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Der Israelit · 1902-10-30 · Heft 86 (30.10.1902) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 86 (30.10.1902)
Date
1902-10-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Aus Sachsen, 28. Oft: Für den sächsischen Nationalliberalismus überaus charakteristisch ist die Mittheilung der antisemitischen „Deutschen Wacht", daß die nationalliberale Partei im Königreich Sachsen durch ihren Vorsitzenden, Dr. Gensel in Leipzig, mit dem antisemitischen Chefredakteur Zimmermann, dem Vorsitzenden der antisemitischen Partei, schriftliche Ver-> Handlungen angeknüpst hat, die bezwecken, zwischen den beiderseitigen Parteien ein Uebereinkommen über die Vertheilung der sächsischen Reichstagswahlkreise für den nächsten Wahlkampf zu treffen. Die Antisemiten hätten dem aber noch nicht zugestimmt, weil sie nicht den verfahrenen Karren der Nationalliberalen aus dem Sumpf herausziehen wollten. Das ist auch eine merkwürdige Art, den Liberalismus zu betonen. Aber die sächsischen Nationalliberalen haben freilich den Liberalismus schon längst so gründlich abgestreift, daß sie sich von den Konservativen kaum noch unterscheiden. Man kann sich daher auch nicht so sehr wundern, daß sie um einiger Mandate willen auch zur Verbrüderung mit den sächsischen Antisemiten bereit sind. * Dettclbach (Unterfranken). Am Vorabend des Simchas-Thorafestes starb dahier Frau Karolina Wiesengrund, die Mutter unseres Herrn Kultusvorstehers. Die am Sonntag, 26. Oktober, stattgehabte Beerdigung zeugte von der großen Beliebtheit und Achtung, deren sich die Heimgegangene zeitlebens erfreute. Von Nah und Fern, besonders zahlreich von Würzburg, waren Freunde und Bekannte, erschienen, der Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Herr Bürgermeister, städtische und Gerichtsbeamte dahier, folgten dem Zuge. Herr Lehrer Mannheimer hob in seiner Grabrede die edlen Charakterzüge der Heimgegangenen hervor, die in Gottvertrauen sich aus kleinlichen Verhältnissen emporgearbeitet im Vereine mit ihrem um elf Jahre früher dahingegangenen Gatten. Ihre Wohlthaten spendete sie ohne Ansehen der Person, ohne Unterschied der Konfession. Ein wahrhaft patriarchalisches Verhältniß waltete zwischen der Verklärten, ihren Kindern und Enkeln, die in ihr die beste Mutter betrauern, wie die israelitische Gemeinde ein schätzenswerthes Mitglied. Im Alter von 72 Jahren starb sie eines sanften. Todes nach kurzem Krankenlager; sie wurde nach Schwanfeld bestattet. Ihr Andenken wird ein gesegnetes bleiben. Möge die Erde ihr leicht sein und Gott die Hinterbliebenen trösten und aufrichten im Bewußtsein allseitig treu erfüllter Kindespflicht, n'zx n Ahlem b. Hannover. (Jsr. Erziehungsanstalt -zu Ahlem bei Hannover.) Man schreibt uns: Die neu errichtete Mädchen-Erziehungsanstalt in Ahlem ist von der dort seit fast zehn Jahren segensreich wirkenden Knaben-Anstalt räumlich vollkommen getrennt, und obgleich Vorstand, Kuratorium und Damen-Komitee der Knaben-Anstalt auch die Oberaufsicht der neuen Mädchen-Anstalt übernehmen, ist die Leitung des letzteren Instituts doch auch in dieser Richtung vollständig von der des ersteren getrennt. ‘ Fräulein Lazarus, eine auf dein Gebiete des Erziehungswesens bewährte, erfahrene und tüchtige Pädagogin, die bis zum 1. April d. I. an der Spitze des Israelitischen Central-Waisen- und MädchenheimS in Ems stand, übernimmt die Leitung der neuen Mädchenanstalt in Ahlem. Auf Wunsch des Vorstandes des letzteren Instituts hat Fräulein Lazarus in der Zeit vom 1. April d. I. bis Anfang August die bewährtesten jüdischen und christlichen Erziehungsanstalten , sowie städtische und ländliche Haushaltungsschulen besucht und sich in den bestgeleiteten davon tage- und auch wochenlang aufgehalten, um die Einrichtungen und den Betrieb gründlich kennen zu lernen. Sowohl bei der inneren Einrichtung der neuen Anstalt, als auch beim theoretischen und praktischen Unterricht werden die bewährteste Methode der verschiedenen Institute und die gewonnenen Erfahrungen zur Geltung, kommen. Somit sind alle Vorbedingungen gegeben, um die Zöglinge des neuen Instituts gründlich theoretisch und praktisch nach allen Richtungen hin auszubilden. Während das Knabenhaus aus kleinen Anfängen entstanden, infolge der notwendigen Vergrößerungen durch fortwährende An- und Umbauten verändert werden mußte, ist das neue Mädchenhaus von vorherein für 60 jüngere und 20 ältere Mädchen eingerichtet, und diese Zahl soll auch nicht überschritten werden, weil nur dann eine individuelle Ausbildung der Zöglinge zu. ermöglichen ist. Das Hauptgebäude selbst, sowie die Nebengebäude und die Gartenanlagen' sind, wenn auch nicht luxuriös, doch nicht nur gesund und praktisch, sondern auch schön angelegt. Die Mädchen haben Gelegenheit, Einrichtung und Betrieb sowohl eines einfachen, wie auch eines besseren Haushaltes kennen zu lernen. Wenn schon die Knaben-Anstalt trotz mehrerer primitiver Einrichtungen in Folge der überall...herrschenden -peinlichen Ordnung und Sauberkeit auf jeden Besucher einen vorzüglichen Eindruck macht, so ist dies bei der Mädchenanstalt in noch weit höherem Maße zu erwarten. Die Zöglinge müssen unwillkürlich durch die . ganze Umgebung und Erziehungsmethode sich an Ordnung und Reinlichkeit in allen Dingen gewöhnen. Bei vollkommenster Disziplin ist doch nicht Strenge, sondern mütterliche Liebe der Vorsteherin und des Hülfspersonals der Haupt-Erziehungsfaktor. Ebensowenig wie in der alten Anstalt der schulpflichtige Knabe von vornherein für einen bestimmten Beruf prädestinirt wird, will man schon bei dem. Ein-- tritt der Mädchen vorherbestimmen, welchem Beruf, sie. nach Beendigung ihrer Schulzeit zugeführt werden sollen. Dies wird sich hier wie dort nach der Veranlagung der Kinder richten..

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