Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1902)
- Date
- 1902-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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über ihre Persönlichkeit, ihr Leben und Wirken zu erj fahren. | Dieses Verlangen wurde durch obige Schrift in so hohem Grade befriedigt, daß ich sie allen, die in gleicher Lage sind, recht angelegentlich empfehlen lann. Das Leben und Wirken dieser beiden Männer ist ein so innig verbundenes, daß, wie der Biograph zutreffend bemerkt, man nicht das eine ohne das andere schildern kann. Vielleicht ist die kleine Schrift aber noch empfehlenswerthcr für diejenigen, denen die Werke der Gebrüder Deutsch nicht bekannt sind, und die durch die Lektüre dieser Biographie angeregt werden, sich in dieselben zu vertiefen. Diese Schriften behandeln vorzüglich die Kämpfe innerhalb der deutschen Judenheit vor ca. 60 Jahren und nehmen dazu entschiedene Stellung, selbstredend im Sinne des orthodoxen Judcnthums. Ich habe selten eine scsachliche Schärfe und eine so persönliche Milde und Schonung vereint gcfunden, wie sie in diesen Schriften in jedem Zuge dem Leser entgegen tritt Die Schrift ist dem Lehrer des Verfassers, Herrn Rabbinatsassessor Dr. Nathan in Hamburg gewidmet und vom „Verein für jüd. Geschichte und Litteratur" in Myslowitz herausgegeben, durch den sie wohl auch zu beziehen sein wird. ZsMmgArrsHrTHLsN und CorrsfponDsMZSN. Deutschland. Hamburg, 16. Nov. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" sprach gestern Abend Herr Dr. Lewinsky aus Hildesheim über „Eine Religionsdisputation in Hannover zu Beginn des 18. Jahrhunderts." Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Hannover lebte am Ende des 17. Jahrhundert ein reicher, angesehener „Hofjude"> Liepmann Cohen oder Leffmann Behrens, der von seinen Glaubensgenossen den Ehrentitel „Schtadlan" (Fürsprecher) erhielt. Er hatte einflußreiche Beziehungen zu dem welfischen Fürstenhause. Durch die Gunst des Herzogs Johann Friedrich (gest. 1679) wurde ihm gestattet, ein Haus in Hannover käuflich zu erwerben; auf seine Verwendung erließ der Herzog auch ein Edikt zum Schutze der auf dem jüdischen Gottesacker zu Hannover Bestatteten. In gleichem Ansehen stand Behrens, als Hof- und Schutzjude bei dem zum Kurfürsten ernannten Herzog Ernst August (gest. 1698). Auch zu auswärtigen Fürsten unterhielt er finanzielle Beziehungen, wie zu dem in Celle residirenden Herzog von Braunschweig- Lüneburg, zum Herzog Adolph Friedrich von Mecklenburg. zum Fürstbischof von Bamberg u. a. Im Hochsommer des Jahres 1704 sandte Leffmann Behrens einen Spezialkurier in das Haus des zu Stadthagen wohnenden Rabbi Joseph, um ihm die Bitte zu übermitteln, umgehend nach Hannover zu kommen, da der Kurfürst Georg Ludwig auf Betreiben eines getauften Juden (vermuthlich des Eliezer Edzard) die Abhaltung einer Religionsdisputation zwischen Juden und dem Konvertiten befohlen hatte. Der ganze fürstliche Hof, die Herzogin-Mutter, die Kurfürstin Sophie von Hannover, der alte Herzog Georg Wilhelm von Celle (gest» 1706), die Prinzen, die weltlichen und geistlichen Räthe, darunter der Hofprediger (wohl Abt Molanus), sowie andere hervorragende Persönlichkeiten sollten jenem geistigen Turnier beiwohnen. Diese Kunde, die ihm an einem Fasttage zuging, versetzte den im Greisenalter stehenden Rabbi Joseph in nicht geringe Bestürzung, er trat aber sofort mitten in der Nacht die Reise nach Hannover an. Wenige Stunden nach seiner Ankunft fuhr Leffmann Behrens mit ihm und einem im Lehrhause zu Hannover lebenden Aron aus Abterode, der bei der Disputation assistiren sollte, in das kurfürstlich* Schloß, wo der gesammte Hof und die dazu schon Geladenen versammelt waren. In anschaulicher Weise schildert Rabbi Joseph in einem kürzlich aufgefundenen hebräischen Manuskript seinen Empfang im Leineschlosse: „Die Kurfürstin-Mutter reichte mir ihre Hand zum freundlichen Empfange. Auch der anwesende Abt erinnerte sich, daß er vor 40 Jahren, als er in Rinteln als Professor lebte, an einer Disputation mit mir theilgenommen hatte. Durch diese Gunstbezeugungen gewann ich Muth." Nur durch einen Tisch getrennt, standen sich der Konvertit und Joseph Städthagen gegenüber, in unmittelbarer Nähe war der Platz des Kurfürsten und seines prinzlichen Bruders, dem gegenüber der Abt Posto faßte: In einer Nische befanden sich die Plätze der Kurfürstin-Mutter und des Herzogs von Celle. Im Hintergründe standen die sonstigen Hofbeamten. Ein zahlreiches Auditorium füllte den Vorsaal und die benachbarten Räume des Fürstenschlosses, voll Spannung den Ausgang des ungewohnten Schauspieles erwartend. Um 3 Uhr begann die Disputation, eröffnet durch den Apostaten, der zunächst dem Kurfürsten für die Erfüllung feiner Bitte, die Juden zu einer Disputation zu befehlen, dankte und dann an den Rabbi sechs Fragen richtete, die vor allem die Stelle eines Mittlers zwischen Gott und Israel und die Messiaszeit betrafen, wobei die bezüglichen Stellen aus der Bibel, dem Midrasch und anderen späteren Schriften zitirt wurden. In schlagfertiger Weise trat jedoch der Rabbi seinem Widersacher entgegen. Der Vortragende schilderte ausführlich den Verlauf der Disputation. Es zeigte sich in ihrem Verlauf, daß der Rabbi auch im Evangelium gut Bescheid wußte. Plötzlich bat der Konvertit den Fürsten, dem Rabbi zu befehlen. unter Eid anzugeben, welche Religion, die christliche oder jüdische, er für die rechte halte. Der Rabbi