Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 81 (9.10.1902)
- Date
- 1902-10-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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über eine Litteratur von einer Tiefe und Eindringlichkeit des Denkens zeugt, wie dies sonst in der ganzen Welt nicht wiederkehrt und denken: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt.^ - ZettsmgsirachriHSett ut& Sorresporrdemerr. Deutschland. ' Seesen a. H., 24. Sept. Nachdem vor Jahresfrist die hiesige Jakobson-Schule unter großer Betheiligung von Nah und Fern das Fest ihres hundertjährigen Bestehens begangen hat, rüstet sich jetzt die Jakobsonsche Waisenanstalt hier, um am 14. Oktober auch ihrerseits das fünfzigjährige Stiftungsfest und die Einweihung ihres neuen Heims zugleich zu feiern. 1862, hat der älteste Sohn Jacobsons, Meyer Jacobson, sie in's Leben gerufen. Gleich seinem Vater von einem lebhaften Triebe zur Wohlthätigkeit und allgemeinen praktischen Nächstenliebe beseelt, wollte er sich besonders der vaterlosen Kinder annehmen und schuf aus eigenen Mitteln diese gemeinsame Erziehungsstätte für jüdische und christliche Waisenknaben. Seitdem hat die Anstalt reichen Segen gewirkt und manchen armen Knaben befähigt, in ehrenhaftem Erwerb den Weg durch's Leben zu machen. Nicht nur in häuslicher Pflege, in Spiel und Arbeit sind ihre Zöglinge vereint, sondern rn der vollständigen Volksschule, die auch von mehreren Schülern aus der Stadt besucht wird, genießen sie ebenso gemeinsamen Unterricht, abgesehen von den Religionsstuuden, die beiden Konfessionen getrennt ertheilt werden. Den Begabteren und Strebsameren öffnet sich die Jacobson-Schule zu weiterer Ausbildung, die meisten aber treten nach vollendetem vierzehnten Lebensjahre sogleich in eine gewerbliche oder kaufmännische Lehre ein. Die Anstalt ist bisher ganz auf ihr ursprüngliches Stiftungsvermögen angewiesen, und dies gewährt bei dem gesunkenen Kapitalwerth nicht mehr die Zinserträgnisse wie früher. Deßhalb werden seit einigen Jahrenaußer den zwölf Freizöglingen, auch zahlende Pensionäre gegen ein mäßiges Kostgeld ausgenommen. Das alte Anstaltsgebäude, nebenbei bemerkt das Stammhaus der durch ihre Pianofortefabrik in Newyork weltbekannten Familie Steinway, ist mit der Zeit! so baufällig geworden, daß schon seit Jahren ein Neubau ernstlich in's Auge gefaßt werden mußte. Nach vielen Berathungen und Mühen ist es endlich dem Kuratorium gelungen, dank dem Entgegenkommen der Stadt Seesen, ein billiges und doch sehr geeignetes großes Grundstück in bester und freiester Lage an der Lautenthaler Chaussee zu erwerben und hier einen stattlichen, allen Anforderungen entsprechenden Neubau zu errichten, und zwar ganz aus eigenem Vermögen, ohne jeden Zuschuß von anderer Seiten So soll nun/ nachdem die Anstalt auf eine rühmliche fünfzigjährige Vergangenheit zurückblicken kann, demnächst das neue; Heim bezogen werden. Dieser Hinweis auf die bevorstehende. Feier sei aber den alten Zöglingen und jedem Menschenfreunde eine Anregung, der bewährten Stif- ' tung zu gedenken und ihr dazu zu helfen, daß sie auch fernerhin in gleichem Maße und Umfange wie bisher . segensreich wirken und noch manchen armen Waisenknaben zu einem tüchtigen, selbstständigen Bürger erziehen könne. : - ..c:'.:.;'" F ran krei Paris, 24. Sept. Die ganze französische Presse nimmt" zu der amerikanischen Note Stellung. Die antisemitische Presse spricht den Vereinigten Staaten das Recht ab, sich in die inneren Angelegenheiten Rumäniens einzumischen, weil die Vereinigten Staaten den Berliner Vertrag nicht unterzeichnet haben. Das so edle Vorgehen des amerikanischen Staätsministers wird von dieser Presse in sehr geschmackloser Weise als „jüdischer Kreuzzug" bezeichnet. Und dabei beruft sich die antisemitische „Libre Parole", deren Judenhaß nur., von deren Deutschenhaß Lbertrosfen wird, auf die „Kreuzzeitung" und auf die „Kölnische Volkszeitung". - So finden sich die feindlichen Brüder wieder. Die; Frage ist jetzt nur die, welche Stellung die Mächte zu; der Note einnehmen werden. Es steht fest, daß der Kaiser Franz Joseph persönlich der Note sehr sympa- - thisch gegenübersteht, daß er aber noch zaudert, zu ihr offiziell Stellung zu nehmen, weil er durch das wüste. Geschrei der in seinem Reiche zahlreichen Antisemiten.!: etwas eingeschüchtert ist. Ein mir befreundeter Journa-;- list, der ganz nahe Beziehungen zum Ministerium des- Auswärtigen hat, sagte mir. daß Herr Delcass6 ganz' ohne Zweifel der amerikanischen Note seine Zustimmung verleihen wird. Das Verhalten Frankreichs wird auch das seines mächtigen Bundesgenossen beeinflussen. Jeder edeldenkende Mensch wird die französische Regierung zu ihrem eines demokratischen Staates würdigen Verhalten nur beglückwünschen. Pi. Paris. Die Antisemitenblätter nennen die gegenwärtige Regierung eine „Judenregierung" und bringen das ganz abseits stehende Judenthum mit der Schließung der klerikalen Schulen in Verbindung. Nichts ist dümmer als dies. Eines gewissen Humors entbehrt demgegenüber nicht das heilige Verhalten der getauften Jüdinnen! Prinz Ferdinand de Lucinge hat an den Präfekten des Departements „Cotes du Nord" einen Protest gegen die Schließung der Nonnenschule in seiner kleinen Gemeinde, als deren Maire er fungirt, gerichtet und mitgetheilt, daß er auf die Stelle des Maires verzichte, um nicht an den Angriffen gegen die Gewissens- und . Unterrichtsfreiheit und gegen das Eigenihum theilzu-