Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-11-06 · Heft 88 (6.11.1902) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 88 (6.11.1902)
Date
1902-11-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449875--56979-2519742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1 1856 das redliche Bestreben, sich geistig zu erhöhen,; vorläufig können sie beide weder lesen noch schreiben. Wenn, ich freie Zeit habe, besuche ich diese Familie, um dem Manne als auch der Frau etwas vorzulesen und, soweit es in meinen Kräften steht, ihren Wissensdurst zu stillen. Vor einigen Monaten hat die Frau einen Knaben geboren. Als ich bei meinem letzten Besuche mit dem bildhübschen Kinde spielte, bemerkte ich, daß der Knabe nicht in den Bund unseres Vaters Abraham eingeführt ist. Ganz erstaunt frage ich. die Frau, warum man das Kind nicht Jude werden lasse. Und darauf ertheilte sie mir mit einem süffisanten Lächeln folgende Antwort: „Menschen, die so vorgeschritten und vorurtheilsfrei wie wir sind, machen solche Dinge nicht." Und darauf erwiedere ich ihr: „Liebe Frau, Sie wissen wohl, daß ich sehr tolerant bin. Sie mögen thun, was Sie wollen, es wird mich nicht hindern. Ihnen jeden nur möglichen Dienst zu erweisen. Ich muß aber energisch dagegen protestiren, daß Sie mir Ihre Handlungsweise als Resultat Ihrer philosophischen Bildung und Ihrer wissenschaftlichen Forschungen darzustellen versuchen. Denn eine Frau, wie Sie, die weder lesen, noch schreiben kann und nicht die leiseste Ahnung von den modernen Lebensfragen hat, würde besser thun, mit mehr Bescheidenheit zu sprechen und dem alten Brauche, den die Hygiene schon lange als großartig anerkannt hat, mehr Achtung zu zollen." So unangenehm der Frau diese Wahrheit war — die Wahrheit ist iminer mehr oder minder unangenehm! — sie hat sie noch hinunterschlucken müssen. Pi. Dänemark. Kopenhagen. „Abraham, Isaak und Jakob", so heißen drei — Kanonen, die sich im hiesigen Artillerie- Museum befinden. Ihre Geschichte ist in unserer Zeit der Judenhetze doppelt lehrreich. Bekanntlich entstanden die sogenannten. „Hepp-Hepp-Krawalle" in den Dreißiger Jahren ursprünglich in der „Alsterhalle" zu Hamburg, wo es zwischen einem Juden und einem Christen aus harmloser Ursache zur Schlägerei kam. Dieser Streit nahm unerwartete Dimensionen an und artete in eine wahre Judenverfolgung aus. Wo sich ein Jude zeigte, wurde er vom Pöbel, wenn nicht angegriffen, so doch mit dem „Hepp-Hepp"-Rufe beleidigt. Diese unwürdige Hetze blieb aber nicht auf das Gebiet der alten „freien" Hansastadt beschränkt, sondern verbreitete sich weit über die deutschen Staaten. Durch die damals zu Dänemark gehörenden Herzogtümer Holstein und Schleswig verpflanzte sich die Verfolgung nach Kopenhagen, wo die Juden kurz zuvor aus Anrathen der Ständeversammlungen gleiche staatsbürgerliche Rechte mit den Christen erlangt hatten. Eines Abends hotten sich tausende von Menschen unter wildem Geheul und „Hepp-Hepp"-Schreien auf dem größten Platze der Stadt, dem Königs-Neumarkt, versammelt und drohten, den Juden die Fenster einzuwerfen '.un£ sonst Gewalt anzuthun. Die eben nicht große Mann-, schaft der Hauptwache, die sich, in der einen Ecke des Platzes befand« und innerhalb eines eisernen Gitters drei bronzene Kanonen barg, vermochte nicht, die Menge zu zerstreuen, und ebensowenig, gelang dies der betheiligten Polizei. Als der alte, fünfundsechzigjährigeJ König Friedrich VI. von der Bewegung benachrichtigt wurde, ritt er, nur von dem dienstthuenden Adjutanten begleitet, nach dem Marktplatze und forderte die Menge auf, sich ruhig zu entfernen. Als man ihm aber mit. Geheul antwortete, rief er mit kräftiger Stimme den Versammelten zu, „er werde mit den vor der Hauptwache aufgestellten Kanonen zu ihnen reden, wenn sie auch nur noch einen Juden verunglimpfen würden, und zwar so, daß sie glauben sollten, die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob sprächen zu ihnen." . Seitdem , hörte jede weitere Verfolgung der Juden auf, und zum Andenken hat der Volkswitz die Kanonen nach den erwähnten Patriarchen benannt. Vor einigen Jahren fiel die alte Hauptwache der Verschönerung des Platzes zum. Opfer und seitdem befinden sich diese drei Kanonen im Artillerie-Museum. j . Ruß! Ja Odessa, im Okt. Der Gouverneur von Täurien hat allen ihm unterstehenden Behörden auf die wiederholten Entscheidungen des Senats, welche Juden ohne Ausnahme gestatteten, sich aus Gesundheitsrücksichten oder zu Handelszwecken vorübergehend auf dem platten Lande aufzuhalten, eingeschärft und aus diesem Grunde den Landgendarmen verboten, Juden, die sie außerhalb der Städte und Flecke antreffen, auf eigene Faust auszuweisen. Letzteres dürfe nur vom Landrath des Kreises verfügt werden. Zugleich hat der Gouverneur angeordnet, daß unseren Glaubensgenossen der vorübergehende Aufenthalt in den Dörfern ein für allemal zu gestatten sei. Diese für die Juden der Halbinsel Krim so überaus günstige Wendung wurde auf Drängen der Bauern und der die Interessen der Gutsbesitzer vertretenden Semstwos herbeigeführt, welche schon seit Jahren die Behörden mit Bitten bestürmen, den Juden wenigstens zur Zeit der Ernte den freien Verkehr auf dem flachen Lande einzuräumen, da die Bauern in Folge des Fehlens der jüdischen Einkäufer gezwungen waren, ihre Produkte den christlichen Wucherern um jeden Preis zu überlassen. Aus demselben Grunde sind auch zahlreiche Dorfgemeinden und größere Gutsbezirke um die Gewährung von Stadtrechten bei der Regierung vorstellig geworden, um Juden in ihren Ortschaften ständig aufnehmen zu können.. Verantwortliche Redaction: OScar Lekmann ln Mainz. — Erudition des „Israelit". Schottstrake Nr. 2. Main». -■ Druck und Verlag der Hob. Wirth'schen Hosbnchdruckerej Artien-^-esrllschast ln Main».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.