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Der Israelit · 1902-11-17 · Heft 91 (17.11.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 91 (17.11.1902)
Date
1902-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43* Jahrgang. Literarische wünsche. Es verlohnt sich wohl, von Zeit zu Zeit die Wünsche zu verfolgen, die in der Litteratur des Judenthums laut werden. Denn man lernt hierdurch die Bedürfnisse kennen/und die Kräfte werden in die richtigen Bahnen gelenkt. Vieles wird so angeregt. Manches versucht, um der Nachfrage zu genügen; und unter dem großen Angebot manch' werthvolle Leistung erkannt. Denn euch in der litterarischen Produktion richtet sich stets das Angebot nach dem Bedürfniß, wie es sich in der Nachfrage offenbart. Unsere jüdischen Blätter haben stets etwelche Wünsche. Im politischen und sozialen Leben, das wahrlich so vieles zu wünschen übrig läßt, wünschen wir nunmehr gar nichts. Hier heißt es unausgesetzt die zu Gebote stehenden Rechtsmittel anwenden, auf der einen Seite kämpfen und von Fall zu Fall das Rechtsbewußtsein zu wecken, andererseits allmälig eine Umwandlung anbahnen. — Nicht wenig'.r wichtig und beachtenswertst für unsere Gemeinschaft sind die Aufgaben, die in. der periodischen Presse auftauchen, und an die jüdische Wissenschaft und Litteratur .gestellt werden. Vieles sind eben nur pia desideriä. Denn oft ist es die Unkenntniß, die ein Gebiet der jüdischen Wissenschaft zu entdecken glaubt, und dann Lberzeugungsvoll ausruft, „diese Lücke in unserer Litteratur müßte durch eine entsprechende Bearbeitung dieser oder jener Epoche etc.... ausgefüllt werden." In Wirklichkeit pflegt dann diese Lücke nicht zu bestehen, denn die fragliche Epoche ist gründlich dargestellt, aber, wie das so geht, die Herren haben keine Notiz genommen von diesem und jenem Buche. Seit fast einem Jahre wünscht die reichsdeutsche Presse jüdischen Bekenntnisses ein Buch über das „Wesen des Judenthums." Der äußere. Anlaß war das Erscheinen der Vorlesungen Harnack's unter dem Titel „Das Wesen des Christenthums". Ein Buch, in welchem Harnack sich alle Mühe gibt, alles, was seit dem Bestehen des Christenthums als dessen „Wesen" sowohl in den Grundschriften, wie auch im „Dogma" gilt, säuberlich auszuschalten. Was ihm dann als „christlich" übrig bleibt, ist weder jm historischen Leben des Christenthums nachweisbar, noch auch nur einer begrifflichen Formulirung fähig. „Religion als inneres Erlebnis." ist eine Grundordnung des Judenthums. Diese dient nicht nur dem ganzen Gebäude der jüdischen die Weihe des ganzen Lebens, unsere freiwillige Unterstellung des ganzen Daseins unter das Gyttesgesetz — sondern sie ist uns in den heiligen Büchern mannigfach vorgelebt. Die heiligen Psalmen mögen hier-als Beispiel dienen. Aber abgesehen davon, Daß. Harnack dem Wesen seines Bekenntnisses allen Inhalt raubt, ist seine Problemstellung eine durchaus zwiespältige. An-. , fangs bemüht er sich in einer Reihe von Verneinungen, den historischen Ereignissen aus dem Wege zu -gehen.', Sowohl, was die Begründung, das Auftreten der. be-?. handelten Lehre betrifft, wie auch in Bezug auf die Ge- . schichte der Kirche. Ja, er weist jede soziale Werthung der Lehre ab,, die er verstehen soll. Das Milieu, welches . für jede historische Erscheinung werthvoll-und in erster Reihe beachtenswerth ist, läßt er grundsätzlich, .äußer ' . Acht. (S. 86 ff.) Die begrifflichen Wertste, also die Lehre, sie ist für ihn eine nothwendige „zeitgeschichtliche Hülle." So bilden die höchsten Wahrheiten seiner Berichte lediglich „zweckmäßige Formeln für jene Zeit". (S. 128.) Er entweiht den historischen Boden für die Veurtheilung seines Gegenstandes, und macht die Er-? - scheinung des Christenthums zu einem Luftgebilde, das -weder aus nothwendigen geschichtlichen Voraussetz-., ungen erwachsen, noch auch zu einem Kreise als soziale Botschaft gelangte. .- ' Schließlich bleibt es ihm — aller-begrifflichen Wahrheiten haar —..als. ein sozial-ethischer- Factor.von., jetzt ab und weiter. (S. 188—189.). . ../ .? V;- Wer diese kurze. Andeutung verfolgt .und das. innerlich Widerspruchsvolle in der ganzen Darstellung. Harnack's einsieht, wird bewundert fragen: . also diese . kleine, schwach fundirte Schrift konnte die Journalistik. 7 der Neologie zum Feldgeschrei veranlassen?". Nun .- wahrlich, ich lese es nicht ohne Beschämung, wenn in - einem Blatte, das die „Interessen des Judenthums" zu vertreten vorgibt, beständig Harnack als Muster.für jüdische „Theologen" hingestellt wird. Der „Harnack-: des Judenthüms" wird in seinem Kreise gesucht,, der Mann, der alle „Unebenheiten Überdrücke." - Und das läßt sich die „ncologe Wissenschaft" von ihrem offiziellen Organe bieten. Ist dies nicht eine unerhörteLllißachlung aller jüdischen Wissenschaft? Was sagen denn, jene Herren, die berufsmäßig das Judenthum „wissenschaftlich begründen" — denn dies behauptet die Reformerei seit Jahrzehnten — wenn ihre Thätigkeit als. rückständig bezeichnet wird. Oder stammen jene Tiraden in der „Allg. Zeitg. d. Judenth." von. einem Herrn, der sein Publikum für eine bald zu erscheinende „Har- .nackiade mit jüdischem Profil" vorbereitet?.. Jmnrerhin -UMG^rMeyMg- M AnKrarbertd lMies. Me- ZeUung natürlich nicht fehlen. 'So erschien in Nr. 38 der „Zeitung" ein Aufsatz: „Aus dem Diesseits über; das Jenseits." In diesem werden zunächst einige

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