Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1902)
- Date
- 1902-11-20
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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„'n Tag Herr Eißner, darf ich nachher ein bissel zu Ihnen in die Ecke kommen? — Mutter." fährt er, ohne eine Antwort abzuwärten, wieder ruhig fort, „erlaubst Du, daß ich mir,eine Tasse Thee nehme?" „Ja, Arthur, doch warte, ich werde Dich selbst be-, dienen. Doch wo ist Dein Freund.Julius? Macht Ihr Eure Schulaufgaben heute nicht zusammey?" „Nein, Mama, Julius ging nach Hause, er arbeitet heute nicht, — weißt Du. Mutter," seine Stimme klang jetzt halb mitleidig, halb spöttisch, „er hat Schabbes." Die Mutter lacht und zieht den Knaben mit sich fort. « Eißner hat still in der. Ecke dem Zwiegespräch von Mutter und Sohn zugehcrt, beim letzten Wort aber zuckt er rasch zusammen. „Schabbos", wie seltpam ihn das Wort berührt. Lange, ja lange hat er es nicht mehr gehört, wie eine Erinnerung aus längst vergangener Zeit steht es vor seinen Augen. „Schabbos", wieviel Zauber umfließt dieses Wort. Wieviel Religion und trautes Familienglück liegt in diesem Wort „Schabbos!" Er schließt die Augen und lehnt das Haupt leise zurück. Die Gegenwart verschwindet dann aus seiner Seele. Zurück, zurück, immer weiter, bis dorthin, wo er ein kleiner Knabe im Hause der lieben Eltern war. Er hat Alles ringsumher vergessen und lebt in der Vergangenheit — ——- — Die Uhr schlägt eben halb Sechs. Und der Vater, der gute Vater mit dem grauen, langen Bart und den lieben Augen, er tritt hinaus in die Küche, wo Mutter eben die letzte Hand anlegt. „Gutta," sagt er milde, weich, schon heilig von dem herannahenden Schabbos, „Gutta, bist Du fertig? gleich ist Schabbos." Und die Mutter geht hinein in's Zimmer und der Vater geht mit dem kleinen Josef zur Synagoge. Wie friedlich ihm da zu Muthe war, festlich gekleidet auf dem Wege zum Gotteshause. Und allmählich füllt sich die Synagoge. Er sieht wieder all die bekannten Gesichter. Dort den alten Neb Isaak, dem er jeden Freitag Abend wohlerzogen „Gut Schabbos" sagt, der Rabbiner, der Chassen, die Worte kommen ihm alle so schnell auf die Lippen, als wäre es gestern gewesen. — und es ist schon so lange, lange her. — Die Schabboslichter brennen bell und feiertäglich, und die Gesichter sind ruhig und fröhlich. — — Und jetzt zieht er ein, der heilige Schabbos, und in seinem Gefolge Ruhe und Frieden, und aus allen Kehlen dringt es laut: . . „Lecho daudi likras kalloh." Komme, Geliebter, entgegen der Braut. V; Leise und zaghaft mischt sich sein kleines Stimmchen in den allgemeinen Chor.' --- — — . Der Gottesdienst ist vorüber, und langsam geht . Vater und Sohn nach Hause. Das Haus hat ein Feiertagskleid angezogen. Sauber, ruhig liegt es da, die Läden geschlossen, und der helle Lichtschein dringt heraus, bis auf die Straße und erzählt Jedem, „da drinnen ist Schabbos." . Der Tisch ist weiß gedeckt, die großen silbernen Sabbatleuchter strahlen gar geheimnißvoll. Dort drüben am Tische das übliche Schabbosbrod, ein seidenes Deckchen ist darüber gebreitet. Mutter sitzt am Tische. Das Werktagskleid liegt in der Kammer, der Schabbos wird würdig empfangen. Auf dem braunen Scheitel glänzt weiß das Schabboshaubchen und die guten sorgenden Augen lesen in dem kleinen An- Andachtsbuch: „Gebet für Mann und Kinder." Wie einfach — und doch wie wunderbar, wie heilig. — — Sabbatstille! Der Vater geht im Zimmer hin und her, die Hände auf dem Rücken und singt. Josef folgt dem Vater stolz, die Hände genau ebenso gelegt wie der Vater, und die kleine Stimme singt so laut als möglich mit. Und jetzt legt der Vater die Hände auf sein Haupt und Thronen fallen von den treuen Augen. Seine Lippen murmeln leise betend: „Gott segne Dich und behüte Dich; Gott lasse Sein Antlitz leuchten über Dir und sei Dir gnädig!" Und der Knabe erbebte unter der segnenden Hand des Vaters und feste Vorsätze steigen in feinem kindlichen Innern auf. Den Kuß, den der Vater seinem Sohne auf die Stirne drückte, fühlte der Knabe noch lange, lange. — Josef Eißner hat lange unbeweglich dagesessen: wie aus einem Traume erwacht er zur Wirklichkeit. Er ist wieder der angesehene berühmte Schriftsteller und das eben war nur ein Märchen — ein Märchen aus alten Zeiten, aber ein selbsterlebtes. Doch jetzt ist es ihm unmöglich, in der plaudernden Menge zu verweilen. Leise wie ein Dieb schleicht er sich durch die plaudernde Menge aus dem Saale. Endlich ist er draußen. Mit schnellen Schritten eilt er der Wohnung zu. „Noch ist Schabbos! Schabbos in der Welt und in seinem.Herzen und er will feiern. Er steht in seinem Zimmer, es kommt ihm fremd, kalt, nicht feiertäglich vor. Schnell räumt er Bücher, Schreibmappe, Nippes vom Tische ab. Eine weiße Decke wird darüber gedeckt. — Schabbos! — Dort im Bücherschrank, ganz hinten unten muß sie liegen.-Endlich hat er sie gefunden die Tephklla, lange, lange hat er sie nicht mehr gebraucht. Er nimmt sie zur Hand. Seine Lippen drucken einen langen Kuß darauf, ganz wie als Kind. — Jetzt setzt er sich und schlägt sie auf--— Seine Lippen murmeln leise und aus den Augen fallen Thränen. Sein Herz und seine Seele feiern Schabbos! —