Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1902)
- Date
- 1902-11-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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.zwar der einzige, der zur Achtung führt. Wenn sie den nicht gehen wollen, weil er ihre Stolgebühren gefährdet, wenn sie mehr auf ihre Reliktenkaffe, als auf den -Beistand Gottes vertrauen, .so können sie das machen, -wie sie wollen/aber von Achtung dürfen sie dann nicht mehrdeklamiren. , Wenn sie sich erst für diesen zur Achtung führenden Weg entschlossen haben, wird ihnen auch ein Licht -darüber aufgehen, welch' ungeheure Selbstanklage sie erhoben haben, indem sie selber gestehen, sie hätten ihre j Gewissensfreiheit verloren gehen lasten und die Gei meinden sollten sie ihnen zurückgeben! Sein Gewissen j verliert man nicht, wie man ein Taschentuch verliert, ] und wenn man es verloren hat, kann man es von keinem, j andern fordern und sich zurückgeben lasten. Das muß \ jeder selbst besorgen. Die Freiheit des Gewissens ist! eines der heiligsten Menschenrechte, die keiner preisgibt, \ der sie nicht preisgeben will. Wer es doch thut, der muß j es sich, auch wenn er Rabbiner ist, und dann erst recht, j gefallen lassen, wenn ein galizischer Rabbiner ihn fol- 1 gendermaßen abkanzelt:* *) „In dieser Beziehung kann ich auf eine andere Stelle Ihres Versammlungsberichtes verweisen, wo erwähnt wird, daß Sie zwar, recht wie es Seelenhirten geziemt, bei der Bundesvertretung der deutsch-israelitischen Gemeinden ein Bittgesuch eingereicht haben, daß man auch Ihnen die Wohlthat der Gewissensfreiheit einräume und Sie fürderhin nicht Gewistensschmerzen aussetze. Dieses Bittgesuch hatte jedoch das Unglück, keine Erhörung zu finden. So lange Sie sich also nichts im glücklichen Besitze der Freiheit des Gewissens befinden, werden Sie wohl besser thun, über den heiklen . Punkt „Moral" nach wie vor das strengste Stillschweigen zu beobachten. ' Wir galizischen Rabbiner hatten von unserem in der Zivilisation so sehr zurückgebliebenen Standpunkte -erwartet, daß Sie, hochehrwürdige Herren, nicht bloß Ihrer Vundesvertretung Ihre flammende Entrüstung werden zu erkennen geben, sondern daß Sie auch als Männer werden zu handeln wissen und einmüthig Ihren Gemeinden die Demission überreichen. Bon alldem war — wenigstens in dem mir zugänglichen Bericht — auch nicht die Spur zu finden. Ich darf also annehmen,. daß Sie auch fernerhin entschlossen sind, lieber auf Ihr Gewissen, als auf Ihre Stellen zu verzichten. Sie, hochehrwürdige Herren, behaupten sich demnach — ganz unverblümt ausgedrückt — in Ihren ^Stellungen nur dadurch, daß sie mit Ihrem Gewissen den Preis dafür zahlen. Ihre Gemeinden wieder zahlen Ihnen den Sold dafür, daß Sie ihnen Ihr Gewissen verkaufen. Es wäre doch anders wirklich nicht abzusehen, was Sie denn sonst .an dieses unwürdige Ber- *) Aus der „Offenen Antwort eines galizischen Rabbiners" auf einen noch ungeschriebenen Brief des Rabbiner-Verbandes in Deutschland zubanden Sr. Hochwüroen dem Herrn Rab- * biner Dr. M a y b a u m. Berlin („Welt" Rr. 30.) trags- und erniedrigende Dienstverhältniß schmieden könnte?- u. Wir galizischen Rabbiner schmachten , fast ohne Ausnahme in Elend und Armuth, tragen meist einen geflickten Kaftan — wir fühlen uns jedoch thurmhoch über Euch erhaben. Was Gewissensnoth ist, das kennen wir gar nicht.;. ‘v'.-.. - Der Vorsteher oder die Gemeinde sollte noch auf-, stehen, die es wagte, unserem Gewissen Zwang anzuthun. Wir würden ihnen einfach den Kram vor die Füße werfen und lieber mit Weib und Kind darben; daher kommt es denn auch, daß wir trotz unserer wahrlich wenig beneidenswerthen Lage uns von Gewissensqualen frei fühlen. 1; Wenn wir also nächstens durch die hohe Ehre Ihres Sendschreibens, hochwürdige Herren, ausgezeich-, net werden, so wäre es uns außerordentlich angenehm, wenn wir einigen Aufschluß zugleich über die hier angeregten Fragen erhalten könnten. ' - . - - Mit aller geziemenden Hochachtung Einer im Sinne Vieler!" . Dieses ganze unglückliche Vorgehen legt einem den Gedanken nahe, daß die Verschiedenheit zwischen den Rabbiner-Versammlungen von einst und jetzt lediglich in der Verschiedenheit zwischen den Rqbbinern von einst und jetzt wurzele und gipfle und nähern uns damit dem Ziele und Ende dieser Darstellung. (Schluß folgt.) . ' - ZerLrmgZrrachrLHSsrr rmd SorrespESemerr. Deutschland. Uffheim (Ob.-Els.), Ende Tischri. Ein schönes Beispiel von Zedokoh-Ausübung lieferte dieser Tage unsere etwa 25 Familien zählende Gemeinde. Als an den letzten Feiertagen Herr. Rabbinatskandidat. Dreyfus in bewegten Worten und lebhaften Bildern in der Synagoge von dem Elend unserer Glaubensgenossen in Rumänien erzählte, welche allwöchentlich in größeren Gruppen durch das nahegelegene Basel kommen, war sein Aufruf an das Mitgefühl und die Mildthätigkeit von schönem Erfolge begleitet. Ueber 140 Mk. in Baar Und drei große Kisten mit Kleidungs-, stücken konnten an das Centralkomitee in Basel abgesandt werden. Kinder brachten ihre Sparbüchsen und vom Körper weg spendeten selbst die Aermsten die besten Kleidungsstücke. Ein neues Glied in dem großen Lobeshymnus von dem jüdischen Herzen! . : F r a n k r e i ch. . Paris, 28. Olt. Ich kenne eine russisch-jüdische Arbeiterfamilie, die schon seit mehreren Jahren Paris bewohnt. Sowohl der Mann als auch die Frau haben