Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-09 · Heft 81 (9.10.1902) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 81 (9.10.1902)
Date
1902-10-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449870--56829-2519535
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Haus Baum's gegangen, um von diesem eine Auskunft zu erlangen. Bei dieser Gelegenheit habe er über die Pforte (Thüre) des Schlachthauses hinweg gesehen, wie Baum ein geschlachtetes Thier, das durch zwei Hölzer gehalten auf dem Boden lag, am Hinterteil verunreinigt habe. Baum dagegen beschwor, in seinem Schlachthaus nie urinirt zu haben und auch keine Hölzer zum Schlachten verwendet zu haben. Schmitt wurde wegen falscher Anschuldigung zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Außerdem ist eine Eivilklage auf 2000 Mk. Ersah wegen Geschäftsschädigung anhängig. Nun sammelte Schmitt weiteres Material und veranlaßte die Einleitung de.r Meineidsuntersuchung gegen Baum, der auch Folge gegeben wurde. Auffällig ist dabei, daß Schmitt, obwohl er die Schweinereien im Schlachthaus gesehen haben will, nach wie vor bis zum Jahre 1901 sein Fleisch von Baum bezog. Trotz der langen inzwischen verstrichenen Zeit ist dieser Hauptzeuge in der gestrigen Verhandlung noch deutlicher gewesen wie das erste Mal. Jetzt will er sogar genau gesehen haben, daß das Thier durch zwei Scheithölzer gestützt war. Weiter sagt er, er sei am kritischen Abend in das Schlachthaus eingetreten und habe B. beim Uriniren überrascht. Der Vergleich oder-Widerruf im vorigen Jahre sei ihm abgepreßt worden, als er betrunken gewesen sei. Hier gab sich die Vertheidigung alle Mühe, die Widersprüche in den Aussagen des Zeugen aufzuklären, allein der Vorsitzende.machte ihr den Vorwurf, sie wolle den Zeugen nur verwirren. Ta der Zeuge auch erklärt hatte, er habe „keine Feindschaft" gegen B., fragte ihn die Vertheidigung, wie es denn komme, daß er sein Kind gelehrt habe, den Baum zu markiren. Darauf erklärte der Vorsitzende: „Es werden oft Juden nachgeäfft, das kann auch im Humor geschehen sein!" Von seiner Beobachtung will der klassische Zeuge einigen Ortsnachbarn erzählt haben, aber diese bekunden, daß das nicht wahr sei. Außer Schmitt traten noch vier andere Zeugen auf, die bei anderen Gelegenheiten Baum beim Uriniren im Schlachthause beobachtet haben wollen. Darunter ist ein Schuhmacher Benkert, der wegen eines Hausfriedensbruches bei Baum 14- Tage Haft erhalten hatte. Auch dieser hatte über den Vorfall geschwiegen, angeblich weil „er sich nicht mit Juden behängen wollte, die sich doch überall herauslügen." Mehrere Zeugen deponiren dann wegen der Hölzer im Schlachthaus. Einige wollten Scheithölzer, andere sog. Schrotleitern gesehen haben. Dies bestreiten aber der Fleischbeschauer von Nordheim, ein Fleischergeselle, der Lehrer und Schächter Fulder. der (von 1886—93) in Nordheim wirkte, ebenso ein Geschäftsmann, der manchmal beim Schlachten mithalf. Bemerkenswerth ist, daß die Beobachtungen der Ersteren auf 12—18 Jahre zurückliegen. Heute Nachmittag fällten die Geschworenen ihren Wahrspruch, der auf Schuldig unter Ausschluß mildernder Umstände lautete. Das Gericht erkannte auf V/2 Jahre Zuchthaus und 6 Jahre Ehrverlust. ' . Dies Urtheil gibt der ganzen vorurteilsfrei urtheilenden Bevölkerung, auch der nichtjüdischem zu denken. Zugegeben, Äron Baum hätte that- . sächlich im Schlachtyause urinirt, aber er sei nach Art logisch undurchbildeter Leute, gewissermaßen zur Bekräftigung, daß er auf das Fleisch nicht urinirt habe, in das Extrem verfallen und habe behauptet, er habe überhaupt niemals im Schlachthaus seine Notdurft verrichtet, so wäre es doch Pflicht der urtheilenden Richter gewesen, diese Umstände psychologisch zu analysiren, diese zwei Facten quseinander zu halten und auf das geistige Niveau und die Denkart der- - artiger Leute Rücksicht zu nehmen. Wenn man aber die Qualität der Zeugen, den Hauptbelastungszeugen Zechbruder Schmitt rc. und ihre Beziehungen zu Baum betrachtet, so wird man auch kaum diese-Belastung Baum's aufrecht erhalten können, vorausgesetzt, daß der obige Zeitungsbericht sachlich gehalten. Hoffentlich wird das Urtheil einer nochmaligen Revision unterzogen werden. Nandegg (Baden), 29. Sept. Ein schwerer Verlust hat unsere Gemeinde betroffen. Eine Zierde und . . ein Stolz derselben, die allgemeiner Liebe und Hoch- , schätzung sich erfreuende Gattin unseres verehrten'Herrn.. Rabbiners Picard, wurde heute, äm zweiten Seli-/ choth-Tage zu Grabe geleitet. U"n no uni» no.; Noch vor Monaten ein Bild stattlichen Ansehens,/ blühender und glänzender Gesundheit, hat sich schon , heute, nach kurzer, schwerer Krankheit, der Todesschleier über sie gesenkt. p am px o"»x bv „nßcno ck. Trotz der unmittelbaren Nähe des. heil, n'/n waren von allen Seiten Theilnehmende herbeigeeilt, um der Verklärten die letzten Beweise der Verehrung, und . Liebe zu geben, und so gestaltete sich das Leichen-' begängniß zu einer selten gesehenen Traüerkundgebung. An der Bahre gab zunächst Herr Rezirksrahbiner Dr. Spitz dem Schmerze beredten Ausdruck.. Er verglich die Dahingeschiedene mit unserer Stammmutter Sarah xcrft *3 uns *p rc. Die Sanftmuth der sel. Entschlafenen, ihre Milde, ihr Wohlwollen, ihre Herzensgute,/ die sich gegen Jedermann — Arm und Reich — liebevoll betätigten, ihre wahre, tiefinnere Frömmigkeit durchleuchtete ihr Leben wie ein Kranz von Edelsteinen. : .13-.31 8ryb p'vs pi*n *u rm rrw pt bi fnxn bv nwp pn pcyc rr.2» Ein immerwährendes Licht verbreitete ihr Wille im Hause und in der Umgebung. Die der Frau zukommenden Pflichten von ' un Jipbim n^n übte sie selbst noch im Todeskampfe ' mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, und eine Himmels- ' wolle des Friedens und Gedeihens lagerte über den' Räumen des Hauses. ' Als zweiter Redner würdigte Herr Bezirksrabbiner Dr. E h.r m a n n - Baden die Tugenden der Verbliche-^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.