Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 81 (9.10.1902)
- Date
- 1902-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449870--56825-2519531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. Nachdem der junge Mann Platz genommen, begann er ohne Umschweife: „Herr Rabbiner, ich liebe Ihre Tochter, geben Sie mir sie zur Frau, und machen Sie mich zum Glücklichsten der Sterblichen!" Der Rabbiner war todtenblaß geworden. „Herr Doktor," sagte er, „daraus kann nie etwas werden, die Verschiedenheit.unserer Konfessionen läßt dies nicht zu. Sie sind Christlich bin ein strenggläubiger Jude, eine Verbindung ist vollständig unmöglich. Wenn Ihnen etwas an dem Seelenfrieden meiner Tochter liegt, so sprechen Sie nicht mir ihr über solche Dinge." „Ich glaube annehmen zu dürfen," sprach der junge Mann erregt, „daß auch ich Ihrer Tochter nicht gleichgiltig bin. Können Sie es auch dann über sich gewinnen, das Lebensglück Ihres Kindes zu vernichten?" ' „Mein lieber Herr Doktor," entgegnete der Rabbiner mit zitternder Stimme, „ich liebe mein Kindunaussprechlich und achte und schätze Sie sehr hoch, und eben deßhalb möchte ich Sie beide vor Unglück bewahren. Schlagen Sie sich diese Liebe aus dem Herzen, sie kann und wird Ihnen niemals Glück bringen." Dann war der junge Arzt gegangen. Der Rabbiner hatte nie mit seiner Tochter über diese Angelegenheit gesprochen. Aber das stille Wesen seiner sonst so heiteren Esther, ihre oft von Thränen getrübten Augen zeigten ihm, daß auch sie den jungen Mann in ihr Herz geschlossen und noch nicht vergeben habe. Doch er hoffte, die alles lindernde Zeit würde auch diesen Schmerz heilen, und der zärtliche Vater verdoppelte seine Liebe und Aufmerksamkeit gegen sie. — Eines Morgens, als der Rabbiner das Frühstückszimmer betrat, fand er nicht, wie gewöhnlich, seine Tochter seiner harrend. Auf dem Tische lag ein geschloffenes Couvert mit ihrer, ihm wohlbekannten Handschrift. Mit einem gewissen Befremden, doch nichts Böses ahnend, öffnete er das Schreiben. Doch kaum hatte er einige Zeilen gelesen, so sank der starke Mann bewußtlos zu Boden. So fand ihn die alte Rifka, als sie nach wenigen Minuten das Zimmer betrat. Nachdem sie ihren Herrn mit Aufbietung aller ihrer Kräfte auf das Sofa gelegt, mit stärkenden Essenzen eingerieben, schickte sie nach dem Arzte, das verhängnißvolle Schreiben schob sie rasch in ihre Tasche. Der Arzt kam, schüttelte bedenklich das Haupt und erklärte, daß ein schweres Nervenfieber im Anzuge sei. Strengste Ruhe hatte er vor allem anbefohlen. Dann war die treue Alte in ihr Zimmer geflüchtet und las dort unter strömenden Thränen, daß ihr Herzblatt, ihre Esther fort sei für immer. Sie liebe den jungen Arzt, der bei ihnen gewohnt, über alles, und könne nicht weiter leben ohne ihn, schrieb sie. Lange konnte sich die Alte ihrem Schmerze nicht , hingeben, die Pflege ihres Herrn erforderte ihre volle Kraft. — 7 7.';:. 1 - - ' 7;'';7 '.'7': ' . 7 7 Wochenlang schwebte der Rabbi zwischen Tod und Leben; heiße Gebete wurden in der Synagoge emporgesandt für die Gesundheit ihres geliebten Seelenhirten. Endlich, nach langem, bangen Hoffen trat Genesung ein. Doch das freundliche, milde Lächeln, das einst sein Antlitz so wunderbar verschönt hatte, sah man nie- ' mals wieder; aus dem ehemals so heiteren Manne war ' ein lebensmüder Greis geworden. Der Name seiner Tochter kam nicht mehr über seine Lippen. Wie kam es, daß ihn gerade heute die Vergangenheit so lebhaft beschäftigte, daß er heute keinen anderen Gedanken fassen konnte? Schon dreimal hatte ihn seine treue Rifka gemahnt, daß es Zeit zum Mittagessen sei, er hörte es nicht. Endlich trat sie näher, sie glaubte, er sei eingeschlafen.; 7.,, - . „Herr Rabbiner," sagte die Alte, „es ist eine arme Frau mit einem kleinen Knaben unten, sie will. Sie durchaus selbst sprechen. Sie sieht so matt und. entkräftet aus, nimmt aber nichts an, bevor sie Sie selbst gesprochen."; „Ich komme," sagte er, sich erhebend, ordnete seine Bücher in den Schrank und ging schleppenden Schrittes die Treppe hinab. 7- Doch kaum war er in's Zimmer getreten und hatte, einen Blick in das Antlitz der vor ihm Sitzenden geworfen, als ihn ein heftiges Zittern befiel und er sich an einem Stuhle festhalten mußte. . „Sie wünschen," fragte er endlich mit gepreßter Stimme. - „Vater!" rief die arme Frau, „Vater, erkennst Du Dein Kind nicht wieder?" . . „Esther, meine Esther, bist Du es wirklich? Es 7 ist nicht möglich," stöhnte der schwergeprüfte Mann, und laut aufschluchzend lag die Tochter am Halse des Vaters.- - ' 7 Der Knabe stand dabei und hoffte, daß man sich nun auch seiner erinnere. „Großpapa, ich bin auch da," sagte er jetzt. „Vater," sagte Esther, „verzeihe mir um dieses Kindes willen, er möge die Stütze Deines Alters werden und durch gute Thaten den Frevel seiner , Mutter sühnen." „Der Allgütige, gegen den Du schwer gesündigt hast, möge Dir verzeihen, ich habe im Augenblick des Wiedersehens alles Bittere vergessen, was ich in jenen Tagen, da Du mich ver.ließest, gelitten. Und das ist. Dein Sohn, mein Enkel!" sprach er, indem er den süßen Knaben an's Herz drückte. „Wir beide wollen ihn mit des Allmächtigen Hilfe zu einem guten,, frommen Jehudi erziehen." ...,-7 7 7- .77; „Dir, mein theurer Vater, bleibt dieses edle