sie können nicht weich sein; sie sind hart wie die Goldstücke. -- ........ Sie war wohl bei ihm gewesen, aber er hatte ihr die Thü re gewiesen. „Bring' Geld, Bagasch!" hatte er ihr nachgerufen. Doch sie hat ja kein Geld zu bringen und so faßte sie heute am Versöhnungs-Vorabend wieder denverzweifelten Entschluß. „Heute,", sagte sie, „werden doch wohl auch Wucherer ein Herz haben und weich sein?" Und sie irrte sich wieder. Heute, weil er das weiche Herz fürchtete, ließ er die Arme nicht einmal mir der Bitte aufkommen, sondern warf sie ohne weiteres hinaus. „Schnorrer," hat er ihr nachgedonnert, „können auch in abgetragenen Kleidern gehen!" Aber sie ist keine „Schnorrerin" und „Schnorrer" sollte er ihr nicht sagen. Es empörte sich ihr Inneres gegen ein' solches Schimpfwort. Auch eine arme Jüdin hat ihre Ehre und kann sich wie der Wurm unterm Tritte krümmen. „Ich bin es nicht, aber . Du kannst noch ein Schnorrer' werden," hatte sie ihm aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens zurückgeschleudert. Das sonst sanfte, edle Weib ging haßerfüllt nach Hause. - Jetzt geht auch er, der Wucherer Golder, vor ihrem . Fenster vorüber, in's Gotteshaus eilend. Sie bemerkt ihn; sie verliert ihre ganze Selbstbeherrschung; sie retßt ungestüm das Fenster auf und ruft mit gellender Stimme dem erschrockenen Wucherer grimmig nach: „Gott verfluche Euch, elender Blutsauger! Er wird Euer Gebet nicht erhören, weil

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