Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1902)
- Date
- 1902-10-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449871--56865-2519572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1748 zu einem solchen gemeinsamen Schritt muß aber von den Regierungen und zwar zunächst von einer Regierung ausgehen, wenn sie von Erfolg sein soll. Daß dies in aller Kürze geschehe, dazu waren alle vorbereitenden Schritte auch ohne den Rabbiner-Verband schon vor seinem Tagen in Frankfurt mit so diel Umsicht erfolgt, daß die allgemeine, diesen Schritten folgende staatliche Aktion nur eine Frage ganz kurzer Zeit sein wird. War der Rabbiner-Verband über diesen thatsächlichen Stand der Angelegenheit informirt, so hätte er ruhig mit seiner eigenem Bloßstellung, und derjenigen der Judenheit noch ein wenig warten können; vielleicht nur bis zu seiner nächsten Versammlung, wo er dann leicht zur Einsicht gekommen wäre, daß die Regierungen der Weltmächte auch ohne Mitwirkung des Rabbiner-Verbandes in Deutschland die Sache in die Hand nehmen und zu Ende führen werden. War er darüber nicht informirt, so hat er von vornherein mit dieser Unkenntniß sich als inkompetent für Behandlung dieser delikaten Materie legitimirt; die ihn in Wirklichkeit auch gar nichts angeht. — In allen oben zitirten Aktenstücken wird die himmelschreiende Misere auch nicht durch eine einzige Andeutung mit Juden und Judenthum in Verbindung gebracht. Eine „Traite blanche" betitelte, mir vorliegende Abhandlung über unseren Gegenstand zählt die Gegenden und Länder auf, aus welchen sich die Opfer der Mädchenhändler rekrutiren. Es wird dabei das Contingent festgestellt, das Spanien, die Schweiz-, Ungarn u. a. Staaten für diesen fluchwürdigen Handel liefern. Bei diesem Anlaß heißt es unter anderem: „Die Art und Weise, wie die einzelnen Opfer angeworben werden, ist verschieden. In einzelnen Fällen und Ländern werden sie geradezu von ihren Eltern verkauft, namentlich sei dies in den jüdischen Gegenden von Galizien, Ruffisch-Polen u. s. w. der Fall. Anderen werden mittelst Heirathsversprechen und Heirathsbureaux angelockt, in einzelnen Fällen auch sogar mit Zuhilfenahme falscher Papiere geheiratet" u: s. w. Ich sehe schon, wie unsere Frankfurter Auguren schmunzelnd über meinen Unverstand, der durch dieses Citat selber Waffer auf ihre galizischen Mühlen leitet, sich vergnügt zurufen: „Da haben wir ja die Bescheerung! Wie kann man nach so traurigen, aktenmäßigen Borkommniffen den jüdischen Charakter dieser Kalamität noch in Abrede stellen wollen?" Einen Augenblick bitte ich die Herren, noch ihr Schmunzeln zu unterdrücken und ihre rabbinische Logik folgender.Erwägung zuzuwenden, vielleicht stecken sie es dchru ganz-ans:,JEßenn der Umstand, daß unter den Opfern dieser Calamität sich auch jüdische Mädchen und selbst jüdische Händler befinden, dieselbe zu einer Wischen macht, so ist sie auch eine christliche, wenn es feststeht, daß es auch christl. Mädchenhändler und verschacherte christliche Mädchen gibt. Die Verbandsbrüder hätten dann die Sache ruhig einem katholischen Concil oder einer evangelischen Synode zur Behandlung überlassen können. Wenn aber diese Geistlichen den Gegenstand, der ihnen gewiß nicht weniger nahe geht, als I^oli me taoxero behandeln, um jeden Schein zu vermeiden, als wollten sie. damit ihrer Konfession einen Makel anheften, der in der That interkonfessionell ist, hätten da unsere Verbands-Rabbiner von ihren christlichen Amtsbrüdern nicht einmal etwas abfehen dürfen, wenn sie denn doch von alleine nicht darauf verfallen? Für den Fall, daß sie dieser Logik nicht zu folgen vermögen, will ich meinen Unverstand noch durch einen näher liegenden Hinweis zu rechtfertigen suchen. Die Abhandlung „Traite blanche", der das obige Citat entnommen ist, weist ganz objetiv den Antheil der verschiedenen Länder an diesem Jammer ziffernmäßig nach. Sie hat keinen Rabbiner, sondern einen bekannten christlichen Professor des Staatsrechts zum Verfasser. Obwohl er nun den hier in Betracht kommenden Antheil der Juden kennt und festlegt, muß ihm derselbe so verschwindend gering vorgekommen sein, daß er darin nur von christlichen Ländern spricht, und feine Arbeit mit folgenden Worten einleitet: „Unter „Traite blanche" oder „weißem Mädchenhandel" versteht man den gewerbsmäßig betriebenen An- und Verkauf weißer Frauenspersonen aus den sog. „christliche n" Ländern, in denen dieses Gewerbe hauptsächlich besteht, für Häuser, welche der Unsittlichkeit dienen." Es werden dann die betrügerischen Vorwände aufgezahlt, mit welcher die Mehrzahl dieser Unglücklichen gelockt, verkauft, der Schande und dem Elend preisgegeben werden, und dann heißt es wörtlich: „Das ist jährlich das Ende von Hunderten, mitunter gebildeten, wohlerzogenen Mädchen, mitten in der „christlichen Welt" und der hochgepriesenen „Civilisation", in welcher wir leben." Indem ich zunächst bemerke, daß die Betonung, des „christlichen" nicht von mir, sondern von dem Autor durch Gänsefüßchen hervorgehoben wurde, muß ich gestehen, daß mich der Ehrgeiz' unserer Verbandsrabbiner, der eine von Christen anerkannte christliche Calamität partout zu einer jüdischen machen möchte, wie eine räthselhafte Sphinx anstarrt. Laboriren sie bereits wirklich an einem solchen Mangel von Verhandlungs-Gegenständen, daß sie selbst vor einem solchen Attentat nicht zurückfchrecken? - Mir fällt dabei das schöne Gleichniß des Midrasch ein, das von einem armen Mädchen erzählt, welches verzweifelnd am Rand eines tiefen Brunnens stand. Sein Eimer war ihm hinuntergefallen und es wußte keinen Rath, ihn wieder heraufzubekommen. Da fiel