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Der Israelit · 1902-11-20 · Heft 92 (20.11.1902) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 92 (20.11.1902)
Date
1902-11-20
Page
– (sequence 28)
Language
German
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1952 Taille knüpft die Frau einen Gurt aus Stoff oder Seide. Es gibt auch solche, die lederne Gürtel tragen, besetzt mit Gold oder Silber, geschlossen durch einen breiten, silbernen Reif, der überdeckt wird durch einen Halbmond, oder irgend ein orientalisches Amulet. Eine Schärpe aus gesticktem Tüll läuft längs der „Gandura". Endlich bildet ein indischer Shawl, der dreimal gefaltet ist, eine Art Mantel, den man über die linke Schulter zurückwirft wie eine Kapuze. Was die Fußbekleidung anbetrifft, so war die französische Mode vorbildlich. und der Schuh erfreut sich jedes Vorzugs. Die Konstantinerin liebt, man wird es wohl schon bemerkt haben, sehr die Schmucksachen. Sie ist hiermit, wenn ihre Mittel es ihr erlauben, buchstäblich über- . laden. Wenn der Kopf, die Stirn und die Ohren damit geschmückt sind, so haben die Brust, die Arme und die Finger keinen Grund, darauf neidisch zu sein. Und erst der Ausschnitt der „Gadura"! Dieser verschwindet ganz unter einem oft wunderbaren Schmuck. Man stelle sich einen Brustlatz vor aus Sammt,.bedeckt mit Edelsteinen oder mit einer Anzahl goldener Schnüren, aneinander befestigt! Dann umgibr eine Kette, mit über der Brust gekreuzten Gurten, gebildet aus 4 oder 5 Reihen Sultanis (Goldstücke) den Hals und reicht bis zum Gürtel herab. Als Anhängsel sind daran öe- . festigt: „kleine Fische, Hände der „Fatma" oder andere orientalische Amulette gegen das „schlechte Auge." Zreite Armspanaen schmücken die Arme und bedecken sie besser, als die Aermel. Manche junge Mädchen tragen sie selbst noch um die Knöchel. Endlich sind die Finger beladen — überladen müßte es eigentlich heißen -— von Ringen aller Arten. Fügen wir, um alles zu erwähnen, noch hinzu, daß die Ehefrau über der „Scheschia" noch ein drittes Tuch trägt, das entweder eine Art Gewebe oder Tüll mit versilberten Borten ist; denn sie will nicht für ein junges Mädchen gehalten werden. II. Tracht deS ManneS. Ter konstantinische Jude ist nicht weniger als seine- Gattin oder seine Schwester stolz auf die einheimische Tracht. (Manche nennen sie auch „national".) Er sieht sie gern, er schmückt sich damit mit einer sichtbaren Genugthuung. Folgender Art ist seine Kleidung: Die roth- Kappe, geschmückt mit einer ungeheuren Quaste, für den jungen Mann, für den Verheiratheten der Turban, der auch nur eine rothe Kappe ist, umgeben mir einem großen Stücke Stoff. Dieser Stoff ist in Konstantin weiß oder gelb. Die erste Weste ist. gestickt und geschlossen bis zum Halse. Sie heißt „Sedaria". Die zweite Weste schließt sich an die erste an, ist aber zu eng, um geschlossen zu werden, das ist die „Bedala." Dann kommt ein kurzer Rock mit weiten Aermeln bis zu den Ellenbogen. Dieser Rock, meistens sehr schön, ist mit Stickereien bedeckt. Das ist der Rock, den die Zuaven tragen, die „Ghelila." Die weite Hose, mit unzähligen Falten, fällt wie ein Sack bis zu den Knien und bildet um die Hüsten eine wahrhaste Stoffmasse. Das ist der „Seraul". den ein breiter, schöner Gürtel am Körper festhält. . Der Burnus oder große Mantel mit einer Kapuze, in Leinen oder Stoff, fällt auf die Schultern zurück. Er schützt gegen Kälte und Wärme. Biele tragen im Winter den europ. Ueberzieher unter dem Burnus. Der Jude von Konstantine trägt weiße Strümpfe und französisches Schuhwerk; hiervon bevorzugt er wiederum die Stiefel. Manche machen indessen auch noch Gebrauch von arabischen Sandalen; bequem sind diese wohl schon, aber ohne Grazie. Solchergestalt sind kurz beschrieben die Trachten der Israeliten von Konstantin. Besonders die, welche wir eben geschildert haben, sind Konstantin und seiner. Umgebung eigen. Sie unterscheiden sich nur. in einigen Kleinigkeiten von denen der Algerier, der Oraner. der Tunesier und der Marokkaner. Wie auch in Frankreich, hat jede Provinz ihr eigenes Kostüm. Unsere Glaubensgenossen von dort haben eine besondere Vorliebe für in die Augen stechende mit vielerlei Farben. Sie wollen ohne Zweifel in der Art bleiben, die dadurch gegeben, daß das afrikanische Klima eines der ungetrübtesten und lachendsten ist. Aber wahr ist. daß die verschiedenartigen Farben die Gabe haben, immer zu gefallen, so gebrauchen und mißbrauchen auch manche unserer Schwestern gewisse Substanzen (Schminke, wie Herma, Kohol und' andere), um ihre schönen, braunen Haaren eine blonde Färbung, wie goldenes Getreides zu geben, um die Augenbrauen über alle Maßen schwarz zu machen, um die Hände und Vorderarme anzufärben. Das ist die alte, orientalische Gewohnheit, besonders jedoch arabische, der sie um so mehr treu bleiben, als man niemals so klug war. ihnen ihre Abgeschmacktheit zu beweisen. Jetzt bleibt nur noch eins übrig. Das israelitische Kostüm hat niemals in den Augen der Antisemiten Gnade gefunden. Man hat es in allen Tonarten verspottet. Warum! Man weiß es nicht. Das Gewand hat nur das Unglück, daß die Jüdin von Konstantine die „Gandura" anstatt der Krinoline trägt, der konstantinische Jude sich mit dem Turban bedeckt, anstatt einen schrecklichen Seidenhut zu tragen! Wenn unsere dortigen Glaubensgenossen — von Konstantin besonders — in großer Anzahl den Trachten früherer Jahre treugeblieben sind, so werden sie wohl daran ihr Vergnügen finden. Es hindert durchaus nicht, daß der Turban und die Scheschia sehr brave und rechtmäßige Charaktere bedeckt, und daß die Gandura und der Burnus weiche und aufopfernde. Herzen verbirgt, mehr vielleicht, als viele europäische Kleider. Die einheimische Tracht widersetzt sich keinem Fortschritt und legt auch der Ausführung irgend einer schönen That keine Hindernisse in den Weg. Was will man noch mehr! Wenn man nicht mehr erlaubt, daß die Bretonen ihre Kappen tragen, wird man auch den Juden von Konstantin nicht ferner die „Scheschia" gestatten. Diesmöge man sich einmal zu Herzen nehmen.

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