Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1902)
- Date
- 1902-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449873--56919-2519680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihm die Stelle im Midrasch Schemosh Rabbah erst verrathen, wenn er sich von dem Schrecken des ersten Citach erholt hat. Dieses kann, man'ihm wohl-nicht verheimlichen, da es imArüch unter ÄjzHnp leicht zu finden ist. Unser Lehrer Moscheh war nun ganz gewiß nicht katholisch, wenn ihn aber die alten Weisen trotzdem einen Katholiken nennen, so müssen sie darin einen den, ob es dort schlechter, als anderswo gewesen sei. ' Dieser fade, leere AscheNtrost^. wird aber in demselben Athemzuge von demjenigen, unbarmherzig zerstört, ver ihn selber eben gespendet hat. Es wird nämlich von dem neuen Gebetbuch berichtet, das der Westphälische Gemeindebund bei einem auswärtigen Rabbiner bestellt hat und dazu bemerkt: Ehrennamen erblicken, der nichts von seiner Bedeutsamkeit verliert,- wenn auch ein moderner Weiser von der rothen Erde ihn uns Orthodoxen beilegt. Das hat unser liebenswürdiger Partner wohl füglich auch ohne viel Scharfsinn selbst herausgewittert und sich am Ende nicht mehr mit einem Vergleich zwischen orthodoxen Juden und Katholiken begnügt, sondern hat uns mit den Dominikanern verglichen. „Aehnlich wie etwa der Dominikaner in's Land kommt, hier oder dort vorübergehend eine Niederlassung gründet, um der Kirchenzucht nachzuhelfen, den Abfall zu strafen und sich päpstlicher als der Papst aufzuspielen, so kamen die Frankfurter Sendboten in's Land, um den gefährdeten Glauben wieder aufzurichten und den Widerstand gegen freisinyige Gemeinde- Vorstände zu organisiren." ' Ich muß zunächst gestehen, daß ich mit der Naturgeschichte der Dominikaner nicht sehr vertraut bin. Kann man ihnen aber wirklich nichts schlimmeres nachsagen, als was hier geschieht, so wäre unserer Orthodoxie eine recht große Dosis Dominikanerthum zu wünschen. Wenn die jüdische Orthodoxie wirklich allenthalben vorübergehend oder dauernd . Niederlassungen gründete, der Kirchen- oder der Synagogenzucht Nachhilfe und selbst nicht nur daran denken könnte, den Abfall zu strafen, sondern diesen Gedanken auch wirklich in Thaten umsetzte, dann müßte sie allenthalben so an Achtung gewinnen, daß man es ihr gern Nachsehen würde, wenn sie sich selbst, in Wirklichkeit päpstlicher als der Papst geritte. ., ... ' Also, mit dem Dominikanerthum ist's leider auch nichts. Wenn so die ganze Decoration und. Staffage in Stücke geht, wenn man sie kaum anfaßt, so muß man sich nach dem Kern des Pudels umsehen, d. h. nach dem. was hier thatsächlich gegen die bösen Westphälischen Orthodoxen vorgebracht wird. Ich habe zu diesem Zwecke den „Jüdischen Katholizismus in Westphalen" einige Male aufmerksam durchgelesen, und' habe nichts, absolut nichts darin nach dieser Seite gefunden. Unwillkürlich muß man'sich sagen: Die Westphälischen Orthodoxen müssen in der That Ehrenmänner mit blankem Schild sein, wenn einer, der ihnen so gern etwas am Zeuge flicken möchte, absolut nichts gegen sie Vorbringen kann, als einige hohle. Phrasen von jüdischem Katholizismus und vom Dominikaner.- . Es wird eingeräumt, daß es in'Westphalen. in den 70iger und 80iger Jahren übel bestellt gewesen sei, aber gleich die Beruhigung beigefugt, keiner könne entschei- „Die Ausführung mußte freilich einem auswärtigen Rabbiner übertragen werden;.denn Rabbiner, und darin stand Westphalen allerdings allen übrigen Landestheilen nach, gab es damals in der ganzen Provinz keinen einzigen."- . In Folge seiner Gebetbuchmacherei, wird uns weiter erzählt, hat sich der harmlose, lammfromme und lilienweiße westphälische Gemeindeverband bei allen am Alten hängenden verhaßt, gemacht. Obgleich das Gebetbuch Niemanden aufgedrängt wurde, sah sich der Verband alsbald von Gegnern umringt, die sein Vorgehen für. religionswidrig a u s s ch r i e e n und durch Gutachten und anklägerische Flugblätter zu schaden suchten. '. : - Es ist wahr, der Verband hat sein Gebetbuch nicht mit Feuer und Schwert in die Gemeinden einzuführen gesucht, man hat auch nicht gehört, daß er dis Gemeinden mit Dragonäden bedachte, die sich der Einführung widersetzten. Aber er hat glücklicherweise auch nicht die Macht dazu gehabt. Hätte er sie. gehabt.und hätte er sie angewendet, so wäre er nicht die erste reformjüdifche Behörde gewesen, die ihre Allüren durch Polizei und Büttel zwangsweise eingeführt hat und auch nicht die letzte. Wer das nicht glaubt, wer es heute für ausgeschlossen hält, daß eine reformjiidische Behörde orthodoxe Minoritäten majorisirt und vergewaltigt, der möge nur dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde zur Verwirklichung seines Traumes von einer jüdischen Centralbehörde verhelfen, und er wird dieses Wunder in neuer Auflage erleben können. . Also, das neue Gebetbuch wurde Niemanden aufgedrängt, und doch haben die Gegner es für religionswidrig ausgeschrieen. Ich habe die Bewegung, welche die neue Westphälische Postille hervorgerufen, s. Z. aufmerksam verfolgt. Von einem Schreien und gar einem Ausschreien ist mir aber nichts zu Ohren gekommen. Damit ist jedoch nicht, weiter zu rechten. Es kann ja sein, daß von gut entwickelten — ich sage nicht langen — sondern von fein organisirten Ohren,- etwas als lauter . Schrei empfunden wird, was normalen Ohren als ganz normal erscheint. Ich klammere mich an das Ausschreien nur deßhalb, weil es eigentlich das Einzige ist, was in dem ganzen Aufsatz der Orthodoxie vorgeworfen wird. Und selbst von diesem Ausschreieu wird eingeräumt, daß es nicht dem Gebetbuchmacher und nicht seinem Besteller, sondern nur dessen Vorgehen . galt.