Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1902)
- Date
- 1902-11-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Dosis Verekundia gehabt, das Wort wieder hinunterzuschlucken, wenn es ihm schon auf der Zunge gelegen hätte. Denn das, was die Rabbiner zu vertreten haben, ist ja die Bibel, die Thora, die geschriebene und die mündlich überlieferte, im Talmud codifizirte, und ihre praktische Erfüllung. Davor haben die Gemeinden keine Achtung? Aber um Himmelswillen, woher sollten sie denn dieselbe haben, so lange sie Rabbiner besitzen, die sich von einem Amtsbruder leiten lassen,' der in Wort, und That die Thora nicht nur nicht vertritt, sondern sie zertritt, der in Schrift und Wort die Göttlichkeit der Thora leugnet/) dem das ganze. Judenthum mit seinem Religionsgesetz nichts als ein Niederschlag alter, heidnischer Wahrsagekunst ist,") der als Judenthum dasjenige lehrt, was in jeder Zeit als allgemeine Sitte und Unsitte maßgebend ift,* 2 3 4) der ganz ausdrücklich empfiehlt, dem zarten Kindesalter die Wunder der Thora als solche zu erzählen, aber dann später die gereifte Jugend aufzuklären, daß das alles nur Sagen und Mythen seien/) wie kann man bei solcher Anschauung in Lehre und Leben von anderen die Achtung fordern, die man selber schuldig bleibt, die man durch Wort und That mit Stumpf und Stiel aus den Geistern und Gemüthern ein ganzes Leben lang gerissen hat? Was Herr Dr. Maybaum glaubt und nicht glaubt, leugnet und anerkennt, darüber soll hier nicht in's Gericht gegangen werden, das ist und bleibt zunächst seine höchsteigene Sache, seine bereits eingebüßte Gewissensfreiheit soll durch diese Ausführungen nicht noch mehr - 1) Als Beleg aus den Schriften Maybaurns. daß derselbe die Thora als Lnenbaruna 6iotte§ am -Sinai leugnet, müßte man sie eigentlich mm Anfang vis Ende abdrucken. Es sei bier nur auf die ersten Säße der ..Einleitung" zu der Schrift: „Dre Entwickelung des altisraelitischen Vriestertlunns" verwiesen. „Es ist heute eine bereits von sännntliclien unbefangenen Bibel-Kritikern anerkannte Thatsache. daß der Pentateuch in der Gestalt, in der er uns vvrlieat. weder von Einern Autor noch zu Einer Zeit verfaßt worden ist. Die meisten -Forscher soweit sie nicht von. dogmatischen Gesichtspmlkten ausgehen, stimmen darin überein, daß der Bcntateucb ans einer beträchtlichen Anzahl von Quellenschriften hccvorgeqangen sei. die zu verscknedenen Zeiten und in verschiedener Tendenz abgefaßt, erst ziemlich spät gegen Ende der Ncgieruna Josua'S Zn einem einheitlichen Buche, unserem Pentateuch vereinigt wurden." Dazu wird in einer Fußnote bemerkt: „Nach Graf, vem wir in unfirer Darstellung folg««, fand die Schlußredaktiou e rst nach dem Erike statt!!" 2) Die Belege aus Maybanrns Schriften hierzu finde» sich in Nr. in dieser Aufsätze. 3) In seiner „Methvdik des jüdischen Neligionsunterrichts" sagt Maubanm über die Zwecke, denen diePopulari» sirung der jüdischen Geschichte dienen soll. S. 7. wörtlich: „Es sollte aber auch das Prinzip der religiösen Entwi cke tun g seine Bestätigung finden durch den geschichtlichen Nachiveis. daß nicht blos die religiöse Form, sondern auch die religiöse Idee in steter Entfaltung begrlsscn war und stch in Synagoge und Weltverkehr den jeweilige» Anschauungen auschlotz, welche vi« De» kennerschast von ihrer Umgebung angenommen hatte. - 4) Methodik S. 64. 65: «So lange das Gefühl im Kinde vorherrscht. d. h. auf der unteren Stufe, soll dieBibel möglichst getreu mit allen ihren antropomorphistischen Ausdrücken und Vorstellungen vorgetragcn werden.