Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1902)
- Date
- 1902-10-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1732 Geschmack ohne Geruch hat, so gibt es in Israel solche, { die sich durch Thora, aber nicht durch gute Thaten auszeichnen. „Z w e i g des M y r t h e n b a u m e s", das ist Israel, wie die Myrthe Geruch ohne Geschmack hat, so gibt es in Israel solche, die gute Thaten. aber keine Thora aufzuweisen haben. „Bachweiden", das ist Israel, wie die Bachweide keinen Geschmack und keinen Geruch Hat, so gibt es in Israel solche, die keine Thora und keine guten Thaten haben. Was thut nun der Heilige, gepriesen sei Er? Sie vernichten kann Er nicht. Er sagt deßhalb, sie sollen zu einem Verband verbunden werden, daß die Einen für die Anderen Sühne erwirken. In dem Augenblicks in dem ihr das thut, werde ich erhoben, denn so ist .es gesagt (Amos, Cäp. 9, V. 6): Er baut im Himmel seine Stufen. Erhoben aber wird Er, wenn sie einen Verband bilden, denn es ist gesagt (ibid.): Seinen Verband hat Er auf Erden gegründet. Deßhalb hat Moscheh Israel dringend gemahnt: nehmt euch am ersten Tage Frucht vom Prachtbaume u. s. w. (3. B. M., Cap. 23, V. 40.) , Diese Darstellung ist ungemein lehrreich für das einheitliche, harmonische Zusammenwirken unserer verschiedenen Kategorien und Schattirungen. Die Freunde eines oberflächlichen, äußerlichen und. sagen wir es nur gleich mit rechtem Namen, faulen Friedens aller noch so extremen Richtungen, mögen leicht geneigt sein, aus diesem Ausspruch Wasser auf ihre Mühlen zu leiten. Also, sagen sie, ist es doch wahr, daß unsere Weisen einem jüdischen Verbände das Wort reden, der alle extremen Gegensätze einheitlich umschließt. Alle können also eine Einheit trotz der Verschiedenheit ihrer Richtungen bilden, wenn sie aus ihren Verhandlungen nur statutengemäß alles ausschließen, was,- wie das religiöse Moment, geeignet ist, die Geister zu erhitzen und zu entzweien. Wir glauben, daß unser Pflanzenbund diesen Schluß nicht zuläßt, sondern daß eine aufmerksame Betrachtung desselben das Gegentheil lehrt. Das, was die einzelnen Arten unseres Feststraußes unterscheidet, ist ihr Geschmack und Geruch, ganz so wie ihre Stellung zu min und v'2iv dto die einzelnen Individuen der jüdischen Gesammtheit grundsätzlich scheidet und sie in besondere Richtungen sondert. Wenn nun z. B. die Bachweide ihre Zugehörigkeit zu dem Pflanzenbunde davon abhängig machte, daß während der Dauer ihrer Verbindung alle charakteristischen Eigenschaften der anderen Arten zurücktreten müßten, es müsse also die süße Palmfrucht ihre Süßigkeit verleugnen, Esrog und Myrthe müßten ihre Aroma preisgeben, nur damit die äußere Einheit nicht gestört werde, dann wäre jene Folgerung allerdings zutreffend- * - - ' .. \, Aber das wäre eine so lächerliche, wie unmögliche i Prätension, daß man sie nicht nur bei Pflanzen, sondern neuerdings auch bei ganz eingefleischten jüdischen Vereinsmeiern als solche anerkennte Einer ihrer lautesten Wortführer hat daher , vor einigen Jahren die Parole ausgegeben: Ausschluß aller religiösen Fragen sei Unsinn und ein Unding, alle müßten im Gegentheil so viel Duldung und Bildung mitbringen, auch die abweichenden Ansichten anderer ruhig hinnehmen und diskutiren zu können. Unter dem Zeichen dieser Phrase vollzieht sich heute der Mischmasch, den man so gerne als den Anbruch einer neuen Aera des Friedens plausibel machen möchte. Was viele im Leben nicht begreifen wollen, darüber kann sie vielleicht ein Blick auf unseren Pflanzenbund belehren. Wenn sich vier Arten unseres Feststraußes wegen der tiefgehenden Verschiedenheit ihrer Anlagen nicht vertragen könnten, und nun plötzlich Toleranz predigten, wem käme diese zu Gute? Unter den Menschen, wie unter den Pflanzen, dem, der sie predigt. Die geschmack- und aromalose Bachweide hat ein großes Interesse daran, mit dem Palmzweig und der Myrthe einen Verband zu bilden, und in Folge dessen als ebenbürtig mit ihnen angesehen zu werden. Ohne diesen Verband findet sie wegen ihrer Armseligkeit und Fadheit keinerlei Beachtung, sie hat mit ihrer Toleranz sehr leichtes Spiel, sie kann nur dabei gewinnen. Ihre Duldung erstreckt sich auf die widerspruchslose Hinnahme des guten Geruchs und Leumunds, in dem ihre Verbandsgenoffen stehen, während diese die fade, hölzerne. schwache und schwankende Vachweide als vollwerthige Genossin anzuerkennen haben. Der Esrog überstrahlt die Armseligkeit der Vachweide durch seine prächtige, äußere Erscheinung, auch wenn er auf Geruch und Geschmack der Bachweide zuliebe verzichten wollte. Das Lulob überragt sie so augenscheinlich, daß jeder Vergleich von vornhinein ausgeschlossen ist. Von der Myrthe sagt ein talmudisches Sprichwort: xex nH np XD:« nw xcx „Eine Myrthe bleibt auch unter Nesseln Myrthe." Aber eine Bachweide? Sie muß die anderen als Folie haben, wenn man nur von ihr sprechen soll, sie nurß Toleranz predigen. „Aber," wenden die Friedensprediger ä tout!>rix ein, „sie ist nun füglich doch da, und zwar stehksie den anderen, sie überragenden, ebenbürtig zur Seite." Gewiß. Aber nur deßhalb und nur so lange, als sie sich ihrer Unscheinbarkeit, Geruchs- und Geschmacklosigkeit bewußt ist. Aber es ist noch Niemanden eingefallen, der Bächweide Aroma und Genießbarkeit auf Grund ihrer Gesellschaft zuzuerkennen. Auch in der jüdischen Gesammtheit sollte jedes ihrer Glieder sich durch Kenntniß und Erfüllung der Thora und durch Uebung guter Thaten auszeichnen. Sind aber diejenigen, die diesem ihrem Lebensberufe nicht entsprechen, deßhalb denen wirklich ebenbürtig.