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Der Israelit · 1902-10-06 · Heft 80 (6.10.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 80 (6.10.1902)
Date
1902-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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mich nie! Mein Weg ist allezeit der rechte! Be! mir lann daher immer nur von einem Fortschritte, «immermehr'aber von einer Rückkehr die Rede sein! Nein, nein, vor diesem Unfehlbarkeitsglauben und seinen Folgen wollte uns Gottes Gnade retten, indem Sein Wort immer und überall auf Teschuba drängt und diese Tage dafür besonders eingesetzt hat. Wie wenig gehört doch dazu, daß ein schwacher, irrender Mensch von dem rechten Lebensweg abgelenkt und der Sünde in die Arme getrieben wird, die zu beiden Seiten dieses Weges seiner wartet. Der Pfad der gottgewiesenen Pflicht ist steil, steinig und eng, während die Wege des Leichtsinns und der Sünde bequem, glatt und geräumig sich allen öffnen. Was gehört doch für ein Aufgebot von sittlicher Kraft und unermüdlicher Energie dazu,, auf diesem Pfade immer die Redlichkeit und Ehrlichkeit gegen alle zu bewahren und zu bewähren, die mit uns den gleichen Weg ziehen. In einer Zeit, die des Redlichen lacht und ihn für beschränkt nnd einfältig hält^ die den Listigen als klug und den Hinterhältigen als weise'erklärt, welch' ein Muth gehört in einer solchen Zeit dazu, unter so viel Klugen als der einzige Thor zu gelten.. Und es gehört doch nur ein wenig Unredlichkeit, ein wenig Heuchelei und Schmeichelei, eine kleine Dosis Charakterlosigkeit und Connivenz dazu, um auch unter die. Klugen rangirt zu'werden! Wer könnte sagen, daß er im langen Laufe des Jahres, der Jahre niemals dieser'Versuchung erlegen, niemals von der geraden Bahn der Pflicht abgewichen, niemals sich an der Dummheit des Andern sich zu bereichern gefühlt, niemals über den Mitbewerber um die Güter des Lebens den Mitmenschen und Bruder vergessen oder verleugnet hätte? Wo wäre derjenige, der nie ein Wort' der Bösrede gegen, den Nächsten gesprochen oder ihm doch willig das Ohr geliehen hätte, der Keinen bewußt oder unbewußt in seinem Vermögen gekürzt oder in seiner Ehre gekränkt hätte, der jederzeit mit Herz und Hand für den Nothschrei der Armuth zur Linderung und Milderung bereit gestanden, ja, der ohne diesen Schrei aus eigenem Antrieb die Gelegenheiten aufgesucht, um zu helfen, zu fördern und zu lieben, in einer Zeit, deren Kinder so oft kalt und theilnamslos dastehen beim Blute des Nächsten? Wer könnte auch nur im Hinblick auf diese rein menschlichen Anliegen glauben, er sei niemals von der geraden Bahn abgewichen, so daß er nur in seiner bisherigen Weise fortzugehen brauchte, ohne daß auch ihm die Mahnung zur Rückkehr gelte? ' ' Und nun erst, die spezifisch jüdischen Pflichten, der . Thora, Aboda'und'des Gemillus Chasodim! - Der Kenntniß des 'Gesetzes und" der' immer tieferen Durchdringung'unseres ganzen Wesens mit seinen Anforde-' rüügen. die Gewinnung und Erziehung unserer Kinder ' . für dieses Gesetz und für seine praktische Verwirk- lichung in unserem eigenen Leben^ wie in demjenigen der Familie und der ganzen Gemeinde? Ist wirklich alles bei uns, bei unserer Familie und Gemeinde, ist alles so bestellt und geregelt, daß wir nur fortzufahren brauchen in der bisherigen Weise, und es nirgends von nöthen ist, die bessernde Hand hier walten zu lassen? Wie Vielen, wie Wenigen dämmert im Drange der Geschäfte, im Rausche der Zerstreuungen und Vergnügungen auch'nur der Gedanke auf, diese Anliegen' zum Gegenstand der Erwägung zu machen! Und wenn Jemand auch daran dächte, so genügt hier der bloße Gedanke nicht. Er muß sich in Worte kleiden, ungeschminkt muß uns unser Unrecht zum Bewußtsein gebracht werden, indem wir uns es aussprechen, und es ausdrücklich uns vor Gott bekennen: um« hzx „Wir haben in Wirklichkeit gefehlt!" Je weniger das Judenthum eine Beichte kennt,^die das Bekenntniß der Sünden einem anderen, schwaWd, fehlenden Menschen zur Sühne ausspricht, um so ent-, schiedener dringt es darauf, daß wir unser Unrecht uns selber vor Gott bekennen, daß wir es uns sagen: „Ich habe den Sabbat entweiht, ich habe die Gesetze über Speise und Trank, über Reinheit und Keuchheit. über Schaatnes und Ribbis, und welche es auch immer sein mögen, leichtsinnig übertreten und bereue diese Uebertretung. Aber von jetzt ab und weiter rufe ich Gott, der jede geheime Regung unseres Innern kennt, als Zeugen für die Wahrhaftigkeit meines Vorsatzes an, nie mehr in dieses Unrecht zu Verfällen, auch durch keine Leidenschaft, keine Versuchung, durch keinen Spott und Hohn wieder mich von meiner Lebenspflicht weglocken und wegdrohen zu lassen." Als Beweis für die Aufrichtigkeit dieses Vorsatzes sucht der so zu Gott Zurückkehrende dasjenige Unrecht wieder gutzumachen, bei. welchem eine solche Wiedergutmachung noch möglich ist. Es ist dies besonders bei solchen Vergehen der Fall, die durch den Verkehr mit anderen im Laufe des Jahres veranlaßt wurden. Deshalb führt diese Zeit die Eltern den Kindern und die Kinder den Eltern wieder zu. Die Geschwister, die Glieder der Familie, der Gemeinde, alle, die im geschäftlichen Verkehre miteinander gestanden, lassen diese ihre Beziehungen im Geiste an diesen Tagen vorüberziehen, und.wo der Eine dem Andern zu. nahe getreten, und es an der Rücksicht, der Achtung und Menschenliebe fehlen ließ, erbittet und verlangt er die Verzeihung des Gekränkten und Beleidigten, gibt er das unrecht Angeeignete wieder zurück und stellt so die unterbrochenen guten Beziehungen wieder her. Nur wer so die Vergehungen zwischen Mensch und Mensch gesühnt hat, darf auf Sühne für das unmittelbar gegen Gott begangene. Unrecht von Seiner Gnade erhoffen:- v- Diese der Rückkehr folgende Versöhnung bringt der Jom Kippur. Aber er bringt sie nur denjenigen, die wirklich mit dem redlichen Vorsatz an diesen Tag-heran-

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