Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-09 · Heft 81 (9.10.1902) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 81 (9.10.1902)
Date
1902-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449870--56822-2519528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Interna eingeweihten Personen behaupteten, daß trotz der gegen Levy bestehenden belastenden Momente nichts gegen die Juden unternommen worden fei. . weil man eventuell einen Aufstand befürchte." Dem Verfasser des Artikels habe dabei der durch den Fürsten Liechtenstein bekannt gewordene Vorgang in Oesterreich-Ungarn vorgeschwebt, wo d-er Graf Andrassy bei dem Fall Tisza-Eßlar die Befürchtung ausgesprochen haben soll, daß ein Vorgehen gegen die Juden einen Aufstand zur Folge haben würde. Der Artikel habe nur an die Möglichkeit gedacht, daß das Staatsministerium ein besonders vorsichtiges Vorgehen gegen die Juden aus staat- .lichen Rücksichten angeordnet haben könnte. Durch die Beweisaufnahme ist erwiesen, daß der Justizminister den Ersten-Staatsanwalt ausdrücklich angewiesen hat, alle Spuren, insbesondere auch gegen die Juden, energisch und ohne Rücksicht zu verfolgen und ihm anheimgestellt hat, ein förmliches-Verfahren gegen Adolf Levy einzuleiten. Die in diesem Artikel ausgesprochene Bermuthung, daß das Staatsministerium aus staatlichen Rücksichten ein besonders vorsichtiges Vorgehen gegen die Juden ungeordnet hätte, ist somit schlechthin falsch und eine Parallele zu den damaligen Verhältnissen in Ungarn absolut unbegründet. Der Angeklagte Dr. Bötticher spricht daher sein Bedauern aus, diesen Artikel, ausgenommen zu haben. . — Es folgt darauf die Verlesung der Protokolle über die Vernehmung zahlreicher Zeugen, auf welche die Angeklagten zum Wahrheitsbeweise Bezug genommen haben und welche die Behauptung bestätigen, sollen, daß die gegen die Behörden und Beamten erhobenen Vorwürfe berechtigt gewesen seien. Aus den Protokollen kommt nichts wesentlich Neues zu Tage. Folgende Bemerkungen aus der Verhandlung seien noch besonders hervorgehoben:. R.-A. Sonnenfeld: Hat der Kommissar Wehn nicht in einem Gespräch sich dahin geäußert, er habe gerade in Könitz aufgehört, Antisemit zu sein? Zeuge Wehn gibt zu, eine dahingehende Bemerkung gemacht zu haben, daß er. in Könitz anderen Sinnes geworden sei. Angekl. Bruhn wünscht vom Ersten Staatsanwalt Schweigger zu wissen, welchen Glauben er wohl dem Wienecke beimesse. Erster Staatsanwalt Schweigger: Dem Wienecke würde ich nicht ein' Wort glauben. (Siehe letzte Nachrichten.) Frankfurt a. M., 7. Okt. (Ko n g r e ß z u r internationalen Bekämpfung, des Mädchenh and e l s.) Dem zweiten Kongreß zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels ging .heute eine deutsch-nationale Konferenz voraus. Die Sitzung-der Vorkonferenz wird, nach 9 Uhr von dem / Vorsitzenden des deutschen Komitees, Kammerherrn Grafen v^ Keller eröffnet. Er spricht seine Freude-aus, daß Bekenner verschiedener Religionen und Konfessionen, Männer und Frauen, sich zu dieser ernsten Arbeit zusammengefunden haben. Die Aufgabe wird jetzt sein,, die Organisation zu festigen und zu erweitern. - Unsere Sache hat große Fortschritte gemacht, größere, als man gehofft und erwartet hatte. Erfreulich ist es, daß unsere deutsche Arbeit auch im Ausland Anerkennung fand: in einem englischen Bericht heißt es, daß die deutsche Nation Allen voran die Fahne der Befreiung trägt. Zum Schluß wendet sich. Graf v. Keller speziell an die Pertreter der Presse. Er hat zu ihnen das Zutrauen, daß sie recht vorsichtig sind mit. dem, was aus diesem unglücklichen und fatalen Gebiet, in die Oeffentlichkeit gebracht .werden darf. Aber Eines sei vor. Allem betont: der vollständig unpolitische und interkonfessionelle Charakter der Veranstaltung. Dr. M a r e tz k i schildert ausführlich die Tätigkeit des jüdischen Zweigkomitees und „das vom Osten ausgehende Elend." Zu seiner Bekämpfung haben jüdische' Verbände schon Vieles gethan. Eine Ergänzung wichtigster Art soll ihre Arbeit finden durch die Verbände jüdischer Frauenvereine. (B e g r ü ß u n g s a b e n d.) Abends war festlicher Enrpfang im Frankfurter Hof. Im Lesesaal und in dem angrenzenden Raum hatten sich etwa 160 Personen eingefunden. Oberbürgermeister A d i ck e s hieß die Versammelten im Namen der Stadt willkommen. Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude und Ehre, so sagte er etwa, als Erster auf deutschem Boden Sie hier in dieser alten Stadt willkommen zu heißen, die Sie von allen Seiten herbeigeeilt sind, eine ernste und schwere Frage zu behandeln. Wohl, hört man heute manchen pessimistischen Ruf ertönen, aber die Optimisten haben keinen Grund, zu verzweifeln. Ueberall regt es sich zu gemeinsamem Thun für das Gute und Edle. So kann ich auch diesen Kongreß begrüßen als einen Zeugen des Idealismus, der uns Alle einig macht, der in allen Nationen mächtig seine Flügel regt und der zugleich ein Werk modernster Art bethätigen soll. Modern ist die Empfindung, aus der heraus der Kongreß geboren ist. Modern ist der Kongreß, weil er über Konfessionen und Nationen hinweg die Hände zu gemeinsamem Werk zusammenfügt. Auch darin offenbart sich der moderne Zug, daß sich Frauen im Dienste des Kongresses zusammenfinden. Und endlich ist der Kongreß darum modern, da man an die gewaltige Macht der öffentlichen Meinung appellirt. Aufklärung durch die Presse und durch Versammlungen - zu schaffen, und die Regierung mobil zu machen versucht. Möge dieser Bewegung, die nur ein Stück des alten Evangeliums von der Erfüllungder Nächstenliebe ist, reicher Erfolg beschieden sein! Seien Sie herzlich willkommen in der alten Stadt Frankfurt!. Kiek, 7. Okt. Das Kriegsgericht des ersten Geschwaders verhandelte gegen den Stewardmaat Petzold - vom Linienschiff „Kaiser Wilhelm II." wegen Beleidigung des mosaischen Matrosen Max Hirsch, den er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.