Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 80 (6.10.1902)
- Date
- 1902-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1690 konnten sie in Frieden wohnen, dann stachetelte der unsinnige Hostienprozeß die Dolkswuth und vor Allem den Zorn Joachims I. auf. 38 Juden wurden unter fürchterlichen Martern auf dem neuen Markte verbrannt, die übrigen mußten Berlin und die Mark verlassen. Joachim II. ließ die Verfolgten gegen ein „Schutzgeld" von 42,000 Thalern zurückkehren, Livpold ben Chluchim, „Jude Lippold", gehörte bekanntlich zu seinen Günstlingen. Der Jüdenhof war damals nicht mehr die einzige Wohnstätte der Berliner Juden. Lippold selbst wohnte bereits in der Breiten Straße (nach anderen in der Stralauer Straße). Johann Georg, der den Freund seines Vaters bekanntlich ebenfalls verbrennen ließ, wies auch die Juden wieder aus. Sie kehrten indessen bald zurück. Posen, 26. Sept. 'Nach den Kaifertagen Hierselbst dauern die Erörterungen über die politische Bedeutung des Ereignisses in der deutschen wie in der ausländischen Presse noch immer fort. Die „Zeit, des Judenth." erhält darüber von einem angesehenen Manne aus der Provinz Posen selbst die folgenden beachtenswerthen Auslassungen: „Was uns hier besonders interessirt, ist das schöne Wort der Anerkennung, das der König Posen gezollt: „Wir befinden uns hier in einer treuen deutschen Bevölkerung. Wir befinden uns hier in einer treuen deutschen Stadt,'und treu ist die Arbeit, welche die Deutschen zur Hebung des Landes hier vollführen." Zweifellos war für dieses Urtheil — und zwar mit vollem Rechte — der Empfang maßgebend, wie er den erlauchten Gästen bereitet wurde. Wer wird es aber wohl bestreiten wollen, daß hier ein gut Theil unsere Glaubensgenossen mitgeleistet haben. An der Spitze der Bürgervertretung steht ein Jude, der den Monarchen im Rathhause mit hat begrüßen dürfen, die großen Geschäftshäuser, die den glänzenden Nahmen für das entziickende Festbild darboten, liegen in jüdischen Händen. die zahlreichen Kriegervereine, die in soldatischer Treue ihrem obersten Kriegsherrn die schuldige Ehrenbezeugungen boten, zählten nicht wenige Glaubensgenossen in ihren Reihen, — kurzum, die Festtage verdanken ihren Glanz und ihren glücklichen Verlauf einzig und allein dem Umstande, daß sich hier alles, was deutsch sich nennt und so fühlt, im innigen Liebesbunde zusammenthat. Nicht umsonst hat der Kaiser zur Einigkeit gemahnt, es gefordert, „daß die Deutschen ihren Erbfehler des Parteihaders, oblegen." Das sei allen Jenen in's Stammbuch geschrieben, die engherzig konfessionellen Zwist heraufbeschwören und in die so nöthige Einigkeit aller deutschen Elemente in unserer Provinz einen Keil schlagen. Erst jüngst haben wir es :-mit aller Entschiedenheit zurückweisen müssen, daß man an der Stätte der Volksvertretung unter Verkennung der wahren Verhältnisse es wagte, zwischen Deutschen . und Juden zu scheiden. Wir begrüßen es vollends. wenn der Kaiser in seinem Gerechtigkeitssinne den einer schweren Lüge schuldig erklärt, der da von oben herab konfessionelle Rücksichten gewahrt glaubt. „Meine ganze Regierungszeit und meine Worte in Aachen beweisen, wie hoch ich Religion, das heißt das persönliche^. Verhältniß jedes Menschen zu seinem Gotte achte, und er beleidigt durch eine solche Verleumdung den Nachfolger des großen Königs, der erklärt hat, ein Jeder solle auf seine Fa§on selig werden." Wahrlich, deutlicher kann es doch gar nicht gesagt sein, wie Kaiser Wilhelm II. allen religiösen Zwist und Hader verwirft, wie das gerade in unserer Provinz die strengste Zurückweisung verdient. „Vor allen Dingen brave Preußen sein," das ist das Einzige, was den Bewohnern der Ostmark zur Pflicht gemacht wird. Werden diese Worte auf fruchtbaren Boden fallen? Werden sie gehört werden und die judenfeindlichen Strömungen zurnckdämmen? Werden die Beamten, an die ja besonders appelljrt wurde, in diesen erhabenen Worten die oberste ' Direktive sehen? Wir wünschen es, es liegt dies ja nur im Interesse des Deutschthums. Man höre endlich auf. uns zwischen zwei Feuer zu stellen, mit uns überall die Wahlen zu machen, uns aber in dem Erwerbsleben zu isoliren und, wo irgend möglich, zurückzudrangen. Hoffen aber, daß die gerechte Sprache des Herrschers endlich überall gehört und beherzigt werde; wir ersehnen dies nicht blos um unsertwillen, sondern vor allem aus Liebe zu Kaiser und Reich. Die Juden sind in den doppelsprachigen Provinzen unbedingt eine Stütze des Deutschthums; man verkenne dies nicht und gebe ihnen, was ihr Recht ist. Mehr verlangen wir nicht." Höchberg, 30. Sept. Dem Jahresbericht der „Lazarus Ottensoser-Stistung" für die „Israelitische Präparandenschule (Talmud Thora) Höchberg" (Bay.) entnehmen wir: Mit dem Gefühle der Befriedigung schreiten wir hiermit an die Herausgabe unseres Rechenschaftsberichtes für das Rechnungsjahr 1901. Ist es uns doch mit Gottes Hilfe gelungen, die Gewogenheit unserer Gönner und Freunde zu erhalten, sodaß wir in den Stand gesetzt waren, die Ausgaben bestreiten zu können, welche die satzungsgemäße Erhaltung der. Präparandenschule erfordert. Abgesehen von den laufenden Ausgaben ist im verflossenen Rechnungsjahre eine große Aufgabe an un- I sere Kasse herangetreten. Durch den Tod des bis-! herigen Besitzers wurde ein an das Anstaltsgebaude j grenzendes Anwesen dem Verkaufe unterstellt. Um nun! für eine eventuelle spätere Erweiterung der Anstalts-! räume Platz zu gewinnen und den schon lange gehegten j Wunsch nach einem eigenen Spiel- und Tummelplatz - für die Schüler zu verwirklichen, war die Stiftung gej zwungen, bezeichntes Anwesen zu kaufen.": Laut Re-; gierungsentschließung vom 9. April 1901 wurde die! „Erwerbung des Anwesens um den Preis von 6671