Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-30 · Heft 86 (30.10.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 86 (30.10.1902)
Date
1902-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449873--56920-2519681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wes will man noch mehr? Dass anklägerische Flugblätter dem Gegenstand ihrer Anklage nicht nähen, sondern schaden, ist eigentlich selbstverständlich. Und vielleicht auch das nicht. Wenn ich angegriffen werde, und wehre mich meiner Haut, meines Judenthums oder wessen sonst immer, und der Angreifer erhält bei dieser Gelegenheit einige blaue Male, so habe ich ihm vielleicht nicht einmal schaden, sondern mich nur wehren und heil erhalten wollen. Was es aber dem Taufpathen der jüdischen Katholiken in Westphalen besonders angethan hat, und daher in allen Variationen so und so oft wiederkehrt, das ist die Behauptung von der Frankfurter Genesis der ganzen. orthodoxen Bewegung in Westphalen. Das wäre nun eigentlich, auch nichts Verbrecherisches. Wenn er selber glaubt, was seine Feder schreibt: „Es darf eben kein westphälisches Judenthum geben,"*) und er es den Frankfurtern nicht übel nimmt, wenn sie dasselbe glauben, so haben sie in Frankfurt und Westphalen dasselbe Judenthum, wie sie dasselbe Einmaleins haben. ~ Dann könnte man es begreiflich, wenn auch nicht entschuldbar finden, daß es in Frankfurt Leute gibt, deren Interesse für jüdische Anliegen vor den westphälischen Schlagbäumen nicht Halt macht. Aber man wird dieses Interesse selbst entschuldbar finden, wenn man weiß, daß Frankfurt der Sitz der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen' Judenthums" ist, die statutengemäß die Vertretung und Förderung jüdisch-orthodoxer Anliegen in ganz Deutschland zum eigentlichen Zweck hat. Trotz alledem entspricht es nicht den Thatsachen, wenn hier die Sache so dargestellt wird, als sei die Bewegung gegen die bankrotte Reformwirthschaft in Westphalen nicht von dort, sondern von Frankfurt ausgegangen, und erst dann durch Frankfurter Sendboten nach Westphalen übertragen worden. Es ist wahr, daß^ die anfänglich nummerisch schwachen orthodoxen Kreise Westphalens von Frankfurt und. besonders von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" viele Beweise thätiger Sympathien erhielten und erhalten; das ist aber auch alles. Aber der: Correspondent der „Allg. Zeitg. d. Judenth." befindet sich auf dem Holzweg, wenn er glaubt, daß sich die Sympathien für die majorisirten Orthodoxen Westphalens nur auf Frankfurt beschränken; sie gehen viel, viel weiter. Die Frankfurter Sendboten sollen nun den gefährdeten Minderheiten zugerufen haben: „Besser sich separiren, als sich majorisiren _zu lassen." Auch das brauchten sie den Westphalen nicht erst; zuzurufen, das ist ein Prinzip, das man nicht erst von. Frankfurt zu importiren braucht. Das gilt bei jeder zielbewussten, charakterfesten Partei im politischen, volkswirthschastlichen. und sozialen Leben.^ ‘ Wem diese; *) Und die westphälische Tcfiller Anmerkung des Setzers. Gesellschaft noch nicht gut genug ist, kann sich speziell in jüdischen Angelegenheiten noch auf die preußische, die badische, die hessische Negierung berufen, die., , mit ihrer Austrittsgesetzgebung alle auf demselben, Boden stehen. Damit kann man heute kein Gruseln mehr erregen; die Zeiten sind gottlob vorbei. Wenn aber den Frankfurter Sendboten noch ferner in den Mund gelegt wird: . - „Ein Orthodoxer wiegt Zehntausende von. Liberalen auf, er hat im Grunde alleinigen Anspruch aufden Namen Jude und kann daher im Gemeindeleben die höchste Berücksichtigung fordern," " * so ist das doch jedenfalls der Gipfelpunkt aller Intoleranz. Wenn die^ westphälischen Orthodoxen diesem Rathgeber folgen, so nehmen sie. folgendes Fundamentalstatut in ihre Satzungen auf: ° E i n Liberaler wiegt zehntausend Orthodoxe auf. Anspruch auf den Namen Jude hat nur der, der sich über einen gewissen täglichen Konsum, von. Westphälischen Schinken ausweisen kann, der den Sabbat entweiht, der sein Kind nicht mehr in den Abrahamsbund einführt etc. etc., erst nach Nachweis dieser Qualifikation kann Jemand die höchste Berücksichtigung im Gemeindeleben fordern. - ..= *• -v , Der Rathgeber weist ziffernmäßig die Folgen nach, die das Fehlen jeder rabbinischen Autorität in Westphalen nach sich gezogen hat, er legt den Gemeinden die Worte in den Mund: ' . „Besser ein orthodoxer, noch dazu von opferfreudigen Leuten in der Ferne besoldeter Rabbiner, der Kraft seiner Autorisation unsere Lehre vertritt, als gar keiner," ... - ... , ... und meint ferner recht offenherzig, es könne den West-, phälischen Gemeindevorständen nicht wohl geworden sein bei der Frage: .... .• „Was haben wir an positivem Judenthum jenen Orthodoxen entgegenzusetzen? Um nur ein Beispiel zu erwähnen: der orthodoxe Rabbiner konnte in ganz Westphalen nicht koscher speisen, bis er nicht seinen eigenen Schachet approbirt und ein. rituelles Gasthaus in der Großstadt Dortmund eingerichtet hatte. Das letztere aber, das sagen auch Nicht-Orthodoxe, war ein Bedürfniß und eine Wohlthat, besonders für die vielen aus allen Weltgegenden durchreisenden Fremden." Dennoch bekrittelt, benörgelt und bespöttelt er die Berufung eines orthodoxen Rabbiners und nannte das überlieferte, historische Judenthum, das diesen Rabbiner vertritt, jüdischen Katholizismus. und Dominikanerthum!! Es ist das Judenthum, dem der Vater, der Großvater des Spötters selber angehörte, er beschmutzt sein eigenes Nest, und glaubt, wirklich jetzt den Orthodoxen Eins versetzt zu Haben! v .: Die Rückkehr zum überlieferten, historischen Judenthum der Vater unter orthodoxer Führung ist ihm eine „Rückkehr in's religiöse Ghetto, das wir über-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.