Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1902) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449868--56770-2519456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gesprochen werde, damit kein Unwürdiger sich mit dem höchsten Titel des Judenthums schmücke! Das geht zwar nicht mit Evidenz aus Punkt 6 der Versammlung von anno 1603, der hierüber handelt, hervor: aber vielleicht ergibt sich das aus dem Original- Wortlaut des diesbezüglichen Beschlusses. Das aber wäre interessant sestzustellen, was die Versammlung von damals und was die von jetzt unter einem Unwürdigen versteht! Was Rabbi Samuel ben Elieser von Friedberg und seine sämmtlichen Genossen wohl von der Qualifikation eines Rabbiner-Verbandes gehalten batten, der sich von einem Vorsitzenden leiten läßt, der für seine Person rabbini'sche und biblische Satzungen öffentlich verletzt, der snns xene bei einer D2' die Trauung vollzieht, und sich hinterher als Schirmvogt des Rabbinerstan.des aufspieltdaß kein Unwürdiger in denselben eindringe. Und da soll man sich noch wundern, wenn sie keiner ernst nimmt, wenn man sie in ihrem Wolkenknkusheim ruhig ethisches Pathos verzapfen läßt, und mit Achselzucken über sie zur Tagesordnung übergebt? Die Rabbinen ehrlichen, alten Schlages von vor dreihundert Jahren haben das Verbot des religionsgesehlich unzuläßlichen Weines und der Milch durch Nr. 4 und Nr. 10 ihrer Beschlüsse auf's neue eingeschärft. Sie hätten jedem die Qualifikation zu jeder Funktion abgesprochen, die irgendwie religiöses Vertrauen erfordert, wenn er sich über diese Speiseverbote leichtsinnig hinweggesetzt hätte. Sie hätten einen solchen als Zeugen, als Schochet, und gar als Rabbiner' nach dem Gesetz der Thora für unfähig erklärt. Und da kommt nun diesen Sommer in Frankfurt 6.. M. eine Anzahl Rabbinen zusammen, von denen neun Zehntel das skrupellos genießen, was ihre Altvordern mit der ganzen Kraft ihrer Autorität. verboten haben und möchten doch den Anschein erwecken, als seien die vor dreihundert Jahren versammelten Rabbiner nichts als ihre Vorahmer gewesen, Rabbiner hier, Rabbiner dort, zwischen denen eigentlich kein Unterschied sei, als ein paar Hundert Jährchen! Und bei all der Schlauheit und Verschlagenheit, mit der alles eingefädelt und plausibel gemacht wird, es sei eigentlich gar kein Unterschied zwischen dem “cj? rr und dem nw ab, bricht plötzlich der Schalk in.Gestalt schmalstirniger Beschränkheit durch, carricirt lind .verräth sich selber und referirt: in den ehrwüdigen Beschlüssen von anno dazumal käme merkwürdigerweise manches zum Ausdruck, was auch uns beute auf's tiefste bewegt. Merkwürdigerweise? Wenn die Verbandsrabbiner von heute wirklich dasselbe wollen, dasselbe anstreben, von demselben Geist und demselben Fleisch sind, wie die alten, wäre dann nicht das Gegentheil merk würdig, wenn das, was eine Versammlung von Nab binern damals bewegte, sie nicht auch heute noch echauf firte? Wir haben ja noch dieselbe Sonne, dieselben vier Spezies und dieselben Tugenden, und dieselben Schwächen, wie vor dreihundert Jahren, und auch dieselbe Thora! Oder nicht? Ist die nviv von vw ist das vv'vz p vib* wirklich für die treibenden Elemente des Rabbiner-Verbandes nicht mehr vorhanden, nicht mehr verbindlich, wo nehmen sie dann den Mnth her, sich und unsere großen Altvordern, sich und die alten, hehren Rabbiner-Ideale in einem Athemznge zu nennen? - - - - - V- Was aber allem Bisherigen die Krone aufsetzt, das . ist die findige Art und Weise, wie da der Glaube erweckt werden soll, als hätten die Rabbiner von vor dreihundert Jahren einen Theil an dem Chillul Haschem, den die heurige Frankfurter Rabbiner-Versammlung durch ihre unerhörte Art der Behandlung des Mädchenhandels vor Gott und der ganzen zeitgenössischen Judenheit zu verantworten hat^ y Das verdient ein Kapitel für sich, y (Fortsetzung folgt.) yj "; Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. De u t s ch l and. - y B?.nn, 29. Sept. (Dringende Bitte.)Äon einem christlichen Augenzeuzm wurde mir berichtet, n welchem bejammernswerthen Zustand unsere rumänischen Brüder und Schwestern in Basel ankommen. Es müßte den roheste und fühklosestcn Menschen erschüttern, wenn er die Leidensgestalten dieser unglücklichen Menschen betrachte. Zerlumpt und frierend schleichen diese Armen über den Perron, blaß und verstört aussehend. Mütteagen fast nackte Kinder - auf-' den Armer;nd suchen sie an ihren seltstfrie. enden Körpern zu erwirmen; viele führen noch kleine.'Kinder an der Hand und selbst d'cse Kleinen sind so vcthdürftig gekleidet, daß sie sicher den kommenden kalten Nächten erliegen müssen. •' - -y.'; - Theure Brüder und Schwestern! Das hier Mitgetheilte ist nur das Bruchstück einer Schilderung von Elend und Schrecken, wie sie nur il^Vurenkriege. vorgekommen sein mögen. Aber hier-enkfaltet sich unmittelbar vor unsiren Augen ein Massenelend, mitten i int Herzen Europas und nicht etwa in einem fernen Welttheil. Hier handelt es sich um Exilirte^ denen so: gut wie keine Sympathien und nicht einmal nuv - ein- - geringer Theil von Mitleid und Hülfe zu theil wird-: wie den Buren. Arme, hungernde, blutlose, obdach- und heimathlose Juden, mit vor Kälte zitternden Kindern und Frauen, die sich um keinen wärmenspendenden Ofen setzen, in kein schützendes Bett legen, - in . keine wärmenden Kleider schlüpfen können, harren, unserer Hülfe. Ungewöhnlich früh haben die kalten Nächte eingesetzt und in diesen kalten Nächten, während Ihr in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.