Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1902)
- Date
- 1902-10-14
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitmenschen schon etwas zu leisten vermag und dem bereits die Erwachsenen Beachtung schenken. In diesem Augenblicke kam Boruchke mit freude- ' * strahlendem Gesicht in's Zimmer gestürzt und mit keuchender Stimme stieß er hastig die Worte hervor: „Die Ma — ma hat's erlaubt; auf ihr Geheiß habe ich mir zu diesem Zwecke das Schabbos-Röckel und meinen neuen Hüte! (Hut) angezogen und sie selbst hat mir als erste Nedowo sogleich fünf Kopeken eingehändigt." Bevor sie nun Beide das Zimmer verließen, hatte Jossels Mutter seine Kopotte sauber abgebürstet, ihm seinen neuen Hut aufgesetzt und dann ein frischgeä waschenes buntes Taschentuch gegeben, worin sie die Nedowos legen sollten, und mit den Worten: „Biel Masel" legte sie in dasselbe fünf Kopeken. Zuletzt ertheilte sie ihnen den Rath, langsam und ernst zu gehen, sie sollten zuerst den Vetter Vinjomin und die Muhme Gittel, und dann alle reichen und angesehenen Leute aufsuchen. . Sie betraten die Straße, auf der ein wahres Purimwetter herrschte. Die Sonne warf nur schiefe, matte Strahlen, von den Dächern hingen lange Eiszapfen herab, auf dem'weißen Schnee sah man viele gelbe Flecken. Viele Menschen eilten mit kleinen oder größeren Packeten unter dem Arme durch die Straßen, sie trugen Schelach-Monauß. Je weiter Joflel und Voruch gingen, desto mehr verloren sie ihren Wagemuth. „Wohin sollen wir zuerst gehen?" fragte Jossel verlegen. „Soll ich es wissen? Wollen wir nicht vielleicht den Anfang mit Reb Schlaume, dem Gewir machen? — wir sind gerade vor seinem Hause," sagte Boruch zaghaft. Sie begannen nun miteinander zu streiten, 'wer zuerst hineingehen solle. „Boruchke, nu, öffne die Thür, Du bist doch älter und bist schon Barmizwah, Dich wird man eher für einen Menschen halten, ich trete dann gleich nach Dir ein." — „Nein, Jossel, Du bist größer und hast bald die Länge von den großen Bachurim." „Laß nur'mich zuerst hineingehen, mich wird er gleich herauswerfen; Du weißt doch. Alle haben mich bis jetzt für einen wilden Jungen gehalten und schimpften mich: Kol-baunik." „Auch mich, wir sind doch aber jetzt anders ge-, worden, wir wollen doch einem armen Mann helfen, wir sammeln doch nicht für uns; Du wirst schon sehen. Alle werden uns dafür loben und gern Redowoß geben. — — Nun, willst Du die Thüre öffnen — Du zögerst, na, wir können doch unmöglich so lange warten — Du willst also nicht — ich öffne sie dann." Erregt über das Zaudern des Jossel, faßte Boruch heftig an die Thürklinke, doch im letzten Augenblicke wurde er wieder unentschlossen, er drückte nur wenig, plötzlich überlegte er sich und sagte: „Weißt Du was, wir gehen zuerst zu meinem Vetter, er wird gewiß geben, vor ihm brauchen wir uns nicht zu schämen." Beim Vetter angelangt, empfing man sie als willkommene Gaste, deren Erscheinen am Purim mau erwartete und für ganz selbstverständlich hielt.' Man setzte ihnen Zuckersachen, Kuchen, Leckach etc. vor und fragte, ob auch die Eltern kommen werden; man behandelte sie dort als Kinder, und cs hatte dem Vetter, der mit anderen Dingen beschäftigt war, nicht einmal im Traume einfallen können, daß diese Kinder betreffs einer Nedowo zu ihm kommen würden. Die beiden Knaben fühlten sich hier so kleinmüthig und schüchtern, wie wirkliche Kinder und konnten daher unter keinen Umständen den wirklichen Grund ihres Herkomens Vorbringen. Ebenso erging es ihnen bei der Muhme und bei der bekannten Nachbarin, wo sie nur als Kinder ausgenommen wurden; .sie schämten sich, ihr Anliegen auszu sprechen, und so sind zwei Stunden verflossen, ohne daß sie etwas Geld zusammengebracht hatten. Sie sahen ein, daß es unmöglich so weiter gehen könne, überhaupt liege ja gar kein Grund vor, sich zu schämen, sie sammeln doch für eine arme Familie, der geholfen werden müsse. Man müsse also jetzt die verlorene Zeit wieder einholen und schneller gehen. Sie vereinbarten noch unter sich, daß Boruchke das rothe Tuch halten und Jossel überall ihr Anliegen Vorbringen solle. Sie eilten nun in das Haus des Reb. Schlaume, des Gevirs, öffneten hastig die Thüre und erhitzt.und schnellathmend standen sie nun im Zimmer desselben, der die beiden oft unter den lärmenden Jungen in. Schul sah. Boruchke hielt das zusammengefaltete Tuch vor sich und blickte verlegen darauf, Jossel dagegen sah den Gevir mit kläglicher Mene bittend an. „Was wollt ihr," schrie Reb Schlaume sie an; Jossel konnte keine Worte'finden,-denn schön lief der Gevir wüthend zu ihnen heran, riß sie beide unter lautem Gelächter heftig an den Ohren: „Bon jetzt ab wird hoffentlich mein Haus vor Euch Ruhe haben. Ihr Kol-baunikes, ich werde Euch schon lehren. Ihr geht auch schon betteln, Ihr habt wohl noch nicht genug Naschereien?" Die beiden Knaben zitterten vor Schmerz am ganzen Körper und nur mit Mühe gelang es ihnen, ihre Ohren von den groben Fingern des Gevirs zu befreien. Athemlos stürzten sie auf die Straße;, so verwirrt waren sie, daß sie selbst nicht wußten, wie sie im nächsten Augenblick in das Zimmer eines anderen Gevirs hineingekommen sind, in der sich eine größere Gesellschaft befand. Die Thüre ein wenig offen haltend, brachte Jossel mit zitternder Stimme. ihr. Anliegen vor. - \ •.'; „Hahaha, seht Euch doch mal die neuensrischgebackenen Juden an, sie wollen auch schon Geld." '