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Der Israelit · 1902-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1902)
Date
1902-09-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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»Nein, nicht sterben, dem Leben, dem erhabenen Däterglauben sollen Sie fortan angehören," betheuerte er begeistert. «Und auch Ihnen," fügte sie schwärmerisch hinzu. «Ja, auch mir!" gab er freudestrahlend zu. „Ich schwöre es!" «Ich schwöre es!" bekräftigte sie. Nun erzählte sie ihm, wie sie erst seit kurzem wisse, daß sie Jüdin sei. Die Oberin habe sie bis vor einigen Wochen sehr lieb gehabt und habe sie bei allen Dingen den übrigen Nonnen vorgezogen. „Die Schwestern," so berichtete sie weiter, „die damals wahrscheinlich schon mein Geheimniß kannten, waren darob sehr neidisch und gegen mich recht falsch. Eines Tages wurde ich zur Oberin befohlen. Bei derselben befand sich ein hoher Geistlicher. Ich wurde von ihnen mit finsterer Miene empfangen. „Wir vernehmen über Dich," Hub der Geistliche an, „zu unserem tiefen, väterlichen Leidwesen, sehr Betrübendes, Dich Beschämendes und Entwürdigendes. Du hieltest Dich nicht auf dem entsprechenden Grad frommer Demuth. Du seiest immer lustig und guter Laune und sagest sogar das heilige Gebet „Ave Maria" mit einer geradezu empörenden' Empfindungslosigkeit. Du müßtest nicht nur so fromm als alle anderen Schwestern, sondern viel frömmer und bußfertiger sein. Denn Du mußt eine reuige Büßerin für Deine arme, verketzerte, nunmehr gerettete Seele bleiben. Du warst Jüdin gewesen und das Kloster hat Dich noch als unmündiges Kind der sicheren Hölle entrissen." Unter Thränen versprach ich reuig zu werden und ich habe mich auch seit jener Zeit nie mehr in meinem heiteren Wesen, sondern stets finster und niedergeschlagen gezeigt. Meine Umgebung meinte, das wäre die echte VLßermiene und. die wahre Frömmigkeit. Aber es war nicht das, es war mein Kummer, meine Seelenpein, die mir bei allen Handlungen das furchtbare und doch so sanfte Wort „Jüdin" in's Ohr raunten. Ich konnte in nichts mehr Befriediung finden. Ich träumte immer von einer liebevollen, jüdischen Mutter, der ich vielleicht entrissen wurde. Was ist Ihnen? Sie zittern," frug sie, sich unterbrechend, Adamoviks erschrocken. «Nichts, als eine trübe Erinnerung," antwortete er."- „Meine Mutter ist vielleicht vor Gram gestorben," erzählte sie weiter, „und dann dachte ich an einen schmerzerfüllten Vater. Ich konnte weder im Gebet, noch außer dem Gebet, weder wachend, noch schlafend Ruhe finden. Immer zog eine unwiderstehliche Stimme durch mein Innerstes: „werde Jüdin! kehre wieder zu Deinem Volke zurück!" Aber wo eine v; schützende Hand finden? Wem sich anvertrauen? — Nun aber Dank sei unserm Gotte! Ich habe nicht nur - eine schützende Hand, sondern auch ein liebendes Herz gefunden.-Doch, geschwind, Geliebter! wir müssen einen Entschluß fassen. Die Messe ist zu Ende und man könnte uns überraschen." : Er hatte sie mit bewegtem Gemiithe bis zu Ende gehört. So überirdisch schön erschien sie. ihm in ihrer Begeisterung, daß seine Liebe zu ihr. immer fester wurde. ■= “ ■; ■ - "■.?!;-'*yyv „Ist sie auch zweifelhafter Abstammung," mochte er sich sagen, «soll sie doch mein geliebtes Weib werden. Sie soll nach allen rituellen Vorschriften dem Hause Israel einverleibt werden. — Mein Entschluß ist fertig. Geliebte," sagte er. „Auf der Stelle verläßt Du diesen Ort und wirst bis zu unserer Verheirathung, d. h. bis Du nach allen Vorschriften Jüdin bist, in dem Hause meines Vaters, der in der von hier sehr entfernten Stadt D. wohnt, freundliche und liebevolle Aufnahme finden. Mein Vater ist ein alter, gebrochener, alleinstehender Mann. Die Mutter starb nämlich, als ich noch ein ganz kleiner Knabe war, in Folge eines großen, unermeßlichen Verlustes. Ich hatte nämlich ein Schwesterchen, ein ganz allerliebstes soll's gewesen sein, und mit diesem Schwesterchen ging ich eines Tags — ohne daß es die Eltern wußten — fort und kehrte allein zurück. Denn das Schwesterchen — so erzählt« ich damals —. hätten zwei.Frauen, die sich »ms Tanten nannten, mit sich genommen. Es wurde uns gestohlen und meine Mutter weinte, schrie und schlug »»»ich; unk mein Vater lief von einem Gericht zum andern, »nein« Schwester wurde nirgends gefunden, sie blieb' verschollen. Nach einem Jahre konnte ich auch »nein« gute Mutter nirgends finden und ich weinte »»nd frug! „ob inan auch sie uns gestohlen habe?" Mein Datei tröstete mich hierauf, daß nur die bösen Menschen stehlen. der liebe Gott aber mir das Seinige zu sich nehme, und die Mutter wäre beim lieben Gott. Auf meint Frage, ob sie denn wiederkomme, schtvieg er und eine Thräne glänzte in seinem Auge. Seit dieser Zeit ist mein lieber Vater gebrochen und alt geworden. Er »vohnt einsam und allein und seine Beschäftigung ist, für das Seelenheil der Mutter und für mein Glück zu beten. Und sein Trost ist die Hoffnung, daß sie wiederkoinmen wird, die Tochter, als keusche, blühende Jungfrau, daß sie lebt. — Morgen ist der Jahrestag, an den» sie verschollen, da »vill ich Dich ihin als treue zukünftige Schwiegertochter in die Arme führen. Du wirst ihm eine Tochter, sein und er wird Dich lieben." ' In der Kirche »var's mittlerweile stillgcworden und die Nacht hatte sich über die Erde gesenkt, als. er sie vorsichtig über die Mauer hob. - \ v; „Schon wieder ist ein Jahr vorüber, es sind, nun schon fünfzehn Jahre, seitdem sie mir entrissen 'wurde, meine theure Tochter Lea. Es sind, nun bereits fünfzehn Jahre, seitdem »nein Herz so wund, so unheilbar wund ist. Fünfzehn trübe, kranke Jahre sind es, seitdem das so schöne Farnilienglllck aus und das finstere

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