Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-14 · Heft 82-83 (14.10.1902) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 82-83 (14.10.1902)
Date
1902-10-14
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449871--56878-2519585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I I i!!!! lull \i I | l n! II! l!! I I i! i i;• i j -! 1761 habe weder leichtsinnig, noch gewissenlos gehandelt, denn er habe, wenn ihm ein Jrrthum unterlaufen war, nie versäumt, diesen Jrrthum offen einzugestehen. Die Zeit, als die Artikel erschienen, sei eine sehr bewegte gewesen, und es sei nicht verwunderlich, daß in einer solchen Zeit im Kampfe' auch viel über die Schnur gehauen wird. Er sei der Ansicht gewesen, daß diese Verhandlung die grausige Mordaffaire zu einem gewissen versöhnlichen und beruhigenden Abschluß bringen werde. Wenn aber auf eine so hohe Strafe anerkannt werden würde, wie sie hier beantragt worden, würde von solcher Beruhigung keine Rede sein können. Eine solche Strafe würde eine Vernichtung seiner journalistischen Existenz bedeuten, und er dächte doch, daß seine Verfehlung, wenn eine solche vorliege, nicht so groß sei, um eine solche ungeheure Strafe zu rechtfertigen. ' Sodann wird dem Angeklagten Bruhn das Wort ertheilt. Die „Staatsbürger-Zeitung" kämpfte - seit Jahrzehnten für die Interessen des christlichen Volkes. Zu dem scheußlichen Vorgänge in Könitz mußte die „Staatsbürger-Zeitung" Stellung nehmen. Die Sache habe ihn dreimal nach Könitz geführt. Jedesmal habe er einen Artikel über seine Wahrnehmungen geschrieben und jedesmal mit seinem Namen unterschrieben; denn er wollte das, was er veröffentlichte, auch mit seinem Namen vertreten. Es sei nicht gerecht, wenn der Vertreter der Staatsanwaltschaft dies mit Ausdrücken wie „frivol" u. „leichtfertig" bezeichne. Er habe sicher nicht die Absicht gehabt, Beamte zu beleidigen. Die Thatsache stehe fest, daß der Leichnam blutleer war. Wo sei das Blut geblieben? Vis jetzt sei es nicht gelungen, den Unterschenkel Winters aufzusinden. Es sei ziemlich sicher, daß sich an diesem Strangulationsmarken befinden würden. Der markerschütternde Schrei, der von der Synagoge her gehört wurde, sei auch nicht aufgeklärt worden. Dieser Schrei sei der Todesschrei des ermordeten Winter gewesen. Zweifellos habe man dem Ermüdeten einen Knebel in den Mund gesteckt und ihn dadurch erstickt. Es stehe für ihn fest, daß zur Zeit der That mehrere fremde Juden in Könitz waren;.das Alibi derselben stehe auf sehr schwachen Füßen. Auch sonst deuten zahlreiche Zeugenaussagen und andere Momente auf die Täterschaft der Juden hin. Die Aussagen ganz unantastbarer Zeugen bezüglich der * Aeußerungen von Angehörigen der Familie Levy und der Familie des Matthäus Meyer lassen sich doch nicht aus der Welt schaffen. Er glaube, daß auswärtige Juden die Thäter waren und daß die Familie Levy wegen Mitthäterschaft oder Begünstigung durch Hergabe ihres Kellers in Frage komme. Licht habe man am 11. März im Levy'schen Keller gebrannt, und wenn auch zuzugeben ist, daß Jrrthümer bei Zeugen nicht ausgeschlossen seien, so könne man ihm doch nicht einen Vorwurf der Frivolität daraus machen, daß er seinerseits den für ihn ganz zweifelfreien Aussagen dieser . Zeugen folgte. Was Masloff betrifft, so habe er dessen/ Bekundungen durchaus für wahr gehalten. Seinerzeit / habe das Schwurgericht demselben gleichfalls Glauben geschenkt, und wenn er nun nichts weiter gethan, als ein ganzer Gerichtshof, so werde man ihn dafür, doch'/ unmöglich sechs Monate in's Gefängniß schicken können. Für ihn stehe es auch fest, daß Eisenstädt- Schlochau in der Nacht vom 11. zum 12. März nicht im Krankenhause gewesen sei. Außerdem habe Eisenstädt-Prechlau sehr verdächtige Aeußerungen gemacht. Bezüglich des Zeugen Caspary könne er nur darauf Hinweisen, daß dieser angeblich von einem Verkehr seiner Tochter Meta mit Ernst Winter gar nichts gewußt haben wolle, während diese Thatsache die Spatzen von den Dächern Pfiffen. Und warum habe denn Meta Caspary anfänglich diese Bekanntschaft mit Ernst Winter bestritten? Jedenfalls, weil sie um die That gewußt habe. Nicht, die „Staatsb.-Ztg." habe die 'Frage des „Ritualmordes" zuerst aufgeworfen, sondern in Könitz habe man von Anfang an gesagt: Das ist ein Judenmord! — Es sei auch nicht wahr, daß er die Erregung in Könitz verursacht habe. Er habe dem Aufklärungskomitee nicht angehört, müsse aber doch hervorheben, daß die Juden Hunderttausende ausgegeben und ein Komitee niedergesetzt hatten, dessen Liriridus leetor der Rechtsanwalt Sonnenfeld ge-. wesen, und welches von ihm und seinen Freunden das „Verdunkelungskomitee" genannt wurde. (Rechtsanwalt Sonnenfeld bittet den Vorsitzenden um Schutz dagegen, daß man ihn den Spiritus rector eines Verdunkelungskomitees nenne.) Sein Streben sei dahin gegangen, die Wahrheit an den Tag und die ganze Angelegenheit vor Gericht zum Austrag zu bringen. Herr Sonnenfeld trete nicht als Vertheidiger Levys hier auf, sondern als Vertheidiger des ganzen Judenthums. Mit diesem stehe er selbst int Kampfe, und dies wolle ihn möglichst unschädlich machen. Heute feiern die Juden ihr Versöhnungsfest, und der Wortlaut des Gebetes, welches sie an diesem Tage sprechen, sei für ihn der Schlüssel zu der Erklärung des Widerspruches zwischen den jüdischen und christlichen Zeugen in dieser Sache. Staatsanwalt K a n * o to erklärt, daß,.1venn der Angeklagte damit eine Su,mähung der jüdischen Religion zum Ausdruck bringen wolle, hiergegen Einspruch erhoben werden müsse. - / ' Angekl.: Nein, das wolle er keinesfalls,, er glaube wirklich, daß der Ritualmord nur zum Aberglauben einer Sekte gehöre; da aber das gesammte Judenthum für diese Sekte eintrete. Müsse er den Kampf gegen das gesammte Judenthum führen. Justizrath v. Gordon habe behauptet, bei der Konitzer Affaire sei für die „Staatsb^-Zeitg."'nur' 'das schäftsinteresse maßgebend. Sie machen — so ruft der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.