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Der Israelit · 1902-10-09 · Heft 81 (9.10.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 81 (9.10.1902)
Date
1902-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ware da aus der jüdischen Religion unter ihren Händen i geworden? Das auszumalen, hält keineswegs schwer. Sie.hätten jedenfalls so nach und nach das Gesetz der Thora aus dem Leben hinausgedrängt, um ihre eigene menschliche Willkür an deren Stelle zu setzen. Andererseits wären sie bei dem folgenschweren Rechte, das in ihre Hände gelegt war —vor Gott Sühne für das Volk zu erwirken — nicht stehen geblieben. Gleich den Priestern der ganzen übrigen Welt hätten auch sie diese. Befugniß der eigenen Machtvollkommenheit beigelegt. Wir hätten alsdann an Stelle unserer einzigen, heiligen, göttlichen Thora — das große Verderben einer priesterlichen Willkürherrschaft, die für ihre Launen unter göttlichen Machtvollkommenheiten Deckung sucht. Die meisten Völker des Alterthums sind durch dieses Treiben zu Grunde gegangen. Hätte' unsere heilige Thora nur das eine Verdienst, jegliche priesterliche. Willkürherrschaft, worin das Heidenthum jeder Form stets gipfelte, gebrochen zu haben,, sie müßte schon um deßwillen alleine von aller Welt als das höchste Gut anerkannt werden. Run aber ist gerade unser neues, sogenanntes modernes Judenthum auf dem besten Wege, diesem Verderben geraden Weges in die Arme zu rennen. Die Thora hat es abgeschafft und an deren Stelle den augenblicklichen Dünkel seiner Priester gesetzt. Wenn der weitaus größte Theil der Juden dieser Richtung Gott und Sein Gebot bereits vollständig vergessen hat, so ist das keineswegs auf Ausschreitungen verwegenen Uebermuthes zurückzuführen. Dahin wurden sie von einer feilen Priesterschaft geführt, der sie sich blindlings ausgeliefert hat. lieber 1800 Jahre währt unsere Zerstreuung. Wir haben während dieser Zeit das Elend in allen nur erdenklichen Formen kennen gelernt. Daß aber berufene Vertreter der . Thora direkt in den Dienst des Abfalles sich stellen — dieses größte Elend ist unserer Zeit Vorbehalten geblieben. — Welche wundervolle Kenniniß des menschlichen Herzens leuchtet auf Grund unserer Erwägungen aus den weiteren Vorschriften unseres Thoraabschnittes uns entgegen.' Wie wir denselben entnehmen, wird in die Hände des Hohenpriesters das folgenschwere Recht gelegt, am Versöhnungstage in das Allerheiligste einzutreten, um für das Volk Sühne zu erwirken. Wie leicht könnte das zu einer mißbräuchlichen Äuslegung führen, wie leicht könnte es geschehen, daß der Hohepriester, die ganze Bedeutung des heiligsten Tages ausschließlich in seine Person verlegte?! — Demgemäß verordnet die Thora: rirrvrn iv rirr pmx n",vn ura "tf-i rviz ILA *wk daß Aharon zunächst das eigene Sühnopfer darbringe, um damit für sich und seine Familie Sühne vor Gott zu erwirken. Wenn der Hohepriester sich solcher Art an die Spitze aller Sünder zu stellen hat, so ist wohl jede Anmaßung, die ihn in das Bereich der göttlichen Rechte aüsgreifen -; ließ, im vorhinein ausgeschlossen. / '; ' Run zeigt sich auch eine andere Bestimmung des heiligen Dienstes am' c-v^.-r dv in ihrem wahren Lichte. Dieselbe verordnet, da^ der Hohepriester während der n-n~y fünfmal einen Wechsel seiner Kleidung vornehme und denselben jedesmal miteiner nb'zo einleite. Offenbar ist hier auf die fünf Perioden Bezug genommen, in welchen sich regelmäßig jedes Menschenleben abwickelt. Es sind dies: das Säuglings-, Kindes,- Jünglings-, Mannes- und Greifenalter. Welcher Gedanke sollte durch diesen Vorgang zur Darstellung gelangen? Der Hohepriester ward auf diese Weise verhalten, seine Auffassung von der beschränkten Unzulänglichkeit des eigenen, wie des menschlichen Willens überhaupt darzuthun und dadurch zugleich das kräftigste Zeügniß für die Heiligkeit und Unantastbarkeit des göttlichen Willens, wie er in der Thora geoffenbart worden, vor aller Welt abzulegen. . Wie könnte ein Mensch — er sei auch wer immer zu der Anmaßung sich erkühnen, wie dies leider heute schon zü den alltäglichen Erscheinungen zählt, seine eigene Meinung als die unfehlbare hinzustelley, .da er doch mit sich selbst uneinig ist! Heute verwirft er daS, was er gestern gebilligt hat. Fraget denselben Menschen als Kind, als Jüngling, als Mann und Greis, über ein und dieselbe Sache um seine Meinung, wird dann nicht die Antwort jedesmal ganz anders lauten? Es wäre jedoch grundverkehrt, wollten wir in Folge dieser Einsicht in unsere menschliche Schwäche verzweifeln. Dieselbe kann ganz im Gegentheile dazu angethan sein, unser Streben auf die richtige Bahn zu lenken. Die Anleitung dazu bietet die . fünfmal vorzunehmende rbw Es liegt darin die eindringliche Mahnung, den Weg durch ein jedes unserer Lebensalter so zu gestalten, daß er uns zu einer immer höheren Stufe der inneren Lauterkeit führe, und damit, zugleich zu einem immer gründlicheren Abstreifen aller menschlichen Schwachheit veranlasse. * " (Schluß in der ersten Beilage.) Z riLungsAschrichten uns Eorresporrverrze«. D e u t f $ I a n b, . Berlin, 6. Okt. Im Prozeß gegen die „Staats-' bürger-Zeitung" wurde heute die kommissarische Vernehmung der Dr. Müller jr. und Bleske, welche seiner Zeit bei der ersten Obduktion zugegen waren, verlesen. Hierauf gab der Rechtsanwalt Dr. Hahn Namens des Angeklagten Dr. Bötticher folgende Erklärung zu Protokoll: „In dem Artikel in Nr. 289 der „Staatsb.- Zeitung" ist unter Anderem gesagt worden: Die in die

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