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Der Israelit · 1902-11-17 · Heft 91 (17.11.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 91 (17.11.1902)
Date
1902-11-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1911 K e tt I S I e I 0 tt. lu§ iien Wm eines lltktpifip. Nach dem Hebräischen von M. E Eisenstadt. 3. Marcheschwan. Lieber Freund! Ich habe die Ehre, mich Dir als „Schreiber" ovrzustellen, und dies ist nunmehr auch der offizielle Tiiel,. unter dem ich in unserer Vaterstadt auftrete. Ich denke. Du hast das Leben und das Treiben in unserem kleinen Städtchen noch nicht vergessen, und so halte ich es für überflüssig, Dir erst das Wesen und den Beruf eines „Schreibers" näher auseinanderzusetzen. Als das Laubhuttenfest vorüber war, sah ich mich nach allen Seiten um, und merkte, das mir nichts anders übrig blieb, denn Schreiber zu werden. Mich nach Schülern umzusehen und mir ein Cheder (Kinderschule) aufzumachen, war schon zu spät; ich war ohnehin dieser Thätigkeit überdrüssig geworden und auch meine Frau widersetzte fich dem, außerdem gibt es bei uns der Melamdim nur zu viel. Als Lehrer des Russischen aufzutreten und Privatstunden zu geben, fehlt es mir an der nöthigen Unverfrorenheit. Freilich verstehe und kann ich diese Sprache weit besser, als der wackere Jüngling 3E., der russische Privatlehrer bei uns. aber dieser rasirt stch den Bart, wichst sich den Schnurbart, kleidet sich „modern", zeigt sich auf der Straße nie ohne Handschuhe, dazu wohnt er bei einem Christen, hält sich von der jüdischen Bevölkerung so fern als möglich, dadurch imponirt er den Reichen, und sie halten ihn für einen großen Gelehrten. Auf diesem Gebiete kann ich mit ihm natürlich nicht konkurrircn. Ich steckte mir ein bescheideneres Ziel und wählte den Beruf als „Schreiber", d. h. sechs, sieben Knaben oder Mädchen versammeln stch in einem Zimmer und ich ertheile ihnen eine Stunde lang Unterricht im Schönschreiben. Mein Honorar beträgt fünfzehn bis zwanzig Kopeken pro Kopf. Solcher Stunden habe ich neun im Tage. Gleich am Anfänge gewann ich gottlob den Ruf in der Stadt, daß ich entzückende Schnörkel, Arabesken und Zickzack zu schreiben verstünde, daß ich somit ein Meister in der Kalligraphie sei. Die Schüler und die Schülerinnen strömten also in hellen Schaaren zu mir herbei. Alles in allem verdiene ich gegen zehn Rubel monatlich, wir können also, wie Du, recht bequem leben und auch langsam die Schulden an den Bäcker und Krämer abzahlen. _ . . ,.,, m; Heute begegnete mir auf der Straße die- Frau des alten' Jakob „Schreiber" und schüttete ein gehäuftes .Maß von Verwünschungen und Schimpfreden über mein Haupt aus: ich hätte ihrem Manne und ihren ' Kindern das Brod aus dem Munde genommen, durch meine Konkurrenz. Ich verhüllte mein Gesicht und antwortete keinen Ton. Ich empfand aufrichtigen Schmerz und Mitleid mit dem Greis, der ja auch mich . einst in die Geheimnisse der Schönschreibkunst eingeweiht hatte, aber die harte Roth hat mich ja zu diesem Schritte gezwungen. 20. Kislew.^ Lieber Freund! - Bei mir hat sich nichts geändert. Morgens gehe ich zur Arbeit aus und Abends kehre .ich müde und erschöpft nach Hause zurück. Jakob „Schreiber" sprengte das Gerücht aus, ich hätte öffentlich den Sabbat entweiht. Aber das hat ihm nichts genützt und mir nichts geschadet. Ich könnte beinahe sagen, daß das Gcgentheil von dem eingetreien ist, was der arme, alte Mann beabsichtigte. Rur zwei Väter haben aus- ' gehört, mir ihre Kinder, anzuvertrauen. Die anderen dagegen machen Folgendes geltend: Wenn unser „Schreiber", sagen sie, ein Melamed wäre, dem es obliegt, unsere Kinder in der Gotteslehre zu unterrichten, so würden wir von ihm einen frommen, gottesfürchtigen Lebenswandel fordern, damit er nicht, Gott behüte, unsere Kinder vom rechten Weg ablenke; was aber , die „Schreiber" und die Lehrer der Profangegenstände .treiben, ist uns gleichgiltig, die sind allzumal leicht-- fertige Subjekte. Wie gefällt Dir diese Logik und diese Toleranz? . - ■ v •’ .-X .... 14. Kislew..? Lieber Freund!;:; Meine Berufstätigkeit setze ich ununterbrochen ' fort, aber meine Nerven sind furchtbar angegriffen von der schweren Arbeit und dem ungeheuren, betäubendem Lärm, den meine Jüngerschaar , den ganzen Tag über 7 bis spat in den Abend hinein verursacht. Anfänglich dachte ich, die Arbeit eines „Schreibers" sei eine reinliche und unschwere. Was wird denn im Grunde von mir verlangt? Weder Sprachenkenntnisse, noch Rechnen, überhaupt keine systematisch abgegrenzten Kenntnisse, sondern nur, daß ich den.Kindern eine schöne Schrift beibringe. Mir liege also nichts ob, als dem Knaben oder dem Mädchen ein paar Zeilen vorzuschreiben, die das Kind dann nachzumalen sich bemüht, bis es hierin eine gewisse Uebüng erlangt hat. So dachte ich anfänglich. Die Erfahrung hat mich eines - Besseren belehrt. Es gibt im Grunde nichts Schwereres, als Schreibunterricht zu ertheilen. -Das Steine- . klopfen ist leichter und angenehmer. Jeden Tag umringen mich die Schüler von Neuem und verlangen, * „ein paar neue Zeilen" vorgeschriebe» zu bekommen--da-^ -ihnen'die-, früherennbereitß z^wideAs^ren)jnSobg^ jfijjjQ die Kinder an die Buchstaben gewöhnt haben, iverden " sie ihrer überdrüssig. Weigere ich mich aber, so kann es mir schlecht bekommen. .Gestern. saß ich gerade im

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