Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1902)
- Date
- 1902-10-14
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ganze Gesellschaft . blickte laut auflachend Beide an. - > V Die beiden Knaben glaubten vor Schamgefühl in die Erde, sinken zu müssen; hastig stürzten sie aus dem Hause. Des Gevirs Frau rief ihnen zwar noch nach: „Hier, nehmt ein paar Aepfel," aber sie waren schon weit weg. An einer Straßenecke auf dem Markte machten sie Halt und sahen sich an, dabei bemerkten sie, daß sie beide geweint hatten, ihr Antlitz war naß von Thränen. Stumm standen sie da und wischten sich ihre Thränen ab. „Weißt Du was,- hob Boruchke endlich an, „wenn wir jetzt Geld hatten, so würden wir ein paar Schuhe bei Rivke, der Schusterte, kaufen, die hier auf dem Markte sitzt. Sieh nur, wieviel Schuhe um sie herumliegen? Wollen wir nicht fragen, wieviel ein Paar Schuhe kosten?" Beide näherten sich der Bude und sahen dann die Frau fragend an, jedoch konnten sie keine Worte Hervorbringen.. Warum steht Ihr so da, Kinderchen, wollt Ihr etwas," fragte Rivka sanftmüthig, welche die Beiden genau kannte. - Dieser freundliche Ton brachte, in die Knaben wieder frisches Leben. Sie traten zu der Alten heran, erzählten ihr mit einer anfangs schüchternen und dann immer fester werdenden Stimme ihr Vorhaben. , ' j „Wißt Ihr was, Kinderchen, kauft bei mir die Schuhe!" - . „Wir möchten, aber wir haben kein Geld." ' „Schadet nichts, ich kenne Euch ja, Ihr werdet cs - mir abzahlen, Ihr seid ja ehrliche Kinder; nicht wahr, Ihr.werdet, mir doch allmählich das Geld geben, Ihr wißt doch, ich bin keine reiche Frau." . Die beiden Knaben betheuerten ihr, daß sie, so wahr sie Juden seien, ihr alles bei Heller und Pfennig abzahlen .würden,, nur würde es sehr lange dauern, . weil sie augenblicklich zusammen mit ihrem eigenen Gelde nur sechszehn . Kopeken hätten und ihre Mutter ihnen statt des zweiten Frühstücks täglich eine Kopeke zum Cheider milgebe. ' - „Nein." sagte Riwka. „diese zwei Kopeken dürft Ihr - nicht zur Abzahlung verwenden. Ich werde Euch ein paar gute Schuhe für zwei Rubel geben, und Ihr gebt Euch Mühe, heute ein wenig Geld zusammenzu- --bringen :und'den Rest könntet Ihr mir dann allmählich : abgeben:"./. V- '. . . ' •Wohin sollen wir aber nun gehen, wir waren ja :'schon bei vielen Gevirim, wir werden nicht mehr weiter .gehen und wollen:lieber von unserem täglichen zwei Kopeken mit der Zeit die. Schuhe, abzahlen^" sagte bejde ganz muthlos.'• -j ' .. ij.j.;,*.„Wäret Ihr schon in allen Häusern?"- . ■ ^Nein."'. .: \ „Na, dann geht jetzt schnell, Kinderchen, laßt die Häuser der Reichen aus und geht nur, wo Ihr eine jüdische Stube sehen werdet, mag sie auch armselig ercheinen, das macht nichts aus; eia jüdisches Haus aßt keinen Menschen ohne eine Nedowo. wenn sie auch ehr klein ist, herausgehen. Macht nicht solch' ängstliche Gesichter, nur Muth; dort wird man sich nicht über Euch lustig machen, man wird Euch vielmehr loben. Nur die Gevirim, nach deren Ansicht es überhaupt keine Noth gibt, denen es stets sehr wohl auf dem Herzen ist, treiben mit den Armen oft solchen Spott; sie meinen, daß die ganze Welt nur zu ihrem . Vergnügen geschaffen ist." ' Während sie dieses sprach, hatte sie indessen ein mar gute Schuhe ausgesucht, die nach ihrer Ansicht für den Fuß eines zehnjährigen Kindes paffen mußten, wickelte diese in Papier ein und überreichte sie den Kindern. In höchst glücklicher Stimmung gingen nun beide Knaben mit den Schuhen weg, in der Absicht, sich jetzt durch nichts mehr entmuthigen zu lassen, und nur zu den ärmeren und mittleren Klaffen zu gehen. - . . Unterwegs begegneten sie vielen unbemittelten Leuten und hörten zufällig deutlich, daß rs sich nicht lohne, zu manchen Gevirim zu gehen. In dem Falle, wo sie schon geben, würde ihnen die Gabe unter dem Zeichen der tiefsten Verachtung verabreicht, dagegen sei der Mittelstand viel wohlthätiger.und lasse, dabei keine Geringschätzung fühlen, sondern gebe, wenn auch wenig, aus vollem Herzen. Diese Worte machten die Knaben völlig entschlossen, sie wurden überzeugt, daß Riwka ihnen richtig gerathen hatte, nur in die gewöhnlichen jüdischen Häüser zu gehen. Wohin sie nun kamen, wurde ihnen, sobald sie ihr Anliegen vorbrachten, gern und mit freundlichem Gesichte gegeben. „Ihr seid fromme Kinder, Gott möge Euch dafür belohnen; setzt Euch doch ein Weilchen nieder und eßt für Eure Mühe ein Stückchen Kuchen — hier ein paar. Zuckersachen." Aber die beiden Kameraden hielten sich nirgends auf, ihr Herz war von einem edlen Feuer ergriffen, sie wollten ihr gutes Werk so schnell wie möglich beendigen und eine Familie glücklich machen. Ohne daß sie es merkten, waren in ihrer eifrigen Thätigkeit drei Stunden verflossen. Sie begannen nun das Geld zu zählen,^ und mochten ihren Augen kaum trauen, sie hatten ungefähr drei Rubel zusammen. Sie waren darüber ganz überrascht, daß bei den geringen Gaben, die sie überall erhielten, eine so große Summe zusamenkommen konnte. . ' Mit vor Freude klopfendem Herzen eilten sie zu ' Riwka, händigten ihr die zwei Rubel ein. „Nur Euch haben wir es zu verdanken, daß wir ein solches Werk auszuführen vermochten, denn Ihr