Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 80 (6.10.1902)
- Date
- 1902-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1689 treten, von nun ab ein neues Leben beginnen zu wollen, frei von jeder Schwäche und frei von jedem Rückfall in die überwundene alte Sünde. Wer aber in; Jom Kippur nur einen Tag der Kasteiung erblickt, der durch vierundzwanzigstündiges Fasten das Unrecht eines verfehlten Lebens abbüßen möchte, ohne den Vorsatz, nach Jom Kippur ein neues, gottgefälliges Leben zu beginnen, dem bringt Jom Kippur die Versöhnung nicht. Unsere Weisen vergleichen (Mischna Joma Perek VIII) die Reinheit, die Jom Kippur bringt, mit der Reinheit, die durch das rituelle Reinigungsbad (Mkwe) bewirkt wird. Die Mischna (Mikwot Perek I) unterscheidet sechs Stufen von Bädern, deren Gebrauch den Unreinen die verlorene Reinheit wieder gibt. Unter diesen nimmt das gewöhnliche rituelle Bad erst die dritte Stufe ein. Ein Quellbad z. B. steht höher, als das Mikwe-Bad, und ebenso zählt die Mischna noch . zwei Arten von Bädern am angeführten Orte auf, die sogar noch höher, als das Quellbad und selbstverständlich höher, als das Reinigungsbad der Mikwe stehen. Wenn dies der Fall ist, so erscheint es auffallend, daß die sühnende Reinigung, welche der himmlische Vater an den zu Ihm Zurückgekehrten vollzieht, mit der Reinheit verglichen wird, welche das Mikwebad bringt' und nicht mit derjenigen, welche durch Quellbäder oder die anderen vorzüglichen Stufen von Bädern erlangt wird.- : *v -- - Nach dem, was wir bisher über die Rückkehr bemerkt haben, dürste das Wesentliche derselben und der durch sie wiederzuerlangenden Reinheit, gerade durch diesen Vergleich recht anschaulich und symbolisch ausgesprochen sein. Der Ernst der Zeit ruft uns zu unserer Pflicht zurück und mahnt uns Tag für Tag bis zum Eintritt des Jom Kippur, unseren vermeintlichen Fortschritt auf dem falschen Wege aufzugeben und zurückzugehen zu unserem himmlischen Vater, welcher sehnsüchtig sein der väterlichen Weisung entzogenes Kind wieder im Vaterhause erwartet. Sobald diese Rückkehr vollzogen ist, sobald das verlorene Kind wieder die Vaterhand erfaßt hat, die Er liebend ihm entgegen gehalten hatte, gibt es keinen Rückschritt und keinen Fortschritt mehr. Jetzt steht das Kind vor seinem Vater und verlangt von d§m so lange treulos verlassenen Vater wieder Verzeihung und Sühne für allen kindlichen Leichtsinn und Trotz, um nach erlangter Versöhnung auf dem nun betretenen rechten Wege rüstig in allem Guten und Wahren vorwärts zu schreiten. Ohne diese der Rückkehr folgenden und der neuen Zukunft vorangehenden Sammlung des Verharrens und Stillstandes vor Gott am Jom Kippur .gibt cs keine Versöhnung. Dieses Sichsammeln und stille Ausharren und Standhalten.vor Gott am Jom Kippur ist die unerläßliche Vorbedingung der von ihm gewährten Reinheit. Das ist aber auch das Kriterium des rituellen. Mikwe-Bades, das nur, wenn sein Wasser ohne jede Bewegung vollkommen stille steht, dem Unreinen die verlorene Reinheit wieder gibt, während die Quelle und andere Bäder auch in fließendem Zustande ihre reinigende Wirkung vollziehen, pwxa vnso rnpo* . Das nimmer rastende Vorw'ärts-Streben im erwerbenden, schaffenden und genießenden Leben, daS .unsere bisherige Jrrthümer erzeugt hat, soll durch das' Genuß- und Werkverbot des Jom Kippur unterbrochen und eingestellt werden, bis Gott die Sühne über unsere verfehlte Vergangenheit mit seinem.. 'nntzo ausgesprochen und uns für die neue Zukunft durch sein iinvn rein gesprochen und mit frischem, neuem Lebensmuth ausgerüstet hat. Das ist die Seligkeit der Rückkehr zu Gott und das Gnadengeschenk Seiner Versöhnung, das Seine milde Vaterhand. Jedem spendet, der sie ergreift, um ihn über Sünde und Tod aus den Niederungen des Lebens zu Seiner lichten, beseligenden Himmelshöhe zu heben. > cs’sx Gsns* Tnaa >ai onntoo anx D law D3*ns>x mpö iv'rn emnai a'-nna c*a aybv 'npin a’epap .brr">L" nx i7,v2 n'apn p.xo'xaan nx nnaa ropa na n ^>xie" Zettrmgsrrachikrchtett rmd EorrespoKdsrrZen. Deutsch lan d. Berlin, 19. Sept. (Das Berliner Ghetto.) In der Judenstraße waltet die Spitzhacke des. Maurers. Ein ganzer Häuserkompiex ist niederaelegt, wie lange der andere noch stehen wird, wer weiß es? Es ist ein Stück interessanter Berliner Vergangenheit, das mit der alten Judenstraße zu Grabe geht. Die Geschichte der Berliner Juden ist eng mit ihr verknüpft. Die Juden waren in unserer Stadt schon unter den Askaniern ansässig, genossen schon unter den Wittelsbachern als des Markgrafen „Kammerknechte" sogar nicht unbedeutendes Ansehen. Das Stadtbuch hat ein ganzes Kapitel mit der Ueberschrift: „Hier beginnt der Juden Recht." Das Ghetto Alt-Berlins lag auf dem großen Jüdenhof, der schon um 1200 bestand und schon damals eine Synagoge trug. Im 13. Jahrhundert standen neun „Judenbuden" darauf. 134? fand in Berlin die erste Judenverfolgung statt. Die elenden Baracken des Judenhofes gingen in Flammen auf,.wer mit den; Leben davonkäm, wurde unter entsetzlichen Greueln aus der Stadt vertrieben. Erst.nachdem.Berlin sich mit dem bayerischen Markgrafen versöhnt hatte (nach der Komödie des falschen Waldemar)'dürften die Juden von Neuem ihr altes Heim beziehen. Bis 1610