- Auch die Wunderthaten Gottes und seiner Erkorenen sind in naiver Weise zu erzählen. DaS kindliche Alter verträgt dies nicht blos. sondern. cS ist durch das Dorwalten deS - Gefühls für diese Darstellungsweise empfänglich. -—,-- — Auf der höheren und höchsten Stufe dagegen, wo bereits der Ber» stand vorwaltet. inögen die Wunder für bas angesehen und ge» .geben werden, was ne in Wahrheit find, für Mythen und Sagen oer altisraelitifchen Bolkspoeste. die sich hierin Doivbeucnigen anderer Völker nicht unterscheidet. Aber auch hier soll die naive Erzählungsweise der Schrift iücht ohne Äoth prersgegeben werden, u. s. w. u. s. w.. . verkümmert werden. Aber wie kann man eine» Mann mit solchen Prinzipien zum Anwalt der den Rabbinern seitens der Gemeinden versagten Achtung machen? Die Gemeinden kennen doch den Grad der Ächtung, die der Präsident des Deutschen Rabbinerverbandes dem, was die Rabbiner zu vertreten haben, entgegenbringt, ganz genau. Wüßte z. B. die Berliner Gemeindeverwaltung nicht, wetz Geistes Kind „ihr Maybaum" ist, so wäre er nicht „ihr" Maybaum. Seine Mißachtung dessen, was die Rabbiner zu vertreten haben. hat ihm ja seine Stellung verschafft. Ein solcher Rabbiner ist der Mann nach ihrem Herzen. Das ist auf Grund ihrer Wahlverwandtschaft und ihres gleich hohen Grades der Achtung dessen, was die Rabbiner vertreten, ganz in Ordnung. - Aber wie konnten die Herren Confratres des Herrn Maybaum auch nur einen Augenblick glauben, diese platonische Liebe hielte auch fürihre Resolutionen vor?! Ihr Verbandspräsident brauche nur den Münd zu offnen und man thäte ihm den Gefallen, die Rabbiner von nun ab zu achten, aber das, was sie zu vertreten haben, wie bisher weiter zu behandeln? Die Herren Rabbiner sind zwar ihren Gemeinden lange und oft genug mit dem Beispiel säuberlicher und unsäuberlicher Scheidung zwischen Lehre und Leben vorangegangen, aber im Ernstfall sind die Beichtkinder doch nicht weitherzig genug, dieses Kunststückchen nun auch auf die Besserstellung der Rabbiner anzuwenden! Die Verbandsrabbiner haben daher durch Ablehnung ihrer Resolutionen seitens des Gemeindetags erreicht, daß die Mißachtung, die sich bis jetzt ganz von selbst ergab, j nicht mehr als etwas Zufälliges, Selbstverständliches angesehen wird, sondern zum Beschluß erhoben wurde und als anerkannter Verhandlungspunkt des jüngsten Gemeindetags gilt!! Freilich hätte dieses Fiasko der Rabbiner-Verband iinmer erlebt, wer seine Resolutionen um Achtung auch vertreten hätte, weil Achtung etwas ist, das man nicht erbitten und nicht durch Resolutionen erreichen, kann, weil jede erbettelte Achtung überhaupt keine mehr ist, auch wenn sie gnädig zugesagt worden wäre; ja. dann am allerwenigsten. Die Achtling müßten unsere Rabbiner den Gemeinden abringen, durch Selbstachtung, durch Hochhältung von Thora und Mizwoth. deren bezahlte Hüter sie sind/ Sie müßten ihrer Ueberzeugung. von der Göttlichkeit und daher Unantastbarkeit dessen, was sie vertreten, jederzeit dadurch unverklausulirten Ausdruck geben, daß sie. nicht mit sich paktiren lassen, daß sie offen und entschieden die Dinge mit rechtem Namen nennen: das ist erlaubt, das ist verboten, da thue ich mit, dort nicht, und ich verzichte lieber auf Eure Pfründe, als daß ich. die Verweltlichung und Entgöttlichung von Thora und Mizwoth durch meine Sanktionirung gut heiße! Wenn die Herren Verbands-Rabbiner gern geachtet sein möchten, das ist der Weg und