Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1902)
- Date
- 1902-11-06
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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W W® l-C/MOS E S \fl~ M [m. 20, 6. Nov. 1902.] -MWISLUVDD^ mm Novelle von Rabbinats-Randidat Adolf Altmsnn, Eperjes. Die Sonne nähert sich ihrer Kreisvollendung, sie , steht schon mit den Füßen hinter den Bergen und nur noch ihr Haupt mit den Strahlenblicken ist der kühl werdenden Erde gleichsam wie zum Abschiedsgruße zugewandt. ' Es nähert sich die Nacht; es ist Abenddämmerung. Wie alltäglich um diese Zeit, läuten auch heute die Glocken am Thurme, werfen Handwerker und Arbeiter das Werkzeug aus den Händen, schließen sich knarrend die Thore der Fabriken und lärmend die Läden der Geschäftswelt. Es ist Feierabend. Alles ruht und rastet. Das hastige Weltgetriebe steht still und selbst die gewaltige Werkstätte der Natur, das kreisende Rad des Weltalls verstummt. Die Vögel .sitzen in ihren Nestern und stecken den Kopf in die Federn; die Thiere verkriechen sich. Dort leuchtet noch ein Feuer; es ist eine Schmiede- Werkstätte. Der Vlasbalg hebt sich langsam auf und nieder, wie ein schwer Athemholender, ein Sterbender. Auch der Hammer fällt mit schwacher Kraft auf den Ambos nieder, wie von müder Hand, wie am Feierabend. Endlich erlischt auch das Feuer, Gesell und. Meistermachen ebenfalls Feierabend. Aber im Judenviertel regt sich ein hastiges Treiben. Dort hat die Abenddämmerung keine Ruhe, keine Stille, sondern ein fieberhaft bewegliches Leben gebracht. —. . Mit zunehmender Dunkelheit beflügelt sich die Hast, wird das Getriebe lebendiger. Es ist die heutige Dämmerung für die sonst so stille israelitische Gemeinde kein gewöhnlicher Abend. Nicht wie sonst werden die Gemeindemitglieder heute ihre müden Glieder von der harten Arbeit des vergangenen Tages ausruhen. Ihnen bringt dieser Abend keine Ruhe, nein! Die Sonne scheidet wohl, aber eine ganz eigenartige Sonne zieht in ihre Mitte; ein ganz außergewöhnliches Feuer lodert unter ihnen auf. -r . ' ■ ' Es ist „Kohl nidre", der Vorabend des Versöhnungstages. Ein buntes Durcheinander gibt's in den sonst eintönigen Juden-Gäßchen und Judenhäusern. Von dem einen Hause kommt das Geklirr der beendeten, in Eile eingenommenen Szude hamafzekes; vom andern wieder lautes Tischgebet. Da laufen Kinder, um noch schnell was zu besorgen, dort eilt ein verspäteter Handwerker in's Bad, ein anderer wieder vom Bad. In jenem Hause drüben brennen schon die Kerzen und um den Tisch herum stehen in stiller Andacht die Familien-Mitglieder, den ernsten Ermahnungsworten des frommen Vaters lauschend. In einem andern Hause wieder steht das greise Familien-Oberhaupt, mit hochgehobenen Händen und Thränen in den Augen seine Lieben segnend. > .