Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1902)
- Date
- 1902-11-20
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1951 Wenn die Mode in Europa und besonders in Paris veränderlich ist, so ist sie es jedoch kaum weder in dem eingeborenen Algier, noch in dem jüdischen Algier, das uns weiter beschäftigen wird. Man kann nicht sagen, unsere algerischen Schwestern wären ganz und gar von jedem Gedanken an Koketterie entfernt, sie waren ohne jeden guten Geschmack. — Wir sind vom Gegentheil überzeugt, und wir hegen den Wunsch, durch Beschreibungen einiger algerischer Trachten — konstatiren müßten wir eigentlich sagen — zu beweisen, daß die Juden von Konstantine, den schönen, weiblichen Putz gern haben und in ihrer Wahl einen ausgezeichneten, orientalischen Geschmack zur Geltung bringen. Aber .... die dortigen Sitten sind nicht für den häufigen Wechsel in Schnitt und Farbe, worin sich besonders die schöne Pariserin gefällt. Aber.... das glühende Klima des afrikanischen Festlandes bedingt in der Kleidung eine Einfachheit und Bequemlichkeit, von der die großen Pariser Modisten sich gar keine Vorstellung machen können. Putzen Sie sich doch einmal für eine tropische Hitze mit einem ausgeschnittenen Kleid, mit langer Schleppe und nacktem Halse! Aber die Europäerinnen, die sich in Afrika aufhalten, sagen Sie?-Nun gut! Diese Europäerinnen thun gewiß im Sommer alles, was ihnen behagt! Es gibt dort ein gezwungenes und erlaubtes Sichgehenlassen. — Was die Eingeborenen anbetrifft, so bleiben sie meistens der orientalischen Tracht treu, jedoch es ist weder unser Zweck, noch unser Wunsch, nachzuforschen, ob sie daran recht oder unrecht thun. Begnügen wir uns damit, ihre Kleidung zu beschreiben: diese Aufgabe ist schon schwer genug. Sagen wir sofort, daß der jüdische Anzug sich wesentlich von dem arabischen unterscheidet, wenigstens was das schöne Geschlecht anbetrifft. Aber obgleich die Araberin auch das Gesicht, verdeckt trägt, ist es leicht, bei dem ersten Blick sie von der jüdischen Frau — oft schwer jedoch den Muselmann von dem Israeliten zu unterscheiden. Zuerst zeigt sich durch die Farbe der Kleidung der Unterschied: denn wenn die arabische Frau das Weiße vorzieht, und die Maurische das dunkle Grau, so trägt die Israelitin alle Farben, ausgenommen die der Araber. Dann gibt es auch wesentliche Unterschiede ln den verschiedenen Theilen des weiblichen Anzuges, die jede Verwechslung unmöglich 'machen. — Sehen wir uns heute einmal die israelitische Tracht an: ein anderes Mal werden wir vielleicht die der Mohamedaner in Augenschein nehmen. I. Anzug der Frau. Es versteht sich von selbst, daß die Kleidung, die wir beschreiben wollen, die der verheiratbeten Frau *) Aus dem diesjährigen .Ucilcnder der in Baris erscheinenden ^Archroes Hsraelites". Herausgeber H. Prague. oder des unvermählten vermögenden Mädchens ist. Die Armen tragen weniger feine Stoffe, weniger zahlreichen und minder kostbaren Schmuck.' Unter der Tracht versteht man zwei Theile: die Frisur und den Anzug. Die Frisur. Die Israelitin von Konstantine ordnet ihre Haare in breite, glatte Streifen, die ungezwungen über die Stirne fallen, um hinter dem Kopfe in einen einzigen, langen Zopf zuzulaufen. Dieser Zopf bleibt stets unsichtbar. Ein seitenes Tuch bedeckt den Kopf gegen die Mitte; es läßt allein die Haarstreifen auf der Stirne sehen und wickelt sich am Nacken in runder Form zusammen, wo eben der Zopf eingeschloffen ist. Die Franzen des Tuches, denn es ist fast durchweg gefranzt, hängen längs der Schläfen und der Ohren. Dieses erste Tuch heißt „Tsekala". Auf einer Seite des Kopfes wird dann durch eine Kette von vierundzwanzig Goldstücken, so daß die Kehle beständig eingeschnürt ist, eine Art Zapfen in rothem. grünem oder blauem Sammt festgehalten; gewöhnlich heißt - es „Zuckerbrod" und im Arabischen trägt es den Namen „Scheschia". Das Tragen dieses „Zuckerbrodes", in der Höhe von 8—10 Cetm., wird Ihnen wohl sehr lustig erscheinen. Es ergibt, man glaube cs mir, die schönste Wirkung. Die „Scheschia" ist ein Kennzeichen unserer Konstantiner Schwestern geworden. - An die „Scheschia" ist eine Kette von 2, 3 oder 4 Reihen goldener Ringe angehängt, die „Katina" heißt. Die „Katina" windet sich um das Gesicht. Sie ist ein schöner Schmuck. Ein zweites Tuch, schöner als das erste, wird nachlässig von unten über den Kopf geworfen, um dann auf die Schultern zurückzufallen. Die Allerfeinsten ersetzen es durch eine feine Spitze. An den Ohren trägt die Konstantinerin meistens große, goldene Ringe, mit Perlen oder Diamanten besetzt. Es gibt welche, die die Stirne mit einem Goldkreise umgeben, der das Aussehen eines mit Edelsteinen verzierten Diadems hat. Dieses Diadem trägt den Namen „Djibine." Der Anzug. Der Anzug besteht hauptsächlich aus'einem breiten, flatternden, am Halse ausgeschnittenen und ärmellosen Gewände, der wohlbekannten „Gandura". Die „Gandura", von einer wahrhaft primitiven Einfachheit, geht nicht aus dem Atelier einer.großen Modistin hervor. Eine künstlerische Schönheit besitzt sie nicht; ihr einziger Werth beruht in dem Stoffe, aus dem sie gefertigt ist: fast immer Seidengewebe oder Sammt. Bei wohlhabenderen Leuten bleiben die Arme nicht unbekleidet; eine Spitze „Kina?n", dir unter der Schulter anfängt, bedeckt sie bis zu den Ellenbogen. Um die