Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-27 · Heft 84-85 (27.10.1902) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 84-85 (27.10.1902)
Date
1902-10-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449872--56899-2519641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

te 1781 „Mit Ihnen, Berger, ist nicht zu sprechen. Sie sind ein Egoist!" „Mein lieber Doktor, ich bin nicht so hart, als Sie wähnen. Wenn dieses Weib sich nur mit einem einzigen Worte zu rechtfertigen versucht hatte; wenn sie ihr Kind auf den Arm genommen hätte, um mit ihm in die Verbannung zu gehen, ja, wenn nur eine Thräne aus dem Mutterauge auf den Lockenkopf des fußen Geschöpfes gefallen wäre, oder wenn die scheidende Mutter^ einen Abschiedskutz auf den Mund des unschuldigen Wesens gedrückt hätte, all mein Groll wäre vor der Macht meiner Liebe zu dem Kinde geschmolzen, um seinetwillen hätte ich Alles vergeben und zu vergessen gesucht. Aber nichts von alledem. Die Verworfene erklärte, kein Andenken an mich behalten zu wollen, hatte keinen Blick für ihr Kind und wehrte mit einer Handbewegung voll königlichen Stolzes jede Annäherung meinerseits ab."; „Haben Sie es später niemals versucht, etwas über das Schicksal der Mutter Ihres Sohnes zu erfahren, schon ihm zu Liebe?" „Wozu dies? Für mich ist sie verloren, so oder so, von Rudi.wird sie als todt betrauert; es ist dies besser für ihn, als daß er feine Mutter verachten müßte. Ueberdies war dies die einzige Bedingung, welche sie bei der Scheidung machte. Kurz, nachdem meine Ehe beim Rabbinat zu Prag sowohl, als beim Gerichte getrennt wurde, verließ ich meine bisherige Heimath, wo man meine Schande kannte, und siedelte mit meinem Kinde'nach Berlin über, wo ich mich als Sprachen-- lehre? gut fortbringe, ja, mir durch mein talmudisches Wissen in gelehrten Kreisen einen guten Namen gemacht habe, und was das Veste dabei ist, in Ihnen, Doktor, einen treuen.Freund gefunden habe, der meine wenigen , guten Eigenschaften zu schätzen weiß und mit rücksichtsloser Offenheit mir meine Fehler vorhält. Dank Ihnen auch dafür." „Von Dank kann keine Rede sein. Bei unserem intimen Verkehr empfange ich mehr, als ich gebe. Die Lehren' Eurer Religion, die Erfahrungs- und Sittenlehren, welche Eure Rabbinen im Talmud niedergelegt. interessiren mich in so hohem Grade, daß ich Ihnen stundenlang zuhören wollte, wenn Sie mir dieselben mit einer solchen Klarheit, wie es für mich Laien nothwendig ist, erklären. Umso unbegreiflicher ist es mir, daß Sie selber dem Beispiele, das Ihnen als gläubigem-Juden vorschweben. follte, nicht Nachfolgen. Sie selbst' zitirten doch jüngst den Ausspruch eines Ihrer Weisen — wenn ich nicht irre, so war es Rabbi Akiba — ^aß cha^ wo Mann und Weib treu und einträchtig beisammen wohnen, es. ist, als wäre ihr Haus, ein Heiligthun? Gottes. lind Sie? Wie verträgt sich dieser Ausspruch mit Ihrer Handlungsweise?" „Ja, ' .wo beide Theile. treu zusammen wohnen! Das stimmt. Aber wo Falschheit und Treubruch herrscht, da hat der Mann das Recht zu handle», wie > ich es that. In einem solchen Falle gibt selbst^ unsere zur Milde leitende Thora dem eifernden Ehemann Rath und Mittel an die Hand,-wie ^sem?bejlMgteWre zu rächen ist." V?? -' Berger erzählte nun seinem begierig aufhorchenden Freunde das betreffende Gesetz, bis er-.durch, die. An-, kunft Rudis unterbrochen würde.; •-•?\ . . II. -. Seit dem vorher geschilderten Gespräche der beiden. Freunde sind ungefähr sechs Jahre verstrichen.' . Ganz Berlin befand sich in ungewöhnlicher Aufregung. Zum Besten der von einer furchtbaren Brandkatastrophe, betroffenen Einwohnerschaft einer großen. Handelsstadt Norddeutschlands, war im Residenztheater eine Wohlthätigkeitsvorstellung veranstaltet wordem in welcher: der Stern des Wiener Burgtheaters, Frau Bergheim,- '.' in ihrer Glanzrolle, der Fürstin in der?Braütvon Messina" auftreten sollte, ohne irgend welcheH- Honörar. zu beanspruchen, aus pure? Nächstenliebe. Das geräumige Theater war än-diesem Äbenb vor? einer gewählten,. festlich gekleideten Gesellschaft... hiß;; auf's letzte Plätzchen gefüllt, und alles lauschte begierig den schwungvollen Worten des großen Meisters, welche von den Lippen der gottbegnadeten Künstlerin entgegentönten. Man wußte .nicht, was man an bei; Darstellerin der Isabel mehr bewundern sollte: die Würde der hoheitsvollen Fürstin, der sich nicht nur die - sich feindlich gegenüberstehenden Söhne beugten, - fön- -■ der» auch deren Begleiter,, die rauhen Kriegep —? oder? die rührenden Töne der Mutterliebe, welche die Herzen^? der Zuhörer gefangen nahmen, und alles zu Thränen rührte, und dies nicht nur zarte Damen, sondern auch? - ernste, im Lebenskämpfe abgehärtete Männer:?;^,'? Die Scene zu Anfang, des Dramas, / worindie? unglückliche Fürstin ihren Söhnen all ihr überstandenes?.-. Leid erzählte, die Furcht vor dem finsteren, stariköpfigen Gemahl, ihren Schmerz schilderte, als sie; sichfrÄ-? willig von ihrem Kinde trennte, üm es vorlgroßer Ge^ fahr zu bewahren, die Liebe und Angst um vas Schick-? sal des fernen Kindes — diese Scene wgrdas Beste'? was jemals auf diesen Brettern, geboten wurde,urÜ ein? nicht endenwollender Beifall bei offener Scene 'lohnte?? die Künstlerin. •. /:.;i?? Als der Hervorruf, gar kein Ende nehmen; .'wollte, und die ganze Vorstellung durch diese' UytetbbechM^?, . gefährdet zu sein schien, flüsterte her/Regisseur det7fast?? erschöpften Schauspielerin zu:???????> „Sprchen Sie. einige,Worte des Zankes zw.deM^ Publikum,. und 'dieser Stürm Ärrvr'sich'-legE?'^^??'^' Aber sie konnte. keiy..Wort?hervorbring«ü?^Hie^ beugte sichrnur dankend -vor, mit dep HäMmhM eh-H! regten Publikum' zuwinten'V, und^Lsiie glaubten zu bemerken,- daß große Thränen über'ihre. unter der Schminke erbleichten Wangen , herabrieselten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.