Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1902)
- Date
- 1902-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Unglück in mein Haus gezogen. — —. O Schmerz! O Kummer! ergreifet, mich und reißet die unvernarbte Wunde wieder weit auf, daß ich Blut, statt Thranen weinen tonnte! O wäre sie doch lieber gestorben, in meinen Armen gestorben! Ich würde den Trost finden, den alle verwaisten Menschen finden. In Gott, auf ihrem jüdischen Grabe. Ich würde sie unter den seelig Verklärten, bei ihrer Mutter wissen, und ihr Geist möchte sich, gleich dem ihrer Mutter, über meine morschen Glieder und müde Seele, Balsam träufelnd, senken. Aber sie ist lebendig verschollen, und ihr Leben ist's, das meine Wunde nicht vernarben laßt. 7— Ja, sie lebt und vielleicht gefallen — in Sünden — ach! Fünfzehn Jahre! Noch, mein Gott, will ich auf Dich vertrauen! Führe mir doch meine-holde, geliebte Tochter wieder in die Arme! O Geist, 0 Seele meines theuren Weibes! warum beschwöre ich Dich umsonst, daß Du mir eingebest, was aus unserem Kinde geworden?" — . Mit diesen Klagen und Seufzern lief ein alter Mann in seiner einsamen Stube auf und nieder, zerraufte sich im Schmerze sein graues Haar und seinen weißen Bart. So übermenschlicher Schmerz kehrte alljährlich am Abend, Leim Scheine des Seelenlichts, wenn der Unglückstag wiederkam, in das Herz des alten Mannes zurück. Wenn die Leute des Städtchen D.. die vorbei gingen, dies hörten und sein wildes. Gram verzerrtes Gesicht sahen, sagten sie mit mitleidigem Bedauern: „Ja der wahnwitzige Adamoviks mit seiner fixen Idee von der Wiederkehr seiner Tochter. Gott soll alle jüdischen Kinder behüten!" Jetzt begann er heftig und laut zu schluchzen. Das war immer ein Beweis, daß der wilde Schmerz sich legte. Er setzte sich erschlafft an den Tisch. Aus dem- ' selben bemerkte er jetzt einen Brief, er erbrach ihn. Derselbe war von seinem Sohne aus W. Er erschrück. „Theuerster Vater!" stand im Briefe. „Durch unaufschiebbare Inanspruchnahme kann ich Dich dieses Jahr an unserem Trauertage leider nicht besuchen, nur schriftlich Dir meinen Trost Das Gesicht des Alten verfinsterte sich, der Brief entglitt seinen Händen. Der Thr'änenstrom blieb stehen. Dann legte sich auf einmal ein verzerrtes Lächeln um seine Züge. Er glich einem Geisteskranken. Der Schmerz war zu groß, er konnte die Abwesenheit des tröstenden Sohnes nicht entbehren. , -' : : ::- „So bleibe, böser Söhn!" rief er plötzlich, wüthend auffahrend, „und komme Du, geliebte Tochter," setzte er mild flehend hinzu. „Komme, meine Lea, an mein Herz und höre noch einmal, wie es für Dich schlägt. Komme und küsse noch einmal meine Lippen, bevor sie aufhören. Deinen süßen Namen zu sprechen. — — Horch! Horch? sie kommt! Ja, sie kommt, die gute, fromme Tochter; mit ihrem braunen Haar und ihren : schwarzen Augen. Wie schön sie geworden ist, ganz die Mutter. Auch die Narbe an der rechten Hand, wie die Mutter. Ja, sie.\ In diesem Moment — er läuft zur Thüre — hört man Tritte. Der junge Dr. Adamoviks war eben mit seiner Verlobten angelangt und sie war es, die zuerst eintrat.. - '...: - ••; . „Sch'ma Jisroel! Mein Kind, meine Tochter Lea!" rief der alte Mann aus. „Die Narbe an der rechten Hand —--" und er stürzte ohnmächtig zur Erde. : „Mein Vater! Mein Vater!" schrie sie: „Meine Schwester!" rief der junge Doktor. „Rettung! er stirbt!" — — — - - Leute kamen gelaufen. Man labte den Alten und legte ihn auf's Bett. Er kam zwar zu sich, konnte jedoch blos die Worte hervorbringen: „Ihr seid Bruder. und Schwester!" und starb. Die Freude hatte ihn ge-. tödtet. —. Wochen-Kalenöev. Mittwoch, 1. Oktober. 30. Ekul, N2VN VU1 sn&. Feiertag-Anfang in Mainz nnd Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. Donnerstag, 2. Oktober. 1. Tischri. n**.VK ev. Freitag. 3. Oktober. 2. Tischri. n:c?n wn'a vn. Sabbat-Anfang in Mainz n. Frankfurt a. M. 5 Uhr 30 Min.— Samstag, 4, Oktobers 3. Tischri. N21V N2V. Sabbat-Ausgang in Mainz und Frankfurt am Main 6 Uhr 45 Min. — Berlin ü Uhr 20 Min. — München 6 Uhr 27 Min.. — Hannover 6 Uhr 33 Min. — Stuttgart 6 Uhr 36 Min. — Prag 6 Uhr 15 Min. — Straßburg 6 Uhr 45 Min. — Posen 6 Ubr 16 Min. — Stettin 6 Uhr 14 Min. t _ . Poris. onn. Aohai^drr rweiten^ Gttlaa«: Jüdische'Sprichwörter und Redensaten. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Königsberg i. P. England: London. ' . , Inhalt der dritten DeUage: Die rum. Regierung u. die Judenauswanderuug. — Zeltlmgsnachrickrten nnd Corresvondei^ein Deutsch- Berlin. Hamburg. Eydtkunnen. Rußland: Minsk. Rumänien: Bukarest. Süd-Arrrka^jinpitadt.-Äprechsaal: R ' Pädagogisch« Beilage: Verein der iüd. Lehrer in den Rabbinatshezirken Emden-Oldenburg-Bremen. Glätter für jüdisch« Geschichte und Litttratur. , v _ , .. ' , , ., Ertra-BeUage».: Glückwünsche zum neuen Jahre. — Luach. — Wand-Kalender. Syenden-Berzeichmsse. land: Rach Osthofen. Stuttgart- VerantworUiche Rcdaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des ^Sraelit". Schottftraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hosbnchdruckerei Actien-Gesellschoft in Mainz. . Hierzu neun Beilagen.- - >