Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 88 (6.11.1902)
- Date
- 1902-11-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449875--56976-2519739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4s. Jahrgang. mm Miiicr-ItMiiiMW M unü jetzt.;'v ’ •; y\ :; iv . Der Hinweis auf die Berichte des IX. Gemeindetags, um die Thätigkeit des Rabbiner-Verbandes zur Besserstellung der Rabbiner zu illustriren, ist ungemein instruktiv. Die That, die der Rabbiner-Verband vollbracht hat, um die Stellung der Rabbiner zu heben, ist allerdings wiederum nur eine papierne, aber ste genügt, um die vollendete Zerfahrenheit und Rathlosigkeit der treibenden Elemente des Verbandes in's rechte Licht zu setzen. Sie haben, drei Resolutionen an den geschäftsführenden Ausschuß mit dem Ersuchen gerichtet, dieselben dem Gemeindetag befürwortend zu unterbreiten. Hätte der Ausschuß ihnen diesen Gefallen gethan, hätte selbst der Gemeindetag zu allem, was die- Rabbiner drückt, Amen und Placet gesagt, so wäre dieser magere Achtungserfolg noch immer für die Besserstellung der Rabbiner gleich Null gewesen. D e ß h a l b wäre in praxi nicht ein einziger Rabbiner mehr als bisher bei Verhandlungen über religiöse Angelegenheiten. zugezogen worden, keine Kultuseinrichtung weniger wäre ohne Zustimmung des Rabbiners geändert worden, und das Provisorium keiner einzigen Rabbineranstellung wäre deßhalb. früher in ein Desinitivum umgewandelt worden.' ' - - Je ablehnender sich die Gemeinden gegen diese Forderungen der Rabbiner in Wirklichkeit verhalten, je weniger ste sich von keinem Gemeindebund und keinem Gemeindetag etwas in diese ihre Interna Hineinreden lassen, um so harmloser und unverfänglicher wäre es gewesen, wenn der Gemeindebund die Wünsche der Rabbiner im Gemeindetag wenigstens befürwortend übermittelt hätte. Auch dieses bischen Achtung haben die Herren vom Gemeindebund und Gemeindetag für ihre resolutionsbedürstigen Rabbiner nicht übrig! Und die Rabbinen sind wirklich so anspruchslos, fromm und sanft in ihren Wünschen, daß es geradezu rührend ist. Sie verlangen nur. daß das bischen Decorum auch den Rabbinern gegenüber gewahrt werde, daß man wenigstens so thäte, als fragte man nach ihnen und als . nehme man von ihnen Notiz. Sie fordern daher nicht, daß der Vertreter der religiösen Angelegenheiten bei Verhandlungen über dieselben maßgebend sei, sie verlangen nicht einmal eine Stimme für ihn, ihre Resolution beschränkt sich nur darauf, daß der Rabbiner bei solchen Verhandlungen zugezogen werde! Wenn sie ihn dann überstimmen, wenn sie über sein Votum zur Tagesordnung übergehen, oder es sonst ignoriren wollen, sö können sie das alles und noch viel mehr als bas, ohne gegen den Wortlaut des ersten Theils der Resolution 1 zu verstoßen. Kurz, diese Forderung ist so wächsern, so nichtssagend und unfaßbar, daß sie wirklich mit so großer Mehrheit angenommen wurde, wie die zweite Forderung entschieden abgelehnt wurde:? - . „Bestehende Kultuseinrichtungen können nur mit. Zustimmung der Gemeindebehörde und des Rabbiners geändert werden." ' Umsonst warf der Vorsitzende des Rabbiner-Verbandes seine schillerndsten rhetorischen Perlen vor die Gemeindevertreter hin; sie erwiesen sich phrasenhaft und blieben hart. Es verlohnt sich, einzelne dieser Perlen etwas aufmerksamer zu betrachten, um die Unbegreiflichkeit würdigen zu können, mit welcher die Verbandsgenossen-da den Bock zum Gärtner machten, indem sie gerade ihrem Vorsitzenden in erster Reihe die Vertretung ihrer Standesinteressen übertrugen. Sy lange er ihnen hübsch nach dem Munde redet, thun die Berliner Schinkenjuden und ihre Konsorten recht dicke mit „un< serem Maybaum", aber ungemüthlich darf ihr Kanzelgötze nicht werden, sonst werden sie es auch? .Auf der. Kanzel in der Qranienburgerstraße ließe man sich's schon gefallen, .aber bei so praktischen, nüchternen Anlässen, wo es sich um ein freiwillig an die Rabbiner abzutretendes Stück Gemeindepotentatenthum handelt/ da nimmt man die Phrasen ernster und unter die Lupe. ■ •; ■ ' , , •- .y'vr v Da wird über den geistigen Nothständ der Rabbiner geklagt, weil die Achtung vor der Person und vor der Sache, welche sie vertreten, nicht vorhanden ist. Es^ sei eine Forderung der Gerechtigkeit, daß der Rabbiner seinen Einfluß in religiösen Angelegenheiten wieder zum Ausdruck bringt. Die Gemeinden sollten bei der Wahl eines Rabbiners nicht nur dessen rhetorische Leistungen, sondern auch das Prinzip berücksichtigen, das er. vertritt und vertheidigt. - Ein zweiter Redner behauptet geradezu, daß der gegenwärtige Zustand den Rabbinern die Gewissensfreiheit entzogen habe und bittet um Zurückgabe derselben. Also, es fehlt zunächst an Achtung für die Person des Rabbiners und für die Sache, die er vertritt! Was in aller Welt ist doch-das für eine Sache, die der.Rabbiner zu vertreten hat? Philosophie ist's nicht. Natiönal-Oekonomie noch weniger, was das sein könnte, wird hier so wohlweislich und fürsorglich umgangen, wie man es den Katzen beim heißen Brei nachsagt. Würde der Vorsitzende das Ding mit dem rechten Namen ge-, nannt haben, das der Rabbiner zu vertreten hat, ich glaube, seine Zuhörer hätten ihn ausgelacht, ja. zur Ehre des Redners nehme ich an, es wäre ihm in der Kehle stecken geblieben, und er hätte sicher die, nöthige