Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1902)
- Date
- 1902-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Tempel-Verband existirt, bestehend aus einer Anzahl von Männern, die vor einigen und achtzig Jahren zusammen traten, um das alte von den Vätern überkommene Judenthum zu reformiren. Als dies damals geschah, ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze Judenheit und hier speziell hat dieser Schritt viele Reibungen und erbitterte Kämpfe zur Folge gehabt. Aber schon in der Vlüthezeit dieses Verbandes hat der scharfe Blick des Chacham Bernay's s. A. das mit so vielem Aplomb in Scene gesetzte Unternehmen richtig taxirt, durch die Bemerkung, daß der Tempel nur das Geschlecht seiner Gründer befriedigen könne, daß ihn aber ihre Nachkommen durchaus werden entbehren können. „Das ist nun in einer Weise eingetroffen, daß keiner von den Nachkommen der Tempelgründer heute mehr dem Judenthume angehört." Er existirt nicht mehr, sondern vegetirt nur noch und zwar so piano und unbemerkt, daß viele ihn ganz vergessen würden, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit durch ein schwaches Lebenssymptom daran erinnert würden. . Ein solches Zeichen ist die Veröffentlichung eines Aufsatzes „Zum Versöhnungstag," den der bisherige, jetzt in Frankfurt a. M. amtirende Tempelprediger, Herr Dr. C. Seligmann, dieser Tage geleistet hat. — Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit zu vergegenwärtigen, wie sich das Judenthum in den sogenannten Köpfen unserer Reformheiligen ausnimmt. Die Quintessenz dieser Publikation ist die eigenthümliche Idee, in der -Geschichte von Simson und'den. Philistern „die gewaltige Geschichtstragödie des Judenthums in Vergangenheit, Gegenwart, und Zukunft" zu erblicken. Das Schiefe dieses Vergleichs liegt darin, daß Simsons Kraft eine körperliche, materielle war, während die des Judenthums, dessen Signatur vb -NN2 dk -a rar ui" lautet, eine rein geistige, sittliche ist. Das schenken wir dem Prediger. Auch daß die Haare Simsons an den Haaren herbeigezogen werden, um daran nachzuweisen, worin die Kraft des Judenthums besteht, das geben wir auch noch drein, wenn auch nur ungern. Denn wir hätten hier gerne den Prediger einmal beim Wort genommen und hätten den Vergleich einmal konsequent durchgeführt, indem wir etwa gesagt hätten: Es bleibt also dabei, die Kraft Simsons und die des Judenthums besteht darin, daß sie rrwm vmz pnpTn sind, daß sie es haarscharf nehmen, haarscharf mit den Haaren! Von den mKD hätte ich gar nicht zu sprechen brauchen, auch nicht von der Kraft, die im jüdischen jtowx mit seinen w nr® mwa liegt, um mich an dem Entsetzen der glattrasirten Gesichter unserer modernen Heiligen zu weiden, weil ich so gar keinen homiletischen Scherz verstehe. Aber wie gesagt, das gebe ich preis. Festnageln möchte ich nur die Schlußworte, in die das Ganze salbungsvoll ausklingt: „Wenn ihr mich aber fraget: Gibt es keine höheren Ideale für uns und unsere Kinder, als das Judenthum? Ist „Mensch" zu sein nicht das höhere Ideal und die „Menschheit" ein höheres Ziel? — so sag ich euch: Lasset erst die Menschheit menschlich werden! . Lasset Liebe, Treue, Wahrheit, Glauben, Begeisterung das Leben wie einen Gottesgarten schmücken, lasset alles Kleine, Enge, Niedrige, Gemeine, wie Staub verwehen, lasset den Götzentempel der Philister Zusammenstürzen, dann hat das Judenthum sein Ziel erreicht, dann, dann aber erst mag es sterbend rufen: „Sterbe meine Seele mit den Philistern!" Denn dann blühst du auf, du großer Menschheitsfrühling, den des Judenthums Propheten zuerst im Geist geschaut: Die Nebel sinken, die Sonne des Messiasreiches bricht hervor und geht leuch- . tend auf über einer großen, heiligen, versöhnten Menschheit!" . .. . Damit uns keine NLance dieses Phrafengeklingels entgeht, wollen wir. den Nonsens und die m'd3, die darin liegt, uns in Kleingeld umsetzen. Also, Simson ist das Judenthum, die Philister sind die außerjüdische Menschheit. Wird diese Menschheit menschlich, dann kann Simson mit den Philistern, das Judenthum mit der gesammten Menschheit wegsterben. Das Judenthum ist dann der Mohr, der seine Schuldigkeit gethan hat und deßhalb gehen kann. Aber beim Abtreten werden die Philister, d. i. die Menschheit, lebendig vom Judenthum begraben. Wie es damals keinen Simson und keine im Dagontempel versammelten Philister mehr gab, so wird es einst kein Judenthum und keine Menschheit mehr geben. Dann geht aber die Sonne des Messiasreiches nicht über einer versöhnten, sondern über einer maustodten Menschheit auf. Was hat sie dann von dieser Sonne? Sie hat Herrn Dr. Seligmann zu einer schönen, wenn auch unsinnigen Redeflostel gedient, und.das ist keine Kleinigkeit. Wenn er vor der Alternative steht, ob er seine fixe Simsonidee oder die Zukunft des Judenthums aufgeben soll, so fällt ihm die Wahl gar nicht schwer. Sobald die Menschheit menschlich wird, wirft er das Judenthum unter die Todten. > Hier in Hamburg steht Herrn Dr. Seligmann die Tempelkanzel zur Verzapfung solcher Ungeheuerlichkeiten nicht mehr zur Verfügung. Aber er hat dafür hier ein Weltkänzelchen gefunden: das „Hamburger Familienblatt" in seiner Jom Kippur-Nummer. Es besorgt, wie ein richtiges Mädchen für Alles, auch die Geschäfte der hiesigen Tempelherren, indem es diese Allüren unter die Leute bringt. .. Stuttgart, 21. Okt. Vor einigen Tagen hat der Königssohn im Priestergewande,' Prinz Max von Sachsen, der württembergischen Hauptstadt einen Besuch abgestattet, um sich im dortigen Bezirksverein des als ultramontanen Kampforgans bekannten „Volks-