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Der Israelit · 1902-11-06 · Heft 88 (6.11.1902) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 88 (6.11.1902)
Date
1902-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1844 sammeln sich alle FamNienhäupter mitsammt ihren erwachsenen Söhnen in dem Haus meines Brodgebers, um „mit Minjan" zu beten. Der Einzige, der es vorzieht, in ein anderes, entlegenes Dorf zu Minjan zu gehen, ist der Schneider. Dieser liegt nämlich im Streit mit meinem Herrn, der sich weigert, für sich und seine Familie die Garderobe bei ihm zu bestellen. Doch darfst Du meinen Herrn darum nicht etwa für einen feinfühligen Aesthetiker halten, der auf den schönen Schnitt seiner Gewänder so großes Gewicht legt. Das ist er keineswegs; aber da er der Reichste unter ihnen ist, hält er sich für zu gut, um bei demselben Schneider arbeiten zu lassen, wie die Andern. Mit Sehnsucht erwarte ich die ganze Woche hindurch den Sabbat. Da sehe ich wenigstens frische Gesichter und kann mit Menschen ein paar Worte wechseln. Bücher und Zeitungen gibt es im Dorfe natürlich nicht. Ich habe mich hier auch zum Vorbeter und Thoravorleser entwickelt, obgleich ich namentlich diese letztere Kunst niemals gelernt 'habe. Das erstemal wies ich das Anliegen der Dorfleute, vorzubeten und in der Thora vorzulesen, ab. Aber plötzlich begegnete ich dem Blicke meines Herrn und gedachte der Worte des Maklers, daß ein Melamed auf dem Lande Alles können müsse; sofort trat ich an den Pult. Seitdem habe ich mir eine Stunde festgesetzt, um mich im Vorlesen zu üben, zuweilen versuche ich auch sogar, eine Melodie anzustimmen; wider Willen werde ich also vermuthlich binnen kurzer Zeit ein Tausendkünstler werden. Was meinen Brodherrn betrifft, muß ich anerkennen, daß er. mich wie ein Familienmitglied behandelt. Ich speise mit ihm an demselben »Tische, und bewohne ein besonderes Zimmer. Meine Tagesordnung ist folgende: Morgens gegen sieben Uhr stehe ich auf, nachdem ich gebetet und gefrühstückt habe, fange ich an, meine zerstreuten Schüler zusammenzutrommeln. Ich renne umher von Haus zu Haus, von Hof zu Hof, von Hürde zu Hürde. Endlich um zehn Uhr habe ich meine Heerde beisammen. Ich sitze m meinem Zimmer und der Unterricht beginnt. Ich sehe mich von den vier Söhnen der Hagada umgeben. Der „Schlimme", das ist der älteste, dem ich vergebens bemüht bin, etwas einzutrichtern, er macht sich nämlich aus all' meinen Reden gar nichts. Wenk ich ihn anschreie, bricht er in Weinen aus, oder laust davon. Der Zweitälteste Junge hat Fähigkeiten und ohne das verderbliche Beispiel des Bruders könnte er was Rechtes erlernen. Die beiden Jüngsten sind vollständige Dummköpfe und es ist zweifelhaft, ob es mir gelingen wird, bis an's Ende des Semesters ihnen das Buchstabiren beizubringen. Mit diesen vier Jüngeren verbringe ich den ganzen Vormittag, der mir so unendlich lang vorkommt, wie das „Golus". Während des Mitiagsessens ergeht sich der Vater in Lobeserhebungen über seine Sprößlinge, während die Mutter beim Anhören derselben in Wonne schwimmt. Einmal, als ich mit dem Alten unter vier Augen war, schilderte ich ihm ein wenig die Aufführung seiner Söhne, klagte über ihren vollständigen Mangel an Fleiß, weßhalb sie im Lernen keine Fortschritte machen. Wie war ich erstaunt. als der gute Mann anstatt mir für meine Ermahnungen dankbar zu sein, zornig wurde und rief: „Ihr versteht offenbar Euer Handwerk nicht, darum wälzt Ihr die Schuld auf meine Kinder. Alle Eure Vorgänger haben den Fleiß und die Fähigkeiten meiner Kinder gelobt. Für das nächste Semester könnt Ihr Euch einen andern Platz suchen. Wir sind getrennte Leute." Soll ich nun jetzt schon beginnen, mich für das nächste Semester zu sorgen? , . . ' ' ' (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit* erscheint wtSclieatllcb s^elraal, Montags snd Donnerotegs, ZebeSmal k» mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post- 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höh«. Man adonnirt ganzjährlich, halbjährlich «der vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Dev Buchhandel verkehrt durch V. Ateinachrr, Leipzig, Notzplatzlv.—Inserate 25 Pfennig die vrergespallene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zelle im Reelametheil 75 Pfennig. — Direcre Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr.. für's Ausland 1« Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3792. Telephon 10:5. S'ellesuLende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine AnSgabe des Israelit" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht man Len Empfang der „kleinen Ausgabe" längere Zeit, fo kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indrtz ausschließlich bei der Post, auf dieselbe unter Nr. 3792» abonutten. Auf Wunsch stunden wir die Zahlung deS JnferttonSSetragS an außer Stesse Befindliche bis «ach ' 7 . ’ Erlangung einer solche«. Inhalt: (Hauptblatt) land: Berlin. Ungarn: Eperje . Inhalt der ««sie» Veilag«: ... _ _ _ __ Zeitungsnachrichten u. Correlpondenzen: Deutschland: Frankfurt a. Dt. Köln. Ungarn: Papocz. — Mittheilungen auS Len jüo. Armen» vereinen und für dieselben: Malsch. — Sprechsaal. . . Snhalt der zweiten Vellage: Rabbiner-Versammlungen einst und jetzt. (Fortsetzung.) — Zeitungsnachrichten u. Cocresoondenzen: Deutschland: Uffheim. Frankreich: Paris. Dänemark: Kopenhagen. Pußland: Odessa. : DeUrtrlsMHStBcr-age: Gottes Stimme im Feuer. — Hausbibel. Verantwortliche Redactton: OSear Lehmann in Mainz. — Expedition deS Israelit". SÄottstraße Nr. 2L MainL ■ .. Druck und Verlag der Job. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz. drei BeUagem- / '.7\. ■■: 5 I

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