Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1902)
- Date
- 1902-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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$ e u 111 e t o n. Aus Drti Vkicfc» ckts HclietpfijeiL Nach dem Hebräischen von M. E Eisenstadt. 61 ' 15. Tebeth. Lieber Freund! Sei meinetwegen unbesorgt. Wieder einmal bat mich der Zufall am Schopf gefaßt und aus der Wirrnitz gezogen. Vom „Schreiber" habe ich mich in einen Waldhändler verwandelt. Doch darfst Du nicht glauben, datz ich einen vergrabenen Schatz entdeckt hätte, oder ein reicher Onkel in Amerika sei gestorben und hätte mir eine Millionenerbschaft hinterlassen. Nein, nichts von alledem.- Gäbe es hier vergrabene Schätze, sicherlich wäre nicht ich der Finder; ebenso steht fest, datz ich vom Stamme Simeon oder Levi bin, an denen, der Tradition gemäß, die Armuth haftet, und die allesammt Melamdim oder Sofrim (Thoraschreiber) sind und niemals reich werden können; der Reichste unter ihnen ist Melamed und Sofer zugleich; gleichwohl bin ich heute Waldhändler. Doch höre, wie das kam. Als .ich sah, datz die Noth am höchsten war, beschloß ich, nach Odessa zu reisen, wo, wie ich hörte, es den Melamdim wohl ergehen soll. Doch meine Frau jammerre vor mir und vor ihren Eltern, und da diese sahen, datz es keinen Ausweg gab, liehen sie für mich im Stillen hundert Rubel von Chajim, dem Geldverleiher, wofür sie ihr Hans verpfändeten. Das Geld wurde mir zur Verfügung gestellt, auf datz ich einen Handel amange. Ja, wahrhaftig, lieber Freund! Ich habe hundert Rubel baar in der Tasche und wer kann sich mit mir messen? Da die Menschen alles durch ein Vergrößerungsglas sehen, so schätzt man meinen Besitz auf „einige Hundert", man glaubt nämnch, mein Aufenthalt in.der südlichen Provinz hätte mich reich gemacht. Mein Schwiegervater seinerseits war bemüht, diese Meinung von meinem fabelhaften Reichthum nur noch zu befestigen. Er erzählt Jedem, der es hören wollte, .daß ich in Wirklichkeit mir aus dem Schreibunterricht nichts mache, da ich mit meinem Kapital ein anständiges Geschäft enfangen könnte. Es dauerte nicht lange, da kam ein junger Mann zu mir, der vor Kurzem geheiratet und nun, während er auf Rechnung seiner Schwiegereltern lebt, 'sich nach einem Geschäft umsieht, welches er mit. seinem Mitgiftkapital anfangen möchte. Dieser schlug mir vor, mit ihm ein Kompagniegefchäft einzugehen. .Mich hält er nämlich für gutzerordentlich welterfahren und geschäftskundig, dieweil ich ja... . „in der'Ferne" Melamed gewesen bin. Er verlangte,; ich solle nur den vierten. Theil des Kapitals beitragen. 1931 die anderen drei Theile werde er vorstrecken, aber die Leitung des Geschäftes solle hauptsächlich ln meinen Händen ruhen, den Reinertrag sollen wir zu gleichen . Hälften unter einander theilen. Sofort bekam die Kunde von dem abgeschlossenen Kompagniegefchäft Flügel und noch an demselben Tage erschien bei mir der Goldarbeiter' Ehajim und bot mir ein Darlehen von zweihundert Rubeln an. Obwohl mir dieses Anerbieten sehr willkommen war, da ich im Verhältniß zu meinem Kompagnon eben dreihundert Rubel brauchte, stellte ich mich, als könnte ich der Mithülfe'.des Geldmannes entrathcn.; Mein Zögern stachelte seine Gier natürlich nur noch an, ich ließ , mich jedoch lange bitten und schließlich mußte er mir das Geld förmlich aüfdrängen. Roch an demselben Abend, wurde der Gesellschaftsverirag zwischen. mir und Meinem Kompagnon besiegelt und wir beschlossen, einen kleinen Wald für Brennholz zu kaufen oder zu pachten. , 28. Tebeth). -' Diesmal schreibe ich Dir nur einen kurzen Brief und hoffe, datz Du cs entschuldigen wirst. Ich bin ja Kaufmann, mit Geschäften überhäufter Kaufmann, meine freie Zeit ist also karg bemessen. Gestern haben wir in M. bei dem Gutsherrn 3Ev einen Wald gepachtet. Als man den Kontrakt aufgesetzt hatte, wurde unser Gutsherr gemüthlich, tr-nk ein Gläschen nach dem andern, dann wieder eins und wieder einige, und schließlich wurde er ganz angeheitert und schüttete sein Herz vor uns aus: „Er möge," sagte er, „die Juden sammt und sonders nicht leiden, ja, er könne sie nicht ausstchen und wünsche sie dorthin, wo der- Pfeffer wachse, da sie alle zusammen Taugenichtse und Betrüger seien. Aber Geschäfte mache er prinzipiell nur mit Juden, da er .... . sie stets über den Löffel barbiere und ihnen die Haut abziehe.." Dieses Bekenntniß einer sckrönen Seele war nicht gerade geeignet, uns Muth cinzuflößen. Aber geschäftskundige . Leute versilberten uns, datz wir kein schlechtes Geschäft gemacht haben. Ja. es gibt welche, die uns sogar beneiden. Wir hätten freilich bessere Bedingungen erzielen können, aber in Folge der großen Holztheuerung waren wir genöthigt, einen doppelt so hohen Preis zu bezahlen, als beabsichtigt war. Ich habe jetzt — fast möchte ich sagen: Gott sei Dank — wieder Feinde. Merke Dir folgende Regel: hat einer zahlreiche Feinde, geht's ihm gut, hat er aber viele Freunde, dann mutz es schlecht um ihn bestellt sein./ . . > ' / ■ ' Schebat. Lieber Freund!'^ . Dautzen herrscht eine grimmige Kälte. ,,Wäre>ich ein Melamed oder ein „Schreiber", ich würde jetzt ans. ganzen Leibe zittern:' Run aber ist es mir sehr kvarm, wenn ich bedenke, daß alle Welt meiner und meines Holzes beraucht. Der alte Iwan, der seit Menschen-