Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 84-85 (27.10.1902)
- Date
- 1902-10-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1784 ZritiMgsKüäMHtsn ««d EsrrespvnLenz««. De uLfch l and. Mainz, 26. Okt. Wer im neuen Jahre leben bleiben, wer abberufen werden soll, das wurde in den soeben vergangenen furchtbaren Tagen bestimmt. Unserem . Freunde, unserem Genossen war es beschieden, bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres von hinnen gerufen zu werden. Ludwig Hermann Lippmann dahier, der treue und rastlose Arbeiter im Weinberge des Herrn, der unermüdliche Parnes unserer Religionsgesellschaft, der umsichtige Vorsitzende unserer Chevra Kaddischah, das überaus thätige Mitglied des Kuratoriums für die Errichtung eines jüdischen Hospitals am hiesigen Platze, ist am Vorabend des Beschlußfestes im Alter von nur 61 Jahren vom Schauplatze seiner segensreichen Wirksamkeit geschieden. Der Hintritt dieses, edlen Mannes hat uns auf das Tiefste erschüttert ntwo »»» ’cxya aty, als wenn Bein von unserem Beine, Fleisch von unserem Fleische sich getrennt hatte. Da es uns vergönnt war, alltäglich mit dem Heimgegangenen zu verkehren, und so aus nächster Nähe dessen hervorragende Leistungen zu bewundern, so kann man sich vorstellen, wie nahe uns dieser Verlust berührt. ' ' Herr L. H. L i p p m a n n war einer von den Wenigen, selbst in unserem auserlesenen Kreise, die von der Rothwendigkeit und der Bedeutung der separirten Gemeinden tiefinnerlich durchdrungen waren und er hat demgemäß sein ganzes Thun und Lassen eingerichtet. Nachdem ihm in verhältnißmäßig jungen Jahren eine gütige Vorsehung gestattete, sich von den Geschäften zurückzuziehen, stellte er seine volle Kraft in den Dienst unserer Religionsgesellschaft und der mit ihr verbundenen Einrichtungen und Vereinigungen. Schon viele Jahre vor dem Heimgange unseres ersten Vorstehers Rabbi Leo Leser, als diesem die Schwächen des Alters es nicht mehr gestatteten, alle Geschäfte der Gesellschaft selbst zu erledigen, wurden sie zum größten Theil von L. H. Lippmann besorgt, die er nach dem Tode L. Leser's dann ganz übernahm und bis zu seinem Todestage auf das Musterhafteste sortführte. Seine ganze Zeit, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, abgesehen von den Stunden, die er für das Lernen bestimmt hatte und die er in der Synagoge verweilte, war thatsächlich ausgefüllt mit den Besorgungen für unsere Kehillah und deren Institutionen. Begegnete man ihm auf der Straße, so kam er sicher von irgend einem Gange, den er im Interesse unserer Gemeinde unternahm, kam man zu ihm in die Wohnung, um sich für irgend einen guten Zweck eine Gabe zu erbitten, die nie verweigert wurde, so lag der ganze Pult und Tisch seines Privatzimmers voll mit Correspondenzen und Papieren, die sich auf die Angelegenheiten unserer Gesellschaft bezogen, ja, während wir dies niederschreiben, bringt ein Bote ein noch von ihm ausgestelltes diesbezügliches Schriftstück. Daß wir einen solchen Mann aus das Schmerzlichste vermissen, daß uns da der talmudische Ausruf: «Wehe über den, der verloren gegangen und nicht wieder gefunden wird," . aus tiefstem Herzen kommt, das wird' wohl Jeder gerne glauben. L. H. Lippmann war wie einer der Männer, die Jithro, der staatsmännisch gebildete Schwiegervater Moschehs, diesen ausersehen ließ. Er war einer von den Anschei chajil, Jirei elokim, Ansche Emes, faunei bozah. Ein Mann von Kraft, energisch, zielbewußt, welche vor keinem Menschen und. keiner Regierung zürückschrecken, sobald es gilt, unsere heilige Sache zu verfechten, er war auch im wahren Sinne des Wortes gottesfürchtig, denn er trug die Ehrfurcht vor Gott nicht auf den Lippen, sondern im Herzen, mochte man des Morgens noch so frühe in die Synagoge kommen, L. H. Lippmann war schon anwesend und hatte bereits die Psalmen des Tages recitirt; er war auch meistens der Letzte in der Synagoge, wo er nach Schluß des Gottesdienstes mit den Kultusbeamten noch Konferenzen hatte und seine Anordnungen traf. So lange er bei voller Kraft gewesen, versah er auch die Funktionen eines zweiten Kantors, kurzum, er war ein J'rei schomajim, wie sie heutzutage unter Tausenden kaum zu finden sind. Er war aber auch ein Jsch Emes. er liebte die Wahrheit über Alles und haßte die Lüge, er konnte nicht, wie so mancher, der sich fromm dünkt und auch sonst fromm führt, den Herren von der anderen Richtung schöne Worte in's Gesicht sagen und in ihrer Gegenwart deren Handlungen beschönigen, nein, er sagte ihnen oft und nachdrücklich gerade heraus, wie er über sie und ihre Lebensführung dachte, und als seinen höchsten Ruhmestitel kann es vielleicht bezeichnet werden, daß er bei einzelnen Führern der hiesigen Reformgemeinde sich keiner Beliebtheit erfreute. L. H. Lippmann war aber auch ein Sone bezah, jedes Mitglied' der Gemeinde war ihm gleich werth, mochte dasselbe nun einen vollgepfropften Geldschrank besitzen, oder in einer kleinen Dachkammer wohnen, ein jeder fand bei ihm Gehör und Gerechtigkeit.. Alle Mitglieder unserer Gemeinde hatten ein gewisses Gefühl der Sicherheit in dem. Bewußtsein, daß ein so auserlesener Mann an der Spitze unserer Verwaltung stand und nun ist er von uns genommen, py ps nachdem er bis einige Stunden vor seinem Tode noch für uns gearbeitet und gesorgt hatte. Es ist deßhalb keine der gewöhnlichen Nachrufsphrasen, wenn wir von einem herben, unersetzlichen Verluste reden, wir Alle spüren ihn auf das Tiefste und bei dem am Simchas Thorah Nachmittag stattgehabien Leichenbegängniß fand unser Schmerz dadurch beredten Ausdruck, daß wohl kaum ein Mitglied unserer Ge-