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Der Israelit · 1902-11-17 · Heft 91 (17.11.1902) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 91 (17.11.1902)
Date
1902-11-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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I I 1;j j •M I I; 1915 „Abgesehen vom Czaren, ist der Kaiser von Oesterreich der europäische Fürst, der die meisten israelitischen Unterthanen zählt, fünf vom Hundert, während in Deutschland das Verhältniß sich nur wenig über ein Prozent erhebt. Kaiser Franz I. soll, als er zum ersten Male nach Lemberg kam, ausgerufen haben: „Jetzt sehe ich, weßhalb ich den Titel König von Jerusalem führe." In Wien ist der zehnte, in Pest der fünfte Theil jüdisch; Prag hat über dreißig Synagogen. Was an Energie und Frugalität in der verweichlichenden Athmosphäre des Neichthums verloren geht, das wird mehr als ersetzt durch den ununterbrochenen Zuzug frischer Kräfte aus galizischen und ungarischen Dörfern. Das ist gewiß sebr wichtig, aber ist doch nicht das Entscheidende. Herr Whitmann prophezeit nämlich den Juden eine herrschende Stelle in der Habsburgischen Welt. Die wahre Ursache hat Moltke (übrigens in anderem Zusammenhänge) mit den Worten ausgesprochen: „Zur Herrschaft führt aller Orten und zu allen Zeiten die größere Geschicklichkeit." Aeußere Begünstigungen stehen den Juden in Oesterreich-Ungarn nicht zur Seite; im Gegentheil, ste haben mit Abneigung und Vorurtheil, sogar mit heftiger Feindschaft vieler Mitbürger zu ' kämpfen.. Ihre Erfolge sind daher „das genaue Maß der Schwäche rer Anderen." Diese Bemerkung des Herrn Whitmann sollten die Antisemiten außerhalb Oesterreichs in Erwägung ziehen; sie gilt auch für andere Länder. Jede Raste, die — bei gleicher Vertheilung von Sonne und Wind — einer anderen Raste unterliegen zu wüsten erklärt, stellt sich ein Zeugniß der Inferiorität aus. Rach Herrn Whitmann's Ansicht (der kein „Philosemit" ist, aber gerecht sein will) beruht der Erfolg der Judcn.nicht allein auf ihrem Verstände, ihrer Beharrlichkeit und Geschicklichkeit, sondern auch auf ihrem starten Familiensinn, ihrer Eintracht und ihrer. Hilfsbereitschaft Der verbreitetste Vorwurf, daß sie nämlich im Geschäftsleben gewissenlos seien, sei von allen am wenigsten berechtigt. Die ärgsten Schwindeleien der letzten zwanzig Jahre in Paris, London, Newyork seien fast ausschließlich „das Werl des Kaukasiers" oder, wie man bei uns sagt, des Ariers. Alle Generalisirungen sind nicht ohne Fehler, aber man kann auch aus solchen Einblicken in Gebilde, von denen unsere eigene Zukunft abhängen kann, viel lernen, und mit Recht betont Gildemeister, der kürzlich verstorbene Bremer Bürgermeister, mit dem leider einer der Journalisten dahingegangen, die man mit kommandirenden Generalen vergleichen konnte, daß die wirkliche, nicht blos theoretische Gleichstellung der Juden in Deutschland fehlt, wie sie in Oesterreich fehlt, „und bei uns ist der Mangel noch weniger entschuldbar als bort;?'. fügt. er-hinMn nj- . =: Prag, 14. Nov. Am verflossenen Mittwoch feierte der rühmlichst bekannte Gelehrte. Dr. Heinrich Brody, Nabb. in Nachod, im Hause seines Schwiegervaters. Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld-Prag, die .jfc. - n^oigeiet seines ersten Söhnchens. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich wieder, daß der alte Glanz, der? einst als cm ly rühmlichst bekannten Prager Gemeinde noch nicht ganz erblaßt ifL Eine kleine, zu den Zierden der jüdischen Gesellschaft zählende Gesellschaft aus allen Berufskreisen, die sich alle zur Orthodoxie zählen, hatte sich zu dieser schönen Feier versammelt. An der dem rituellen Akte folgenden Tafel bemerkten wir u. A. den Nestor der Prager C.' G.-Repräsentanten Schriftsteller S. Kohn, der als Ahronide in schönen Versen dem neuen Weltbürger seinen Segen ertheilte. Ferner C. R. Adv. Dr. Fischer, Rabbiner, Rechtsan- V walte, die 'Herren S. und G. Lieben, Rabb. Knopfelmacher, Lehrer, Kaufleute u. v. A. ' f Nachdem Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld in kurzer, aber markanter Ansprache seine Gäste begrüßt hatte, sprach der n'ic ein nb'2 nsSn isi. Hieraüf toastirten Schriftsteller S. Kohn, Prof. Dr. Risch, Dr. Klotz, Dr. Thieberger, R.-A. Dr. Jeiteles, Rel.-Lehrer Leihen im Namen des Lehrkörpers der Thalmud-Thoraschule, deren Inspektor Herr . Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld ist, Herr Gabriel Lieben u. A. m. Die Gemeinde Nachod, dem Wirkungskreise des Rabb. Dr. Brody, war durch eine Deputation, mit Herrn Vorsteher St'remsty an der Spitze, vertreten. Als Mohel fungirte der ob seiner fachmännischen Tüchtigkeit und seiner strengen Religiosität in unserer Stadt bekannte Herr Löb Austerlitz. Gegen Mittag trennte sich die Gesellschaft in der animirtesten Stimmung. . Troppan. (Das „R i t u a l m o r d " -Mä r- - ch e n.) Vor einem Erkenntnißsenate des hiesigen Landesgerichts unter Vorsitz des Landesgerichtsrathes Peschek hatte sich die früher bei dem Delikaiessenhändler Leopold Adler. in Jägerndorf bedienstete Dienstmagd Marie Hanel wegen Verbrechens des Betruges durch Ablegung einer falschen Zeugnißaussage, sowie wegen- Verbreitung falscher, Unruhe in der Bevölkerung erzeugender Gerüchte nach Paragraph 308 St.-G. zu verantworten. Marie Hanel hatte gegen ihren Dienstgeber vor mehreren Monaten die Beschuldigung^ erhoben, daß Adler ihr Nachts, während sie schlief, Blut abgezapft habe. Das Mädchen wurde sofort seitens der Gerichtsärzte in Troppau und des Primarius des schlesischen Landesspitals. Dr. Zinsmeister, untersucht. Die Aerzte wiesen darauf hin, daß unbedeutende Ritzwunden auf der Sohle, nur ganz oberflächlich und gar - nicht unter die Epidermis der Haut gedrungen seien, so daß die Vermuthung nahelag, daß sich die Hanel/ eine hysterische Frauensperson, diese Verletzungen selbst j hergebracht " habeiGegen Mft.rie Hanel, die sich als ' Zeugin vor dem Untersuchungsrichter in Widersprüche verwickelt und eine nachweisbar falsche Zeugenaussage abgelegt hatte, wurde die Anklage erhoben./ Leopold Adler hatte überdies wegen der gegen ihn vorgebrach-

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