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Der Israelit · 1902-10-14 · Heft 82-83 (14.10.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 82-83 (14.10.1902)
Date
1902-10-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton Stahl' auf Stein. Novelette von Babetie Fried-Prag. Der Anfang eines Herder'schen Gedichtes ertönte aus einer Ecke des großen Zimmers, wo ein hübscher, blonder Knabe mit einem Buche in der Hand saß — und „Schach-Matt!" erschallte es am -anderen Ende, wo zwei Herren eben eine Partie Schach beendet hatten. „Komme her, Rudi!" rief der ältere der Herren dem Knaben zu, „ich habe, wie gewöhnlich, die Partie Schach verloren, und zur Strafe muß ich Deine Aufgabe abhören.. Wie weit bist Du?" „Ach, Onkel, ich bin noch immer nicht mit der ersten Strophe fertig, ich lerne so schwer auswendig!" „Ganz mein Fall, Rudi! Aber fürchte Dich nicht, ich bin trotzdem Doktor geworden. Also fang an!" „Was das Schicksal schickt, ertrage; Wer ausharret, wird gekrönt. Plocidus, der edle Feldherr, — edle Feldherr," fing Rudi zu stottern an. „Genug, genug, junger Mann, wie ich sehe, kannst Du noch nichts, eben so wenig, wie ich Schach spielen, trotz der redlichen Mühe, die sich Dein Papa mit uns Beiden gibt. Aber dieser schöne Okioberabend ist zu verlockend, um ihn hier im Zimmer bei Herder'scher Poesie zu verbringen, wenn ich auch Deinem Papa zu Liebe, ihn am Schachbrett vergeuden muß. Nimm Deinen Mantel, Rudi, und gehe ein Stündchen spazieren. Ich, in meiner Eigenschaft als getreuer Eckart, erlaube Dir dies im Namen Deines gestrengen Papas." Rudolf ließ sich dies nicht zweimal sagen. Fragend blickte er seinen Vater an, und als dieser bejahend mit dem Kopfe nickte, war Rudi mit einem Sprunge draußen. „Also, was ist's mit uns, alter Grillenfänger, spielen wir weiter?" 1;- „Ich habe heute nicht die richtige Stimmung dazu,"/antwortete Rudolf's Vater, der Sprachlehrer Berger. „Verüble ich Ihnen eigentlich nicht, bin ich doch kein ebenbürtiger Partner für Sie. Also plaudern wir ein wenig." „Auch dazu bin ich nicht gelaunt." „Wozu eigentlich sind Sie auch in Kuckucks Namen gelaunt?" sagte der Doktor in ärgerlichem Tone. „Um den Knaben kümmern Sie sich nicht, leben nur Ihrem Schmerze. Traurig genug - für den armen Jungen, daß er in so kindlichem Alter die Mutter verloren hat, so entziehen Sie ihm noch die väterliche Liebe, die Sie ihm eigentlich in doppeltem Maße zuwenden sollten." Berger fuhr erregt von seinem Sitze auf. „Lassen Sie ab. die kaum vernarbte Wunde von Neuem aufzureißen, schonen Sie mich, ich bitte!" . .; „Warum regen Sie sich bei jeder Ertvähnung an die Selige derart auf? Es ist nicht der erste Fall, daß^ jemandem ein geliebtes Weib stirbt, und wird auch nicht der letzte sein, aber der Mann muß, wie. eben Rudi deklamirte, das ertragen können, was da2 Schicksal schickt, denn wer ausharret, wird gekrönt." . . i,Ja, mit einer Dornenkrone," warf Berger bitter ein. Nach einer Weile führ er fort: „Gerne wüßte ich, was solch ein unerfahrener Knabe sich unter dieser Krönung vorstellt, ob er den Sinn derselben versteht." „Nun, was wird er sich darunter vorstellen? Die Krone ist ihm ein mehrzackiges, gleißendes, edelsteinbesetztes Ding, das die Großen der Erde berechtigt, den - Fuß auf den Nacken der im Staube kriechenden Kreaturen zu sehen, wie es in seinem Märchenbuche so schön geschildert ist." - -- . „O, Sie eingefleischter Sozialist, Sie!" unterbrach Berger seinen Freund mit einem mißglückten Versuche, zu lächeln. Desto herzlicher fing der Doktor zu lachen an. Dann aber wurde er wieder ernster und sagte: „Da wir schon einmal dieses Thema berührten, mutz ich. Ihnen wieder in's 'Gewissen reden. Ihr unablässiges Trauern wird die Todte nicht wieder zum Leben erwecken, wird Ihren vernachlässigten Hausstand nicht in Ordnung bringen, wird Ihr vereinsamtes Kind nicht aufmuntern. Sie haben Ihre Gattin mehr als zu lange betrauert, nun verlangt das Leben sein Recht/ Folgen Sie mir, was ich Ihnen rathe, heirathen Sie!" „Unmöglich!" rief Berger. / „Wo steckt die Unmöglichkeit? Sie sind ein Mann in den besten Jahren, in geächteter Stellung, im Besitze eines Vermögens, welches das Heirathen gestattet, und schließlich sind Sie dem Rudi verpflichtet, ihm eine Mutter zu geben." 7 7.-; yv::"-r * „Eine Stiefmutter," warf Berger ein. ' -7. „Hören Sie mir mit diesem Ammenmärchen . von einer Stiefmutter auf. Es gibt Stiefmütter^ welche ihre Pflichten ernster auffassen und verständiger erfüllen, als so manche wirkliche Mutter. - Man darf sich nur in der Wahl seiner zweiten Frau nicht überstürzen, und muß mehr auf ihre Charaktereigenschaften, als auf äußere Vorzüge sehen." , .■>,.;v' „Dies sollte man bei der Wahl seiner ersten Frauauch beobachten. Ich habe dies nicht gethan und muß diese Unterlassung jetzt büßen."- y ..yy— Sprachlos starrte der Doktor seinen Freund an. Er wüßte nicht, ob er recht gehört habe, oder mit offenen Augen träume. ..

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