Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1902)
- Date
- 1902-10-14
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1-56 Fernwohnenden schwer fallen, ja unmöglich würde, sich zu den jeweiligen für sie bestimmten Festen an den Königshof zu begeben, so wandte sich der König an sie und sprach: Ihr, die ihr in weiter Ferne wohnet, denen das Wiedererscheinen an meinem Hofe schwer fallen könnte— die für euch bestimmten Feste will ich ohne Unterbrechung begehen. Für euch aber, die ihr in meiner Nähe weilet, die ihr stets wieder bei mir erscheinen könnt, für euch sollen sie in gewissen Abständen und Zwischenräumen gefeiert werden." So habe auch der Allgütige, also fügen die Weisen hinzu, die Feste eingerichtet, die für seine Kinder, für Israel, bestimmt sind, um die Liebe u. Treue für-Ihn in ihrem Herzen zu wecken u. stets wach zu erhalten. In den schönen Maientagen, in sommerlicher Lust, wo hinaus in's Freie des Menschen Brust sich sehnt, wo so süß, so lockend erklingt der Ruf „zu wandern, zu wandern," da war cs dem Israeliten in seinem ehemaligen Heimatblande Palästina nur erwünscht, zum Heiligthume nach Jerusalem wallen und pilgern zu-dürfen, um zu opfern dem Gotte, der die Freude schuf in seiner Brust. Darum hat der göttliche Gesetzgeber das Schabuothfest durch fünfzigtägigen Zwischenraum vom Pesachfeste geschieden. Aber in den rauhen und stürmischen Tagen des Winters, wo eisige Winde uns umwehen, wo das Wandern dem Menschen zur -Qual würde, da hat die Thora, in treuer Fürsorge auch für sein leibliches Wohl, den Israeliten von dieser beschwerlichen Fahrt befreit und das Azerethfest unmittelbar auf das Sukkothfest folgen lassen. Nun, m. A., wir wollen's bekennen, gar lieblich ist diese Deutung, entbehrt der Anmuth und poetischen Reizes nicht. Doch ob sie den eigentlichen Kern trifft, den tieferen geistigen Gehalt des heutigen Tages ausschöpft, das möchte uns recht fraglich erscheinen. So laßt uns denn versuchen, ob wir nicht vielleicht durch Betrachtung jener Symbole, die einst im Heiligthum in der Darbringung von Opfern ihren Ausdruck fanden und, wie wir gleich hinzufügen dürfen, ihren erhabenen und tiefsinnigen Ausdruck, ob wir, sage ich, mit Hilfe dieser symbolischen Merkmale und Zeichen den tieferen Sinn, und die tiefere Bedeutung des heutigen Tages ergründen und erfassen können. M. A. Um das Ergebniß unserer Betrachtung' schon hier vorweg zu nehmen, uns erscheint das heutige Schemini-Azereth-Fest als ein Seitenstück des vorhergehenden Sukkothfestes, als seine notwendige, nicht zu entbehrende Ergänzung. „Das Sukkothfest eröffnet uns den Ausblick.auf ein ideales Zukunftsbild der Menschheit. Schemini-Azereth zeigt uns die idealen Aufgaben Israels in der Gegenwart." Schon unsere'''Weisen' bemerken:'' d*ib -.dto» moi«. .„Die siebzig Stiere, die am Sukkothfeste dargebracht wurden, sie galten den siebzig Völkern," sie wurden zum Wohl und Gedeihen der siebzig Volker dargebracht, in denen sich Israel der alten Zeit die Gesammtmenschheit verkörpert dachte. An diesem Tage und durch diese symbolische Handlung sollte Israel sich alljährlich in's Gedächtniß rufen, was das Ziel alles menschlichen Lebens, alles Erdenstrebens der Völker sei, zu welcher idealen Höhe die Menschheit dereinst aufsteigen, sich emporringen solle — mit seiner, Israels, Hilfe, unter seiner Führung und Leitung. An diesen Tagen, wo der. Anblick reichen Ertrages seinen Sinn und Geist zur Erde herabziehen und dauernd vielleicht verweltlichen könnte, da sollte Israel sich erheben zu jener lichten Höhe der Begeisterung, auf der seine Propheten standen und auf der sie in strahlend glänzenden Farben das Bild einstiger Menschheitsentwicklung und -Veredlung entworfen und den seligen Frieden schilderten, der einst die ganze Natur, das große All durchzieht und durchwaltet: „Und es wird der Wolf beim Lämmchen weilen, der Panther mit dem Bäckchen sich lagern. Rind und Löwe zusammen weiden . . . . denn nicht richten sie Schaden an und nicht Verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist die Erde der Erkenntniß Gottes, wie die Wasser die Meere bedecken." Schemini-Azereth dagegen sollte Israel an die idealen Pflichten der Gegenwart gemahnen, an diese Pflichten, deren Erfüllung nicht nur die Anbahnung jener großen Zukunft ermöglicht, sondern auch ein unumgängliches Erforderniß der Gegenwart bedeutet, rvrrr. nv'n -2:2 ’-tn’ ta der einzige am heutigen Tage dargebrachte Stier sollte an das einzige und einheitliche Volk, an Israel, erinnern, sollte Israel gemahnen daran, daß es ein einziges, von Gott zu hohen Aufgaben erwähltes Volk sei, das einheitlich und einmüthig Vorgehen und wirken muß, so es gilt, israelitische Pflichten zu erfüllen. Und es gilt fürwahr mehr, als in blos bildlichem Sinne, wenn wir das seit alters her als schwierig anerkannte und verschiedentlich übersetzte Wort nuty in dem Sinne nehmen, daß es „Sammlung" bedeutet. - So, m. A., gewinnt jener scheinbar dürre Satz D2^ rvnn mxy '2'LVN cva. „Am achten Tage sei ein Tag der Sammlung für euch," höheren Sinn und tiefere Bedeutung. Worin aber diese Aufgabe Israels bestehe, zu der es sich sammeln, die es mit ganzer und vereinter Kraft erfüllen müsse? Nun, worin unsere Väter sie einst erblickt und erkannt haben, das zeigt uns deutlich der Umstand, daß sie dem heutigen Tage den der nun nncs? den Tag der Gesetzesfreude folgen ließen. Hier liegt der Schlüssel zum Verständniß des geistigen Zusammenhanges, der dieses Fest mit dem unmittelbar vorhergehenden verbindet. „Die Liebe zur T h 0 r a," die Freude am Streben nach Wahrheit und Erkenntniß, die die Thora allein uns zu bieten vermag, die Pflege unserer geistigen und sittlichen Güter, die unseren unverwelklichen Ruhm, unseren Stolz