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Der Israelit · 1902-10-14 · Heft 82-83 (14.10.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 82-83 (14.10.1902)
Date
1902-10-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43# Jahrgang. Die rumänischen Juden.*) Sekretär Hay hat wieder die Aufmerksamkeit der diplomatischen Welt auf sich gelenkt und die Prinzipien gezeigt, nach denen die amerikanische Diplomatie bemüht ist, in internationalen Angelegenheiten Autorität zu haben; indem die Gesandtschaften der Vereinigten Staaten in London, Paris, Berlin, St. Petersburg, Wien und Konstantinopel eine Note schickten, deren Inhalt einen förmlichen Protest gegen die Behandlung der Juden in Rumänien bildet. Als Grund dieses Protestes wird die Art der jüngsten Judenouswanderung aus diesem Lande angegeben. Die Leiden der Juden in Rumänien datiren schon seit vielen Jahrhunderten. Schon unter den Zeiten, da die Nachkommen römischer Legionen in diesem Lande waren, wurde es von Juden bewohnt, doch noch unter der gütigen Herrschaft des Prinzen Karls von Hohenzollern, der 1866 König wurde, und mit der Hohenzollern'schen Energie und Willenskraft einen großen Takt und gesundes Urtheil bei der Beherrschung des Landes verband, hatten die Juden keinen Antheil an der allgemeinen Verbesserung der Lage, ja, sie kamen vom Regen in die Traufe. Eine der ersten Handlungen König Karl's war die Annahme eines von der konstitutionellen Partei aufgestellten Programms, mit einer bald darauf folgenden Hinzufügung, welche den Rumänen die Redefreiheit, die Freiheit bei der Erziehung, die Gewissensfreiheit und das Recht der öffentlichen Versammlung zusicherte. Unter den Bestimmungen des Berliner Vertrages von 3878, welcher der Schöpfung der Balkanstaaten voranging, wird ausdrücklich verlangt, daß: „m Rumänien die Verschiedenheit des religiösen Glaubens und der Konfession Niemandem als Grund für Ausschließung oder Unzugänglichkeit bei irgend einer Sache gelte, oder ihn in der Ausübung seiner politischen und bürgerlichen Rechte, in der Bekleidung öffentlicher Aemter und Ehren, und in der Betreibung der verschiedenen Professionen und ' Industrien hindern." — - " _ Diese unzweideutige Bestimmung, welche die Juden den anderen Rassen gleichstellen sollte, wurde mit der Begründung umgangen, daß die ungefähr 400,000 Juden Rumäniens keine Bürger seien und daher das *) Wir entnehme» diese Darstellung der Nciv-IorkerHalbnwnatSsitirist „Tim Outlook“, vom 27. Sevtember, einem Alntt zu dessen stänvigen Mitarbeitern, früher Präsident Novsevelt zählte und der auch fetzt noch dem Blatte nahe steht. Ter obige Aufsatz gilt - als höheren Orts inspirirt und gibt den Intentionen Ausdruck, die für Amerika bei seiner Intervention zu Gunsten der rumänischen Huden rhatsächlich bestinnnend waren und wie es dieselben aufgefatzt wünscht. — Red. . Gesetz auf sie nicht anwendbar/sei. Thatsächlich wurden die Juden in Rumänien, wie in ganz Europa gehaßt, weil sie als kluge, schlaue, vorsichtige Spekulanten von den Leuten für sehr reich und wucherisch gehalten wurden. Die Bestimmung im Berliner Vertrag, welche die der Rumänischen Willkür Preisgegebenen schützen sollte, konnte formell nicht abgelehnt werden, wurde aber thatsächlich nicht nur dadurch umgangen, daß man die in Rumänien lebenden Juden als fremd und schutzlos erklärte und ihre Naturalisation nur durch persönliches Einkommen beim Parlament stattfinden konnte, sondern auch durch eine ganze Reihe drückender- Vestimmungen. Jeder Weg zum Erfolg war den Juden in Rumänien abgeschnitten, wie im Mittelalter in den meisten europäischen Staaten. Ihre Schulen wurden mit der Begründung geschlossen, daß sie des Samstags wegen wöchentlich nicht sechs Tage geöffnet waren. Fünf Jahre später wurde ihnen, gegen Entrichtung eines hohen Betrages, der Eintritt in die von Rumänen nicht ausgefüllten Klassen gestattet. In die, den Rumänen, freien Universitäten, mußten die Juden 76 $ jährlich zahlen. Sie wurden von den Militärakademieen ausgeschlossen, und obgleich sie Militari dienste verrichteten, erhielten sie keine Pension nach zurückgelegten Dienstjahren. Verschlossen war ihnen die Beamtenkarri^re, verschlossen auch jedes Handwerk. Hausiren durften sie nicht, ebensowenig sich der Journalistik widmen. Vauernknecht, Bauer und Gutsbesitzer durfte kein Jude werden. Schließlich wurde bestimmt, daß jeder, der einen Juden bei.sich verwende, mindestens zwei Rumänen haben müsse, ein Gesetz, welches in allen größeren Betrieben den Juden den Zugang unmöglich machte. Das Resultat dieser langen Leidensreihe, durch welche die Juden gezwungen ivaren, in kleinen Städten durch dürftige Arbeit, beim Fehlen der primitivsten Lebensbedingungen, wie der ärmste Knecht ihr Dasein zu fristen, war eine allgemeine Auswanderung. Sekretär Hay betont nun die großmüthigen Bedingungen, unter denen die Vereinigten Staaten alle fremden Einwanderer willkommen heißen; aber er erklärt, daß der Zweck der Einwanderungs-Bestimmungen ein beider-, seitiger Nutzen des Landes und des Fremden sei, nicht aber sei Amerika das Ablagerungsfeld der aus anderen Staaten Ausgewiesenen. Die rumänischen Juden, durch ihre drückende Lage aus ihrem Lande getrieben, seien in Amerika unfähig, im neuen Leben mitzuwirken und würden der allgemeinen und privaten Mildthcitig- . keit zur Last fallen-' was der Staat verhindern /will. „In gewisserloser Welse ist dieses hilflose Volk / von Rumänien gezwungen worden, sich auf das Mitleid der Vereinigten Staaten zu verlassen." Sekretär Hay

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