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Der Israelit · 1902-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43» Jahrgang. •iro Miütt-IkksMNlMM kW Mitz jetzt. .' I. Berlin, Ende Elul. Das Jahr geht zu Ende und mich drückt noch eine Schuld, die ich nicht ungetilgt in's neue mit hinüber nehmen möchte. Sie datirt von der diesen Sommer in Frankfurt a. M. abgehaltenen Rabbinerversammlung her. Das Fiasko, das sie wieder gemacht, hat gewiß auch anderen die Frage nach dem Unstern nahe gelegt, unter welchem alle deutschen Rabbinerversammlungen geboren sind, die in den jüngsten sechs Decennien in Deutschland getagt haben. Je mehr man den unverwüstlichen Optimismus und den unerschöpflichen Muth anstaunt, der nach diesen Erfahrungen seitens unserer Rabbiner dazu gehört, sich durch ihre Versammlungen immer neue, stärkere Schlappen zu holen, umsomehr bedauert man, daß dieser Heroismus unserer Seelsorger sich auf ein Gebiet kaprizirt, auf dem ihm nichts weniger als Lorbeeren wachsen, daß er dagegen anderwärts so . schmerzlich vermißt wird, wo er doch so sehr am,Platze wäre.; Woher kommt das? Habe ich mich und andere, und haben andere mich gefragt und habe immer gehofft, daß der eine oder andere dieser Anderen, die der jüngsten Räbbinerversammlung persönlich, sachlich und geographisch viel näher stehen als ich, die Antwort einmal öffentlich mit der ganzen erforderlichen Entschiedenheit und Eindeutigkeit geben werde. Diese Hoffnung hat sich bis heute nicht erfüllt. Soweit mir die jüdischen Zeitungen zugänglich sind, habe ich ein kräftiges Wort zur Beleuchtung dieses Jammers nicht darin gefunden, und wie ich gleich .hinzufügen will, auch nicht gesucht.*) Es ist wahr, seine Freude hat Niemand mit dieser Versammlung gehabt. Aber die meisten haben sich um den Skandal mit Glacehandschuhen gedrückt und sich darauf beschränkt, nur trocken über die Verhandlungen zu referiren, auch hie und da einmal eine abweichende Ansicht in zahmen, verbindlichen Formen einfließen lassen; das war aber auch alles. Die zionistischen Blätter haben allerdings laut; dagegen gepoltert; aber das hätten sie auch gethan, wenn . die Versammlung keinen so kläglichen Verlauf genommen hätte. Die Entrepreneure des Rabbinerverbandes haben seinerzeit gegen den Zionismus öffentlichen Protest erhoben, also protestiren die Zionisten gegen , die *) Warum ich von dem Gros derjüdischen Zeitungen kein kräftiges Wort gegen diese und andere MiKstände erwarte, das ersor- :,dert eine Monographie für sich über unser jüdisches Zeitungswesen und Unwesen die ich mir für ein andersmal Vorbehalte. Protestrabbiner, und lassen keinen Anlaß vorübergehen» ohne ihnen etwas am Zeuge zu flicken. Dabei sehen sie alles durch ihre zionistische Brille, und haben bei aller Gegnerschaft das, worauf es hier ankommt, nicht einmal mit einem Worte gestreift. Was bei Kennern unserer Vergangenheit und Gegenwart dem Faß den Boden ausgeschlagen hat, das ist der Hinweis eines Redners auf. eine vor dreihundert Jahren stattgehabtr Versammlung deutscher Rabbiner , in Frankfurt a. M. Diese Parallele hat auch mir die Feder in die Hand gedrückt und ein eingehender Vergleich hat mich allerdings überzeugt, daß hier in der That das wesentlichste geometrische Charakteristikon von Parallelen vorliegt, die sich in derselben Richtung bewegen, aber trotzdem keinerlei Berührungspunkte haben. Ich sehe jedoch von dem, was an diesem Vergleich hinkt — und es hinkt alles — zunächst vollständig ab. und nehme einen Augenblick an, es stimme alles. Aber dann muß man doch erst recht fragen: Heute hat in Frankfurt eine Rabbinerversammlung stattgefunden und ebenso vor dreihundert Jahren, die heurige hat sich und die jüdische Sache in ganz unverantwortlicher Weise bloßgestellt, während die vor dreihundert Jahren stattgefundene noch heute mit höchster Anerkennung gefeiert wird. Die heurige hat sich und ihre Mitglieder blamirt, die von vor dreihundert Jahren hat einen so blanken Ehrenschild, daß sie ihren Epigonen nach dreihundert Jahren noch als Folie dienen soll, die neue hat deklamirt, die alte hat gehandelt, die neue, obwohl sie noch nicht so viel Monate alt ist, als die alte Jahrhunderte, ist bereits so total vergessen, daß man den Jahreswechsel als Entschuldigung Vorbringen muß, um nur noch von ihr zu reden, während die alte noch heute ln ihren Wirkungen fortlebt. Worin liegt das Kriterium, das die Rabbinerversammlung von einst, von den modernen, wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein, unterscheidet? Wer erklärt mir Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur? Ich glaube, daß diese Verschiedenheit auf Ursachen beruht, die zum Theil so offen da liegen, daß man sie mit Fingern greifen kann, zum Theil aber auch auf Momenten, die nicht so an der Oberfläche haften. Die erste Kategorie mag hier zunächst erörtert werden. und zwar an der Hand des Vergleichs zwischen der alten und der modernen Frankfurier Rabbinerversammlung, wie ihn die Herren selber gezogen haben./ ,. . Nach dem mir vorliegenden. Referate, der . hiesigen „Jüdischen Presse"*).vom'11. Juli erinnerte.her^Red- *) In einem Anklug von mir sonst fremder Naivität batte ich zuerst die Absicht diesen Aufsatz der »Jüdischen Prelle" zur Veröffentlichung zuzustellen. Aber noch rechtzeitig wurde mir mitaetheist. datz ein Rabbiner. dem das . Treiben des VerbandS-Präsidenten doch zu bunt wurde, die Redaktion angefragt hatte, ob sie einen

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